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«Die Arbeitslast des Obers hat zugenommen»

Wäre er nicht Gemeinderat geworden, hätte Markus Gfeller noch ein paar Jahre weitergemacht als Ober der Fasnacht. Weil der Spagat zwischen Stadtregierung und Narrenführung für ihn ein No-go ist, tritt er nun nach neun Jahren zurück.

Interview: Patrick Jordi

Ihre letzte Fasnacht als Oberfasnächtler wird wohl besonders stressig.Markus Gfeller:Warum meinen Sie?

Die Eröffnungszeremonie am Samstag: Als Ober der Fasnachtsgesellschaft (LFG) nehmen Sie zuerst den Schlüssel von Stapi Reto Müller entgegen, und Augenblicke später müssen Sie als Gemeinderat ihre Fischfangkünste im schwebenden Korb beweisen.Das wird in der Tat eine etwas spezielle Situation (lacht). Die Doppelfunktion ist mit ein Grund, weshalb ich mich dazu entschlossen habe, das Amt des Fasnachtsobers abzugeben. Beide Ämter innezuhaben, beisst sich im historischen Zusammenhang.

Wer sagt das? Es steht nirgendwo geschrieben, dass ein Fasnachtsober nicht gleichzeitig auch Gemeinderat sein darf.Nein, das stimmt. Aber ich persönlich bin es, der sagt, dass das nicht geht. Rechtlich gesehen wäre es zwar effektiv kein Problem. Aber es ist doch schlichtweg eigenartig, wenn während der Fasnacht, die unter anderem dazu da ist, der Stadtregierung einmal im Jahr den Spiegel vorzuhalten, ausgerechnet ein Regierungsmitglied den obersten Fasnachtsposten innehat.

Kommt hinzu, dass es zwischen der LFG und der Stadt noch andere Verbindungen gibt: Das Einholen von Bewilligungen, finanzielle Verpflichtungen und Gefälligkeiten et cetera.Es ist in der Tat schräg, wenn ich als Ober im Dezember ein Gesuch für die Fasnacht stelle und dieses dann im Januar als Ressortvorsteher der öffentlichen Sicherheit auf dem Schreibtisch vor­finde. In diesem Jahr hat die ­Beurteilung des Gesuchs selbst­redend eine andere Person vorgenommen, nur um das klarzustellen. Es ist aber schon so: Mit dem Amt für öffentliche Sicherheit bin ich als Gemeinderat stadt­seitig sicher am meisten von der Fasnacht tangiert.

Mal abgesehen von diesen möglicherweise störenden Zusammenhängen und Interessenbindungen: Hätten Sie als Ober noch weitergemacht?Ein paar Jahre schon, ja. Denn ich finde das Amt nach wie vor sehr lässig, auch die Crew innerhalb der LFG. Zurückzutreten macht mich deshalb auch ein bisschen wehmütig.

Nun soll das Amt des höchsten Fasnächtlers umgekrempelt werden. Wozu die Neuorganisation?Die Arbeitslast des Fasnachts­obers hat in den letzten Jahren nach und nach zugenommen. Jetzt soll die Arbeit auf zusätz­liche Schultern verteilt werden. Aus diesem Grund haben wir in diesem Jahr auch sechs Kandidaten, die in die LFG aufgenommen werden sollen. Das Ressort des Obers soll entschlackt und dessen Rolle neu definiert werden.

Wie denn?Der künftige Ober oder die ­künftige Oberin soll vorwiegend ­repräsentative Aufgaben wahr­nehmen. Beispielsweise während der Fasnachtseröffnung am 11. 11. oder während der Zeremonie am Fasnachtssamstag. Die betreffende Person führt im LFG-Büro ihr angestammtes Ressort aber trotzdem weiter. Diese Lösung hat man gewählt, weil sich die ­Büromitglieder grundsätzlich sehr wohl fühlen mit den ihnen anvertrauten Aufgaben. Zudem kommen so neben den repräsentativen nicht noch weitere neue Aufgaben dazu.

Wenns um Ihre Nachfolge geht, sprechen Sie andauernd von «einer Person». Wer beerbt Sie nun als Ober?Meine Nachfolge wird wie bereits angekündigt an der Hauptversammlung im Juni kommuniziert.

