Der Wind im Bifang sorgt dafür, dass die Kugel ruhig rollen kann

Gondiswil

Die Marmelbahnen Cuboro sind weitherum bekannt. Die erforderliche Präzision erreichen die Holzwürfel mit ihren Bahnen und Löchern bei Nyfeler Holzwaren. Dort wird haargenau gearbeitet.

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Es sieht einfacher aus, als es ist: Dass eine Kugel im Marmelspiel Cuboro ohne anzustossen über und durch die Holzwürfel rollt, ist nicht selbstverständlich. «Weil die Würfel gestapelt werden, summieren sich die feinsten Unterschiede», sagt Remo Nyfeler, der die Würfel herstellt. Deshalb arbeitet seine Nyfeler Holzwaren auf fünf Hundertstel Millimeter genau. Das entspricht der Feinheit eines menschlichen Haares.

«Im Prinzip arbeiten wir, wie wenn wir eine Rolex aus Holz herstellen müssten.»Das wiederum ist laut dem gelernten Schreiner und passionierten Computertüftler nur möglich, weil seine Maschinen und sein Bearbeitungszentrum nach wie vor auf der windigen ­Bifang-Höhe in Gondiswil laufen.

Das wiederum ist nicht selbstverständlich, denn Nyfelers Betrieb liegt im Landwirtschaftsgebiet. Insellösungen sind im heutigen Raumplanungsrecht nicht mehr vorgesehen — ausser der Besitzer kann nachweisen, dass sein Gewerbe standortgebunden ist. So wie zum Beispiel ein Kieswerk dort arbeiten muss, wo das Kies im Boden ist.

Teure Gutachten

Für Remo Nyfeler war diese Standortgebundenheit jedoch nicht so leicht nachzuweisen. «Lange waren wir deshalb im Ungewissen, ob unser Betrieb eine Zukunft hat», blickt er auf schwierige Jahre zurück.

Denn für den Beweis genügte es nicht, dass Vater Hans Nyfeler aus langjähriger Erfahrung wusste, dass dicke Hartholzladen im Bifang schneller trocknen, als es der in Landwirtschaftskreisen bekannten Regel von einem Jahr pro Zentimeter Dicke entspricht.

«Wir mussten das mit teuren Gutachten wissenschaftlich bestätigen lassen», hält der Sohn fest. Zudem sei es wichtig, dass das Holz nicht nur im Bifang zur Trocknung gelagert werden könne, sondern auch gleich dort verarbeitet werde, weil nur so die geforderte Restfeuchte von sieben bis acht Prozent auch auf der Maschine eingehalten werden könne. Das wiederum ist Voraussetzung für das haargenaue Ar­beiten.

Kleine Landwirtschaft

In den Bifang zog es den Grossvater von Remo Nyfeler allerdings nicht wegen des Windes, als er seinen 1937 in Rohrbach gegründeten Betrieb nach elf Jahren dorthin verlegte.

Vielmehr wollte Ernst Nyfeler neben der Werkstatt noch eine Hobbytierhaltung zur Selbstversorgung betreiben, und das war in den engen Verhältnissen in Rohrbach nicht möglich.

Ernst Nyfeler war Rechenmacher, und diesen Beruf lernte auch Sohn Ernst, als sein Vater bereits 1958 unerwartet starb, als er selbst erst aus der Schule kam. Er sei einer der letzten Lehrlinge dieses Berufs gewesen, erinnert sich dieser.

Denn mit der Mechanisierung verschwand in der Landwirtschaft der grösste Teil der Handarbeit und damit auch die vielen Werkzeugstiele, die dabei zu Bruch gehen konnten. Er habe den elterlichen Betrieb möglichst rasch übernehmen müssen, um bestehende Aufträge nicht zu verlieren, blickt er zurück.

Mehr als Rechen und Gabeln

Dabei täuscht die Berufsbezeichnung Rechenmacher allerdings. Dieser stellte nicht bloss auch andere Werkzeuge aus Holz her, zum Beispiel Gabeln aller Art, sondern ebenso verschiedene Spielzeuge und Behälter.

