Die beste Lösung kostet zu viel

Wangen an der Aare

Am Infoabend zum Autobahnausbau war die Stimmung im Salzhaus erst angespannt, dann gelöst. Das Astra konnte Fragen beantworten – aber nicht alle zufriedenstellend.

Ein Marsch für mehr Lebensqualität: Rund 65 Niederbipper, Wolfisberger und Oberbipper machten sich am Mittwoch zu Fuss auf den Weg zum Infoabend.

Ein Marsch für mehr Lebensqualität: Rund 65 Niederbipper, Wolfisberger und Oberbipper machten sich am Mittwoch zu Fuss auf den Weg zum Infoabend.

(Bild: Thomas Peter)

Julian Perrenoud@bernerzeitung

Zielstrebig steuert Sibylle Schönmann um die Ecke, die Regenjacke in der einen, den Rucksack in der anderen Hand. «Wir wollen zuhören, und ich hoffe, dass unsere Fragen ernst genommen und beantwortet werden.»

Die Gemeindepräsidentin (SVP) von Niederbipp ist rechtzeitig im Wanger Salzhaus angekommen – eigentlich schon eine halbe Stunde zu früh. Mit dem Bipper Gemeinderat machte sie sich bei Wind und Regen auf den etwa sechs Kilo­meter langen Weg entlang der Autobahn bis nach Wangen. Etwa 50 Niederbipper und Wolfisberger schlossen sich Schönmann an, und auf halber Strecke auch 15 Oberbipper.

Es sollte ein Marsch für mehr Lebensqualität sein. Und für weniger Licht und Lärm von der Autobahn her. Beides werde durch den Ausbau auf sechs Spuren zwischen Luterbach und Härkingen zunehmen, so die Befürchtung.

Der Niederbipper Gemeinderat findet, das Bundesamt für Strassen (Astra) sehe für das Dorf zu wenige Massnahmen vor in diesem Ausbauprojekt, das acht Jahre dauern und 886 Millionen verschlingen soll.

«Ausbau unumgänglich»

Schönmann nimmt ihren Platz ein, das Salzhaus füllt sich. Für 300 Personen ist gestuhlt, kurz vor 19 Uhr braucht es noch zusätzliche Stühle. Auf der Bühne steht Richard Kocherhans bereit, Filialchef des Astra in Zofingen, flankiert von je drei Vertretern des Astra und des Kantons Solothurn.

Während des einstün­digen Vortrags mit seitenweise Powerpoint-Folien und haufenweise Zahlen bezeichnet Kocherhans den Ausbau am Jura-Südfuss als eine Engpassbeseitigung mit hoher Dringlichkeit. Gerade im Bereich Wangen und Niederbipp.

«Ich hoffe, dass unsere Fragen  ernst genommen werden.»Sibylle Schönmann, Gemeindepräsidentin Niederbipp

«Wenn Sie Benutzer dieses Abschnitts sind, und davon sind heute sicher einige hier, wissen Sie, dass es hier jeden Morgen und jeden Abend staut.» Mit Blick auf die verkehrstechnische Entwicklung in den nächsten zwei Jahrzehnten sei ein Ausbau der A 1 unumgänglich.

Kocherhans und sein Team sind dabei überzeugt, mit den vorgelegten Plänen, die für die ­öffentliche Planungsauflage in 15 Gemeinden 14 Ordner füllen, die bestmögliche Lösung zu haben. Gerade auch, wenn man die ­anspruchsvollen Umstände des Projekts und die strikten Budgetvorgaben bedenke.

Dabei will das Astra den 21,9 Kilometer langen Abschnitt nicht bloss auf sechs Spuren erweitern, sondern auch Sanierungen und Neubauten ­realisieren. So werden die Ein- und Ausfahrten in Wangen und Niederbipp mit Kreiseln und ­Bodenversickerungsanlagen neu gestaltet.

«Nicht nachvollziehbar»

Mit der letzten Folie auf dem Beamer startet der wichtigste Teil des Infoabends: die Fragerunde. Sofort schnellen im ganzen Saal Hände in die Höhe. Landwirt Andreas Fankhauser aus Wangen ist mit der Linienführung einer 16 Meter langen Kurve nicht zufrieden.

Da würden 11'000 Quadratmeter Land verbaut, moniert er. «Das kann ich nicht nachvollziehen.» Manfred Misteli, Projektleiter des Astra, entgegnet, diese Massnahme sei bedingt durch die neue Linienführung und die verlängerte Einfahrt bei der Raststätte Deitingen.

«Die Kosten für einen Tunnel wären mit etwa 400 Millionen Franken ­exorbitant.»Richard Kocherhans, Filialchef Astra

Der Natur- und Vogelschutzverein Wangen will seinerseits wissen, weshalb ein Reservat für eine Baupiste ausgesteckt sei. Das sei doch nicht in Ordnung. Misteli sagt, man müsse dort Hochspannungsnetze abbrechen. Sollte tatsächlich ein Schutzgebiet tangiert sein, solle man das Einspracheverfahren nützen.

Warum nicht in den Boden?

Kritisch beurteilen einige Anwesende im Saal auch die geplante Wildtierunterführung bei Wangen. Diese befände sich in einem Gebiet, das wegen der menschlichen Mehrbelastung für Tiere gar nicht attraktiv sei. Zudem, so die Befürchtung, ziehe ein unterirdischer Korridor in einem Naherholungsgebiet Jugendliche an, die dort ihre Freizeit verbringen und Abfall liegen lassen würden.

Hier verweist das Astra lediglich ans Bundesamt für Umwelt und die verantwortlichen Fachstellen. Man führe einzig deren Auftrag aus. Trotzdem würde Hanspeter Schmitz, Vizegemeindepräsident von Wiedlisbach (SVP), den Wildtierübergang lieber am Wanger Stutz sehen. Und stattdessen die Autobahn in einem Tunnel verschwinden lassen. «Wir müssen in den Boden, gerade auch, weil Land immer teurer wird.»

Astra-Filialchef Richard Ko­cherhans entkräftet aber auch diesen Vorschlag. Man habe einen zwei Kilometer langen Tunnel geprüft. «Die Kosten wären mit etwa 400 Millionen Franken exorbitant.» Wohl oder übel leuchtet das vielen im Salzhaus ein. Schliesslich stehen keine Fragen mehr im Raum.

«Da sind wir froh», sagt Kocherhans und nickt zufrieden. «Denn ich weiss nicht, ob die Wanderer auch wieder heimlaufen müssen.» Damit hatte das Astra am Ende die Lacher auf seiner Seite.

Langenthaler Tagblatt

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