Die LFG lässt sich Zeit in dieser Angelegenheit – weil sie noch niemanden gefunden hat oder weil sich niemand fürs Amt des Obers begeistern kann?Doch, es gibt sehr wohl eine Person, die intern auch praktisch feststeht. Wir werden im Juni also mit Sicherheit jemanden präsentieren können. Zum jetzigen Zeitpunkt nennen wir aber noch keinen Namen.

«Man kann der LFG eine Ungleichbehandlung der Cliquen vorwerfen. Ob diese sich den Vorwurf jedoch gefallen lassen muss – da bin ich mir nicht so sicher.»

Markus Gfeller

Einmal LFG-Mitglied, bleibt man der Gesellschaft auf Lebzeiten erhalten – sofern man das will. Werden Sie nun zum ewigen Nörgler, der immer alles besser weiss und in der LFG keinen Finger mehr rührt?Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in Zukunft gar nichts mehr machen werde. Welches meine Aufgaben sein werden, steht aber noch nicht fest. Vielleicht etwas Bisheriges. Grundsätzlich bin ich aber auch offen für Neues, sollten intern neue Ideen aufkommen. Meine allfäl­ligen zukünftigen Arbeiten müssen bei Gelegenheit noch definiert werden; aber es wird mit ­Sicherheit deutlich weniger sein als bisher.

Sie könnten auch wieder einer Clique beitreten? Klassischerweise gibts in Langenthal drei Standbeine: Guggenmusik, Schnitzelbank und Wagenbau. Wohin gehört Markus ­Gfeller?Eigentlich eine rhetorische Frage (lacht). Schliesslich war ich längere Zeit in einer Guggenmusik, und ich stehe der Musik auch sonst recht nahe. Doch heute kann ich es mir nicht mehr so recht vorstellen, in einer Gugge aktiv zu sein. Diese Zeiten sind vorbei. Als Wagenbauer tauge ich auch nichts. Dazu hätte ich null Begabung, ich wäre vermutlich andauernd verletzt.

Also gibts aus dem abtretenden Ober einen Schnitzelbänkler.Wer weiss. Die Frage ist, ob ich den Mut hätte, in diese Richtung zu gehen. Das Schnitzelbank­wesen ist ein hartes Brot. Allein würde ich es bestimmt nicht ­wagen.

Werden die drei Langenthaler Fasnachtsstandbeine allesamt gleich behandelt?Ich denke schon. Warum meinen Sie?

Weil nicht zum ersten Mal der Vorwurf erhoben wird, die LFG behandle die Guggenmusiken im Vergleich zu anderen eher stiefmütterlich. Ein Beispiel dafür sind die finanziellen Entschädigungen. Geld erhalten die Wagenbauer und neuerdings auch die Schnitzelbänkler. Nicht aber die Guggen.Die Wagenbaucliquen erhalten einen finanziellen Beitrag an ihre sehr teuren Umzugswagen. Darüber hinaus stellt die LFG gewisse Materialien fürs Bauen zur Verfügung. Das ist meines Erachtens auch okay, weil die Wagenbaucliquen weniger Mitglieder haben als die Guggenmusiken und daher ihre Möglichkeiten, mittels einer Party oder eines Helfereinsatzes Geld zu verdienen, beschränkt sind. Bei den Schnitzelbankcliquen hingegen wollen wir mit einem monetären Anreiz dafür sorgen, dass alte und bewährte Formationen nicht aufhören und – was mit Geld zugegebenermassen wohl kaum zu bewerkstelligen ist – sich womöglich neue bilden. Bei den Schnitzelbankcliquen soll die finan­zielle Entschädigung ein Merci sein – im Sinne einer Wertschätzung.

Die Guggen leisten auch einen grossen Beitrag zugunsten der Langenthaler Fasnacht. Wo bleibt hier die Wertschätzung?Ohne Guggen wäre unsere Fasnacht um einiges ärmer, zweifellos. Ich will deren Bedeutung keinesfalls schmälern. Es ist aber so, dass in Langenthal die Guggen momentan das kleinste Bedürfnis haben, gefördert zu werden. Wir haben zahlreiche Musikgruppen. Und nicht wenige sind hinsichtlich der Anzahl Mitglieder sehr stark. Wer viele Leute hat, kann auch einfacher finanzielle Mittel generieren . . .

