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Der Masslose und sein Archivar

Franz Eggenschwiler hinterliess ein schier uferloses Werk. Sein einstiger Freund, Hans Eggenberger, gibt nun bereits das dritte Werkverzeichnis in Eigenregie heraus.

Organisieren die Ausstellung: Hans Eggenberger (links) und Kurator Heinz Allemann.
Organisieren die Ausstellung: Hans Eggenberger (links) und Kurator Heinz Allemann.
Olaf Nörrenberg

Er müsse im Französischen besser werden, statt sich einzubilden, er werde ein grosser Künstler. Er sei kein Hodler und kein Van Gogh. Bestenfalls könne er ein guter Sonntagsmaler werden. Das sagte ein Mittelschullehrer zu seinem Schüler Franz Eggenschwiler, der dies nie vergessen sollte.

Ein Hodler wurde er zwar nicht, sehr wohl aber ein wichtiger Schweizer Künstler. 1972 nahm der 1930 Geborene an der legendären von Starkurator Harald Szeemann (1933–2005) kuratierten Documenta 5 in Kassel in der Abteilung «Individuelle Mythologien» teil. Doch im Gegensatz zu Zeitgenossen aus demselben Dunstkreis wie ­etwa Markus Raetz oder Dieter Roth ist Eggenschwiler heute vergleichsweise unbekannt.

Erforscht und beschrieben

Zu Unrecht, wie Hans Eggenberger, ein langjähriger Weggefährte des im Jahr 2000 verstorbenen Künstlers, findet. Der achtzigjährige einstige Pfarrer sitzt seit einer Hirnblutung im Rollstuhl und kann, obwohl er Rechtshänder ist, wegen seiner Lähmung nur noch mit der linken Hand schreiben. Das hat ihn nicht daran gehindert, das Werk seines einstigen Freundes zu ordnen und darüber zu forschen und zu schreiben.

Wenig bekannte Aquarelle

Nun publiziert er bereits das dritte Werkverzeichnis in Form einer CD. Nachdem Eggenberger sich 2008 dem druckgrafischen Werk gewidmet und 2010 das Werkverzeichnis über die wenig bekannten Aquarelle herausgegeben hatte, ist nun das Werkverzeichnis der «Objekte, Malereien und Glasbilder 1946–2000» erschienen.

«Ob Eggenschwiler wirklich an ausserirdisches Leben geglaubt habe, müsse offenbleiben.»

Hans Eggenberger

Parallel dazu findet eine kleine Ausstellung in der Stiftung Franz und Rosemarie Eggenschwiler-Wiggli in Eriswil statt. Hier lebte der in Solothurn geborene Eggenschwiler ab 1973 mit seiner Frau Rosemarie, die ebenfalls künstlerisch tätig war, in einem riesigen ehemaligen Kinderheim. Dies diente dem exzessiven Sammler von «Objets trouvés» als Lager für seine Objektkunst.

Ufos und Brüste

Schon als Kind sammelte Eggenschwiler rostige Dinge und schöne Steine. Nach einer Lehre als Kunst- und Glasmaler in Bern besuchte er zeitgleich mit seinem Freund Dieter Roth die Kunstgewerbeschule in Bern und erlernte verschiedene Drucktechniken. 1955 gründete er gemeinsam mit Peter Meier, Konrad Vetter und Robert Wälti die «Berner Arbeitsgemeinschaft».

Gemeinsam knöpften sich die Künstler Themen vor und rich­teten eine Offsetdruckerei ein. Unter anderem entstanden Mappen zum Thema Ufo. Ob Eggenschwiler wirklich an ausserirdisches Leben geglaubt habe, müsse offenbleiben, so Eggenberger, der sich daran erinnert, wie sein Freund einmal auf einen ominösen Abdruck im Boden hinweisend meinte, hier sei wohl gerade eines gelandet. Er habe solches aber immer mit einem Lachen gesagt. «Er hat es wohl geglaubt und nicht geglaubt», so Eggenberger.

Seiner Faszination verlieh Franz Eggenschwiler in an Ufos erinnernden Objekten aus Holz und Bronze Ausdruck. Auch das «Extraterrestrische Antlitz I» (1969/1970) stammt aus dieser Phase. Das Gesicht besteht aus einem beklebten Kissen in einem Holzkasten.

Ein anderer Themenkreis des Künstlers waren Frauenbrüste. Er habe sich wohl von der katho­lischen Moral, mit der er aufgewachsen sei, befreien müssen, glaubt Eggenberger. So erfand Eggenschwiler etwa einen «Brustschutz» (1970) aus Eisenblech oder schuf mit «Wippbrust» (1970) ein Objekt aus Stahlfeder, Eisen, Holz und Lammfell.

Das schier uferlose Werk seines Freundes zu dokumentieren, erwies sich für Eggenberger als äusserst aufwendig. «Manchmal schien es mir, Franz sage von oben herab: Mach das auch noch.»

Eggenschwiler habe seine Werke nie genau und lückenlos dokumentiert. Er sei im guten Sinne ein Massloser gewesen, der viele seiner Werke verschenkt und sich nach Abschluss einer Arbeit gerne Neuem zugewandt habe.

Sein Archiv hatte er Eggenberger gegeben, weil dieser besser darauf aufpasse als er selbst. Das erwies sich als grosses Glück. Als 1993 Eggenschwilers Haus bis auf die Grundmauern niederbrannte, gingen viele Kunstwerke verloren.

«Sein Archivar», wie Eggenschwiler den Freund nannte, konnte dank gesammelten Fotos, Ausstellungslisten, Einladungskarten und Ausstellungsbesprechungen vieles vor dem gänzlichen Vergessen retten.

Ausstellung: bis 30. Juni, jeweils Samstag und Sonntag, 14 bis 17 Uhr. Stiftungshaus Eggenschwiler, Ahornstrasse 29, Eriswil.

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