Der Preis des Fortschritts

Die Einführung des Lehrplans 21 erhöht die ­Anforderungen an die ICT-Infrastruktur der Schulen. Während ­einige ihre Informatik bereits aufgerüstet haben, sind andere ­Gemeinden erst daran, ein Konzept zu erarbeiten.

<b>Die Vorreiter im Kanton Bern:</b> Bereits 2015 erhielten die ersten Siebtklässler im Huttwiler Schulhaus Hofmatt ihr eigenes Streambook.

Die Vorreiter im Kanton Bern: Bereits 2015 erhielten die ersten Siebtklässler im Huttwiler Schulhaus Hofmatt ihr eigenes Streambook. Bild: Thomas Peter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Smartphone, Computer und Co. sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. So ist es kaum verwunderlich, dass die Digitalisierung zunehmend auch in die Schulen einzieht.

«Es ist ein wichtiger Teil des Bildungsauftrags, nicht nur lesen, rechnen und schreiben, sondern auch Medienkompetenz zu vermitteln», sagt Daniel Ott, Vorsteher des Amtes für Bildung, Kultur und Sport der Stadt Langenthal. So ist die Medienkompetenz ein zen­traler Bestandteil des Lehrplans 21, der im Kanton Bern ab nächstem Schuljahr eingeführt wird.

Dies schlägt sich nicht nur im neuen Fach «Medien und Informatik» nieder. Auch in den anderen Fächern werde mit den heutigen Lehrmitteln zunehmend im interaktiven Bereich gearbeitet, sagt Christoph Gnägi, Schulleiter der Volksschule Thunstetten-Bützberg.

Die nötige ICT-Infra­struktur – ICT ist der englische Fachbegriff für Informations- und Kommunikationstechnologie – ist in vielen Schulen jedoch noch nicht auf dem erforderlichen Stand. Um den Anforderungen des digitalen Zeitalters zu ­genügen, müssen die Gemeinden tief in die Taschen greifen.

Kein Computerraum mehr

In Thunstetten-Bützberg etwa genehmigte die Gemeindeversammlung im Juni 2016 einen Kredit über 270 000 Franken für die Aufrüstung der ICT-Infra­struktur. Seit diesem Schuljahr verfügen nun sämtliche Oberstufenschüler über einen eigenen Laptop, die unteren Klassen sind mit mehreren Klassensätzen ausgestattet.

«Mit den neuen Geräten haben wir bereits sehr gute Erfahrungen sammeln können», sagt Christoph Gnägi. Die Schüler würden lernen, eine Suchmaschine zu verwenden oder den Laptop für Präsentationen einzusetzen.

Die technischen Neuerungen bringen auch organisatorische Vorteile mit sich: «Wir müssen keinen Computerraum mehr zur Verfügung stellen und keine Raumreservation mehr organisieren. Die Geräte sind portabel und damit flexibel einsetzbar.»

Der Lehrplan 21 setze voraus, dass die Schulen über eine ge­wisse Infrastruktur verfügten, so Gnägi. «Es ist schön, dass uns die Gemeinde diese Ressourcen bereitstellt. Sonst wäre die Umsetzung des neuen Lehrplans schwer.»

Seit 10 Jahren nicht erneuert

Anderen stehen die Ausgaben noch bevor. So auch der Gemeinde Seeberg, die gemeinsam mit Wynigen einen Schulbetrieb führt. Die Schulhäuser würden über eine sehr unterschiedliche Infrastruktur und veraltete Geräte verfügen, sagt Roland Grütter, Gemeindepräsident von Seeberg. «In den letzten 10 Jahren haben wir nichts mehr erneuert.» Deshalb sei ohnehin ein Investitionsbedarf vorhanden.

Im Hinblick auf den neuen Lehrplan hätten sie sich schliesslich entschieden, ein gesamtschulisches Konzept zu erstellen. Für dieses zog die gemeinsame «Arbeitsgruppe ICT» der beiden Gemeinden eine externe Projektbegleitung bei. Um die gesamte Schule im Informatikbereich zu modernisieren, rechnet die Arbeitsgruppe mit Kosten von 293 000 Franken.

Unter anderem sollen 192 Notebooks angeschafft und ein gemeinsames Netzwerk für alle Standorte eingerichtet werden. Die Gemeinde Seeberg beteiligt sich mit gut 120 000 Franken am Projekt. Die Genehmigung eines entsprechenden Verpflichtungskredits ist für die Gemeindeversammlung vom Dezember traktandiert.

Varianten prüfen

Während sich Seeberg in der Umsetzungsphase befindet, muss Eriswil noch ein Konzept erarbeiten. Um die Herausforderung ICT anzugehen, hat der ­Gemeinderat eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Exekutive und Schule gebildet.

Im Moment stehen den Eriswiler Schülern ein Informatikzimmer mit fix installierten Computern sowie mehrere Laptops zur Verfügung. Ob jedes Kind ein eigenes Gerät bekommen wird, ist laut Sonja Straumann noch unklar.

«Derzeit prüfen wir verschiedene Varianten», so die Gemeindepräsidentin. Offen ist auch, ob auf den Schulpulten dereinst Streambooks oder, je nach Alter der Kinder, auch iPads liegen werden. «Für die höheren Klassen ist ‹Bring your own device› ebenfalls ein Thema», so Straumann. Da viele ältere Schüler schon privat Geräte besässen, könnten sie diese in den Unterricht mitbringen.

Zwar sei in einigen Teilen der Schule WLAN vorhanden, sagt Sonja Straumann. «Um den ­künftigen Anforderungen zu ­genügen, muss der Internetzugang aber verbessert werden.» 80 000 Franken sieht die Gemeinde im Investitionsplan der nächsten drei Jahre vor, um ein ICT-Konzept zu erstellen und umzusetzen.