Hans Nyfeler entschloss sich, künftig auf diesen Zweig zu setzen. Kurzerhand löste er ein Hausiererpatent und brachte so die grossen Lagerbestände an Rechen, Gabeln und Stielen unter die Leute. «In der Gegend von Walkringen fand ich noch Abnehmer, während im tiefer gelegenen und flacheren Seeland die Maschinen ihren Siegeszug bereits angetreten hatten.»

«Ohne Industrie­roboter und CNC-Bearbeitungszentrum wäre heute eine rationelle Produktion nicht mehr möglich.»Hans NyfelerHans Nyfeler

Zum Meisterstück im neuen Haupttätigkeitsgebiet entwickelte sich ein Geschicklichkeitsspiel, für das Hans Nyfeler ein spezielles Werkzeug ausgetüftelt hatte: das Labyrinth. Es konnte so praktisch in einem Arbeitsgang hergestellt werden. Es brachte Hans ­Nyfeler in Kontakt mit dem Schweizer Spieleentwickler Kurt ­Naef.

Mit seinem Verkaufstalent brachte dieser innerhalb weniger Jahre drei Millionen Stück unter die Leute. Umgekehrt sicherte dieser Auftrag Hans Nyfeler Folgeaufträge und in der Branche den Ruf, der Mann für knifflige und hochpräzise Arbeiten in Holz zu sein. Einen solchen suchte auch Matthias Etter.

Für seine geistig und körperlich behinderten Schüler hatte der Sozialpädagoge eine Marmelbahn mit Würfeln entwickelt, die räumliches Vorstellungsvermögen, logisches Denken, Motorik, Konzentration und Kreativität fördert.

Hans und Remo Nyfeler konnten diese in der nötigen Genauigkeit herstellen, inklusive einer Echtkurvenbohrung, mit der die Kugel im Innern des Würfels um 90 Grad umgelenkt werden kann. Mit Cuboro erarbeitet Nyfeler Holzwaren heute 90 Prozent ihres Umsatzes.

Einzug des Computers

Als Glücksfall bezeichnet es Hans Nyfeler, dass mit seinem Sohn Remo rechtzeitig ein Nachfolger bereitstand, der sich bereits in der Schule für Computer interessierte und dieser Leidenschaft auch neben seiner Schreinerlehre frönte.

«Ohne CNC-Bearbeitungszentrum und Industrieroboter wäre heute eine rationelle Produktion nicht mehr möglich», erklärt er. Diese aber ist nötig, damit die Stückzahlen im bezahlbaren Rahmen bleiben.

In Gondiswil wird jedoch nicht nur Holz gelagert und verarbeitet, die fertigen Würfel werden dort auch für die verschiedenen Kasten verpackt und versandbereit gemacht. Rund zehn Berufsleute finden im Betrieb Arbeit.

Viel mehr dürfen es auch nicht werden, denn mit der Umzonung musste Remo Nyfeler die Verpflichtung eingehen, maximal 15 Vollzeitstellen anzubieten. Umsatzzahlen gibt das Familienunternehmen keine bekannt.

Holz aus Wäldern der Region

Selbstverständlich ist für Remo und Hans Nyfeler, dass sie für ­ihre Produkte ausschliesslich Schweizer Holz verwenden. Heute ist es FSC-zertifiziert. Es stammt sogar aus Wäldern in einem Umkreis von wenigen Kilometern um Gondiswil. Bis dieses als fertiges Marmelspiel die Fabrik verlässt, wird es nicht ­x-mal herumgekarrt.

Auch das ist nicht so einfach, wie es scheint, ist es doch heute praktisch das einzige Spielzeug, das noch serienmässig komplett in der Schweiz hergestellt wird. Ausgeklügelte Maschinen sind ebenso Voraussetzung dafür wie der Wind auf dem Gondiswiler Bifang. «Viele aus aller Welt haben schon versucht, uns zu kopieren», stellen Remo und Hans Nyfeler fest. «Keinem ist es bisher gelungen.»

Sie sind deshalb froh, dass sie die Umzonung geschafft haben, dank der sie weiterhin im Bifang produzieren können. Dafür war mindestens ebenso viel Können, Hartnäckigkeit und Verhandlungsgeschick nötig wie für die Konstruktion der Maschinen in der Werkstatt. Zum Glück bringen Hans und Remo Nyfeler diese mit.

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