. . . wobei der Geldbedarf geringer ist, wenn man eine kleinere Gruppe ist – etwa als zweiköpfige Schnitzelbank. Als Tambourmajor einer Guggenmusik kann ich nachvollziehen, dass sich gewisse Guggenmitglieder angesichts des neu eingeführten Zückerli für die Schnitzelbänkler ungerecht behandelt fühlen.Man kann der LFG eine Ungleichbehandlung vorwerfen. Ob diese sich den Vorwurf jedoch gefallen lassen muss – da bin ich mir nicht so sicher. Denn wir machen für die Guggen auch etwas: Wir stellen im Stadtzentrum zwei Bühnen auf oder betreiben in der Markthalle einen VIP-Bereich. Andere infrastrukturelle Massnahmen wie die Bühnen auf dem Wuhrplatz oder auf dem Dästerplatz wurden auch für die Guggen realisiert. Doch dafür war offensichtlich das Bedürfnis nicht vorhanden. Erwähnen sollte man in diesem Zusammenhang auch die hohen Kosten, die der LFG insbesondere am Samstagabend entstehen.

Was haben die Guggen damit zu tun?An diesem Fasnachtsabend sind die Guggen der Publikumsmagnet schlechthin. Die vielen Leute, die sich zu dieser Zeit im Stadtzentrum aufhalten, stellen mittlerweile hohe Anforderungen an uns bezüglich der Sicherheit. Die Entschädigungen der Zutrittskontrollen, das Sicherheitspersonal: Diese Massnahmen kosten viel Geld.

Einzig und allein der Guggenmusiken wegen kommt das Volk am Samstagabend aber nicht an die Fasnacht. Es ist ein Anlass mit Festivalcharakter: Partybetrieb, Musik in den Bars, Essensstände, man trifft sich . . .(überlegt) Natürlich kann man es nicht nur den Guggen in die Schuhe schieben. Aber mal ehrlich: Würden wir uns – jetzt einfach mal aus theoretischer Sicht – die Guggenmusiken wegdenken, so wäre die Fasnacht wesentlich kleiner – und eben, sie wäre auch ärmer. Eine kleinere Fasnacht mit einem Umzug für die Wagenbauer einerseits und Schnitzelbänken in den Beizen andererseits würde wiederum weniger Menschen anziehen. Womit die Ausgaben für die Sicherheit geringer wären. Ich bleibe dabei: Die Guggen sind ein enormer Publikumsmagnet.

Lassen wir dieses Thema. Wie steht es um die Finanzen der Fasnachtsgesellschaft?Wir sind nicht so schlimm dran, auch wenn wir in den letzten zwei Jahren wegen des schlechten Wetters ein Minus eingefahren haben. Einen Totalausfall des Umzugs, der uns im Normalfall viele Einnahmen bringt, könnten wir derzeit also verkraften. Beim Umzug ist die Publikumswirksamkeit extrem wetterabhängig. Ob schönes oder schlechtes Wetter: Das kann am Fasnachtssonntag einen Einnahmeunterschied von achtzig Prozent ausmachen. Interessanterweise ist das Guggenspektakel weniger vom Wetter abhängig. Wenns regnet, bricht hier vielleicht ein Viertel der gewohnten Einnahmen weg.

Wir haben es gehört: Damit die Kasse stimmt, müssen viele den Umzug schauen wollen. Und es kommen dann viele Menschen und kaufen eine Plakette, wenn der Umzug möglichst attraktiv ist. Ist das ein Grund dafür, weshalb die LFG die geltende Maskentragpflicht nun mit den angedrohten Sanktionen durchsetzen will?Genau so ist es.