«Wichtiges Hilfsmittel»

In Huttwil gehört der Einsatz von ICT längst zum Schulalltag. Die Schule darf sich zu den Vorreitern im Kanton Bern zählen: Bereits im August 2015 wurden die ersten Siebtklässler mit einem eigenen Streambook ausgestattet. Ein Jahr später folgten schliesslich die anderen beiden Oberstufenklassen.

Informatikmässig liess die Gemeinde ihre Schule in den letzten beiden Jahren für rund 260 000 Franken aufrüsten. 65 000 investiert sie jährlich, um die Geräte zu warten und neue anzuschaffen. Ihre Erfahrungen seien sehr gut, schreiben der Gesamtschulleiter Pierre Zesiger und der ICT-Verantwortliche Matthias Boss. «Die Rückmeldungen sind meist positiv, auch vonseiten der Eltern.»

«Die Lehrperson ist das zen­trale  Element einer gut funktionierenden Schule.»Pierre Zesiger, Gesamtschulleiter Huttwil

An ihrem 2015 erstellten ICT-Konzept, das jährlich überprüft wird, muss die Schule wegen der Einführung des Lehrplans 21 keine grösseren Änderungen vornehmen. «Bei der Erstellung des Konzepts war uns bewusst, dass neue Medien für die Schule wichtig sind und in alle Fächer inte­griert werden», so Zesiger und Boss.

ICT sei ein wichtiges Unterrichtshilfsmittel für Lernende, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind. Aber es soll beim Hilfsmittel bleiben. «Wo es Sinn macht, können die Geräte eingesetzt und sinnvoll genutzt werden, sonst bleiben sie in der Aufladebox oder im Pult versorgt», so Pierre Zesiger. Denn: «Die Lehrperson ist für mich das zentrale Element einer gut funktionierenden Schule.»

Eine Daueraufgabe

Anders als andere Gemeinden rüstet Langenthal die Informatikinfrastruktur ihrer Schulen seit einigen Jahren fortlaufend auf. «Der IT-Bereich ist einem steten Wandel unterworfen. Deshalb ist dieser auch ohne Lernplan 21 eine Daueraufgabe», sagt Daniel Ott, Vorsteher des Amtes für Bildung, Kultur und Sport.

So sind etwa im Budget 2017 rund 235 000 Franken für Unterhalts-, Software-, Miet- und Verbrauchskosten vorgesehen. Dies unter anderem für 530 Arbeitsplätze, Server, Netzwerkkomponenten, Drucker, Software und Datenverbindungen.

«Wir suchen flexible Lösungen.»Daniel Ott, Amtsvorsteher Bildung, Kultur und Sport Langenthal

Ein Wandel steht den Langenthaler Schulen im ICT-Bereich dennoch bevor: Künftig sollen auch hier die Informatikzimmer weitgehend verschwinden und die Infrastruktur in den Klas­senzimmern verbessert werden.

«Wir suchen flexiblere Lösungen und schlanke, praktikable Geräte», sagt der Amtsvorsteher. Über den Zeitplan und die voraussichtlichen Kosten dieses Vorhabens kann Daniel Ott derzeit noch keine Angaben machen.

Arbeit über Internetplattform

Wie bei anderen Infrastrukturfragen der Volksschule ist es auch im Informatikbereich grundsätzlich den Gemeinden überlassen, auf welche Art und Weise sie ihre Schulen mit Geräten ausstatten. Allerdings scheint es üblich, dass sämtlichen Oberstufenschülern ein Gerät zur Verfügung gestellt wird.

Wie in Huttwil können auch die Schüler von Wynigen-Seeberg diese nach der Schulzeit gegen eine kleinen Beitrag be­halten. In Thunstetten-Bützberg bleiben die Laptops hingegen in Besitz der Schule und werden nach und nach erneuert.

Über eine Internetplattform können die Jugendlichen dort Hausaufgaben zu Hause mit einem privaten Gerät erledigen. Anders ist es in der Unter- und Mittelstufe, wo meist mehrere Klassensätze angeschafft werden.

Was die Weiterbildung der Lehrkräfte im Hinblick auf den Lehrplan 21 betrifft, herrschen in den Schulen gleich lange Spiesse: Die Pädagogische Hochschule Bern bietet ein didaktisches Lehrangebot an, das vom Kanton finanziert wird.

Für die Lehrkräfte stellt ICT denn auch eine Herausforderung dar. «Sie benötigen ein gewisses technisches Grundwissen», sagt Christoph Gnägi, Schulleiter von Thunstetten-Bützberg. Deshalb werden vielerorts schulinterne Weiterbildungen angeboten, so etwa in Huttwil oder Thunstetten-Bützberg. (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 09.11.2017, 22:23 Uhr

Artikel zum Thema

«Ein starrer Informatikraum ist nicht mehr zeitgemäss»

Erwin Sommer, Vorsteher des Amtes für Kindergarten und Volkshochschule, spricht über die Empfehlungen der Erziehungs­direktion an die Gemeinden in Sachen Computerinfrastruktur. Mehr...

So sieht das Schulzimmer der Zukunft aus

Viele Gemeinden investieren in hochwertige ICT-Infrastruktur an Schulen. In Ringgenberg zum Beispiel sind sämtliche Schüler ab der 5. Klasse seit kurzem mit einem persönlichen Laptop ausgerüstet. Mehr...

«Der Lehrplan 21 ist kein Hirngespinst von Bildungsbürokraten»

Lehrerpräsident Beat Zemp kontert Kritik am Lehrplan 21. Enthusiastisch setzt er sich für dessen Orientierung an Kompetenzen ein. Die Schule habe sich stets gewandelt. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...