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Der heisse Tanz mit der Freikirche

Die ICF-Bewegung ist Untermieterin beim Dance Center Langenthal. Eine direkte Verbindung zwischen den beiden Organisationen gibt es nicht. Die Nähe wirft dennoch Fragen auf.

Durch die Woche wird getanzt, an den Sonntagen wird gebetet: Das Dance Center Langenthal an der Bleienbachstrasse.
Durch die Woche wird getanzt, an den Sonntagen wird gebetet: Das Dance Center Langenthal an der Bleienbachstrasse.
Thomas Peter

«Lasst uns aufstehen und beten.» Der Mann auf der Bühne schliesst seine Augen. Das Licht wird schummrig, im Hintergrund ertönt atmosphärische Musik. «Vater im Himmel, ich danke dir, dass wir nicht länger unter der Knechtschaft des Feindes, von Satan, sein müssen», beginnt er sein Gebet.

Der Mann auf der Bühne heisst Phil Sternbauer. Er ist Gründer und Leiter der Freikirche ICF Mittelland (Abkürzung für International Christian Fellowship). Der Gottesdienst – bei der ICF Celebration genannt – neigt sich dem Ende zu. Aber ein letztes Ritual steht noch an: das Taufen von neuen Besuchern.

Er könne sich vorstellen, dass heute Leute hier seien, die «einen Schnitt», eine «klare Sache» machen wollen, sagt Sternbauer. «Ich bitte dich Heiliger Geist, dass du zu ihnen redest, wenn heute der Tag sein soll.» Der Tag, an dem sie einen «Herrschaftswechsel» machen. Der Tag, an dem sie sagen: «Ich will von der Herrschaft des feindlichen Reiches in die Herrschaft des Königs über alle Könige eintreten. Ich will ein Kind Gottes werden», so Sternbauer.

Träumerische Gitarrenklänge setzen ein. «Du darfst auf drei deine Hand heben, wenn du dich heute taufen lassen willst», sagt Sternbauer. 3, 2, 1 – der Prediger selbst hebt seine Hand und blickt in den Saal. Ein kurzes Nicken.

Aussen hip, innen konservativ

Die beschriebene Szene fand im November letzten Jahres statt und ist auf einem Youtube-Video festgehalten. Sie zeigt, mit welchen Methoden die Freikirche versucht, Menschen an sich zu binden. Wer getauft ist, gehört dazu.

Zwar führt die Kirche keine offizielle Mitgliederliste, aber jeder getaufte ICFler weiss, was von ihr oder ihm erwartet wird: zehn Prozent seines Einkommens der Freikirche zu spenden (der Zehnte) und natürlich, dass die biblisch-konservativen Wertvorstellungen der Glaubensgemeinschaft gelebt und befolgt werden.

Das Konzept hat Erfolg: Keine Freikirche ist in den letzten Jahren so stark gewachsen wie die 1996 in Zürich gegründete ICF. Über die ganze Schweiz sind die Standorte mittlerweile verteilt – auch in Langenthal. Hier ist eine Untersektion der ICF Mittelland von Phil Sternbauer tätig.

Tanzauftritt an der ICF-Party

Eingemietet ist die Freikirche in den Räumlichkeiten des Dance Center Langenthal. Laut Christa Rytz, Geschäftsführerin des Dance Center, ist die ICF Untermieterin im Gebäude. Die Freikirche darf an den Sonntagen die Räumlichkeiten für ihre «Celebrations» nutzen. Laut Rytz sind sie in dieser Zeit allein im Gebäude: «An den Sonntagen finden keine Tanzklassen statt.»

Rytz hält fest, dass es zwischen dem ICF und dem Dance Center keine direkte Verbindung gibt. «Wir sind als Tanzschule konfessionslos und politisch neutral.» Niemand im Team des Dance Center sei Mitglied in der ICF. Bedenken gegenüber der Freikirche hat sie aber keine.

«Ich würde nicht akzeptieren, wenn im Dance Center missioniert würde.»

Christa Rytz, Geschäftsführerin Dance Center Langenthal

«Ich habe mich über die ICF informiert. Sie gilt in der Schweiz nicht als Sekte», sagt Rytz. Dass ICFler in ihrer Tanzschule missionieren, hält sie für ausgeschlossen. Ein Vorfall habe es noch nie gegeben. «Ich würde das auch nicht akzeptieren und habe das vertraglich so mit der ICF geregelt», sagt Rytz.

Berührungsängste scheint es trotzdem keine zu geben. Vorletztes Wochenende feierte die Langenthaler ICF-Sektion ihr fünfjähriges Bestehen. Bei der Party im Parkhotel traten auch zwei Tanzgruppen des Dance Center auf. Die Mitglieder der beiden Gruppen seien zwischen 15 und 30 Jahre alt, sagt Rytz. Sie betont, dass es sich bei dem Anlass um keinen Gottesdienst gehandelt habe. «Wir sind nach dem Auftritt auch alle zusammen wieder gegangen.»

Missionieren gehört dazu

Der Schweizer Freikirchenexperte Hugo Stamm hält den Umgang der Tanzschule mit der ICF für heikel. Dass die Freikirche stets neue Mitglieder sucht, sei schliesslich ein offenes Geheimnis. Laut Stamm gehört das Missionieren bei den Freikirchen zu den «vornehmen» Aufgaben. «Missionieren wird als gute Tat zu Ehren Gottes verstanden. Es geht dabei um die Verbreitung des richtigen Glaubens und des Gottesreiches», sagt Stamm.

Da das Ansprechen von wildfremden Leuten wenig erfolgversprechend sei, konzentrieren sich die Freikirchen auf ihr direktes Umfeld, sprich Freunde, ­Bekannte, Arbeitskollegen oder Nachbarn. Sobald sich ein persönlicher Kontakt ergebe, nutzen ICFler das erfahrungsgemäss dazu aus, Leute für ihre Veranstaltungen einzuladen, sagt Stamm. «Die Gläubigen werden von den Pastoren und Kirchenoberen dazu ermuntert.»

Es fällt auch auf, dass die ICF stets die räumliche Nähe zu ihrem jungen Zielpublikum sucht. In Bern sind sie gleich neben der Universität stationiert, in Oftringen in einem Kino- und Ausgehkomplex. Gegen aussen will sich die Freikirche hip und modern geben, um Jugendliche anzusprechen. Da passt die Tanzschule perfekt ins Bild.

«Ein gutes Mietverhältnis»

Die ICF Mittelland bestreitet aber, dass sie in der Tanzschule missionieren. «Das ist überhaupt nicht die Intention», sagt Patric Neeser, Sprecher des ICF Mittelland. Die Tanzschule habe man im Rahmen des Jubiläums zur Party eingeladen, um den Event mit einem Showact zu bereichern.

«Wir haben ein gutes Mietverhältnis», sagt Neeser. Die Freikirche benutze an den Sonntagen jeweils drei Räume des Dance Center sowie das Café ­Romeo, das Bistro der Tanz­schule.

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