Wie gut wird man hinschauen?Die angekündigten Massnahmen sollen kein Lippenbekenntnis sein. Wir kontrollieren, indem wir den Umzug wiederum filmen. Fehlbare Cliquenmitglieder können also im Nachhinein ausgemacht werden. Ich bin gespannt darauf, was passieren wird. Mir ist sehr wohl bewusst, dass das Tragen einer Maske nicht sonderlich lustig ist. Man schwitzt, das Sichtfeld ist eingeschränkt und man kriegt oftmals sogar noch Konfetti ins Gesicht geschmissen. Aber Masken gehören traditionellerweise zum Langenthaler Fasnachtsumzug dazu. Er ist und bleibt nicht zuletzt deshalb auch ein besonders schöner Umzug.

Apropos schön: Die Fasnacht ist eine farbenfrohe und lustige Angelegenheit. Es gab in Ihrer Amtszeit aber einen tragischen Vorfall, der alles andere als schön war.Sie meinen den tödlichen Unfall, der sich nach dem Fasnachtsumzug 2012 beim Abbau der Wagen ereignet hat. Ein Vorfall, der mir sehr nahe gegangen ist. Sicher der traurigste Moment meiner Amtszeit. Als ich damals am Ende der Fasnacht während des Cliquencharivaris einige Worte an die versammelte Fasnachtsgemeinde richtete, war es vollkommen still in der Markthalle. Es war ein sehr tragischer und hoffentlich einmaliger Arbeitsunfall. Die LFG-Verantwortlichen weisen seither bei einem jährlichen Wagenbautreffen auf die Gefahren beim Abbau hin.

Welche Auswirkungen haben die Anschläge, die in Nizza oder Berlin verübt wurden, auf die hiesige Fasnacht?Vor dem Hintergrund dieser Vorfälle wurde überlegt, wie mit den Zufahrtsstrassen umgegangen werden soll. Auch wenn Langenthal nicht vordergründiges Ziel für einen solchen Anschlag ist, ausschliessen kann man die Gefahr nicht. Auch bei uns sind an der Fasnacht viele Menschen unterwegs, gerade am Samstagabend während des Guggenspektakels. Deshalb wollen wir präventiv etwas unternehmen.

Werden Prellböcke aufgestellt, etwa in der oberen Marktgasse?Es wird in dieser Hinsicht zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen geben, welche Form diese auch immer haben mögen.

Bei ihrem Amtsantritt gaben Sie zu Protokoll, Sie würden die Fasnacht als Ober bestimmt nicht neu erfinden. Tatsächlich hat sich der Anlass in den letzten neun Jahren kaum verändert. Gibt es dennoch Entwicklungen, die eindeutig auf Ihre Initiative zurückzuführen sind?Ich habe mich für die Wieder­belebung des Kehrausballs am Montagabend eingesetzt. Das ist uns gelungen, wobei der Anlass nicht ganz da ist, wo ich ihn eigentlich gerne gehabt hätte. Ursprüngliches Ziel war es, den Kehrausball wieder als Maskenball auszurichten. Aber die meisten Leute wollen sich heute einfach nicht mehr maskieren. Trotzdem ist der Kehrausball heute ein Erfolg: Es gibt Fasnächtler, die kommen nur an diesem Abend und nur für diesen Anlass nach Langenthal.

Was hat sich in Ihrer zu Ende ­gehenden Ära sonst noch ver­ändert?Der Gönnerabend. Als ich mein Amt antrat, konnte dieser Anlass bis zu sechs Stunden dauern. Das war zu lange. Wir haben mittlerweile die Auftrittszeiten angepasst. Grosse Guggen erhalten Doppelblöcke. Es wird mit Pausen gearbeitet. Im Bären gibt es Showblöcke, damit die Zuschauer nebenher noch Zeit für ein Gespräch oder fürs Essen haben. Viel Arbeit wurde zudem im Bereich Nachwuchs geleistet. Während meiner Amtszeit ist beispielsweise der Nachwuchssujet-Wettbewerb entstanden – mit dem Hintergedanken, die Schüler bereits früh mit dem Brauchtum in Kontakt zu bringen.

Und: Geht es für den abtretenden Ober nach der Fasnacht nun «uf u dervo»?Traditionellerweise verbringe ich nach der Fasnacht einige Tage im Schnee. Das wird auch dieses Jahr so sein. Dabei kann ich nochmals in den gesammelten Eindrücken schwelgen und mich für den Arbeitsalltag rüsten.

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