Der Bankräuber, der HIV verbreitete und verschwand

Weil er seine Partnerin wissentlich mit HIV infizierte, sollte ein Mann vor dem Regionalgericht erscheinen. Doch der Angeklagte ist abgetaucht. 2013 sorgte er mit einem Banküberfall in Lützelflüh für Wirbel.

Blutproben für einen HIV-Test – verschwieg der Bankräuber seiner Partneri, dass er HIV-positiv war?

Blutproben für einen HIV-Test – verschwieg der Bankräuber seiner Partneri, dass er HIV-positiv war? Bild: Keystone

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Alles fing mit einer Liebesgeschichte an. Im Frühsommer 2011 lernten sich die beiden kennen. Beide Lastwagenfahrer aus der Region. Die Zeit zwischen den Fahrten verbrachten sie beim Kaffee, führten Gespräche, lernten sich besser kennen. Schon bald wurde aus den Kollegen ein Paar.

Doch die Geschichte sollte kein glückliches Ende nehmen. Sie war bereits ein gutes halbes Jahr später vorbei. Und beschäftigt gar die Behörden, denn der heute 46-Jährige ist HIV-positiv. Ob seine damalige Geliebte davon auch Kenntnis hatte, das war ­am Dienstag am Regionalgericht Emmental-Oberaargau Thema.

«Sie hat ihn mehrfach auf das Thema Aids angesprochen, und er hat gesagt, er sei sauber und gesund.»Walter Rumpf? 
Anwalt des Opfers

Fakt ist, dass er sie während der siebenmonatigen Liaison mit HIV ansteckte. «Sie hat ihn mehrfach auf das Thema Aids an­gesprochen, und er hat gesagt, er sei sauber und gesund», sagt der Anwalt des mutmasslichen Opfers. So hatten die beiden nach den ersten Wochen des Kennenlernens ungeschützten Geschlechtsverkehr. «Sie vertraute ihm.»

Anders klingt die Aussage des mutmasslichen Täters. Er habe ihr von Anfang an gesagt, dass er HIV-positiv sei. Zudem hätten sie immer mit einem Kondom ­verhütet, so sein Anwalt Oliver Krüger.

Zur Fahndung ausgeschrieben

Für sich selbst sprechen konnten hingegen weder der Angeklagte noch das mutmassliche Opfer. Denn sie erschienen beide nicht vor Gericht. Während sie während des ersten Termins im September 2017 noch anwesend war, fehlt von ihm seit eineinhalb Jahren jede Spur.

Man wisse nicht ­genau, wo er sei. Malaysia oder Indonesien seien mögliche Aufenthaltsorte, sagt Gerichtspräsidentin Nicole Fankhauser. Aber beide Länder würden keine Straftäter ausliefern. Und dies, obwohl er europaweit zur Fahndung ausgeschrieben sei, so Fankhauser.

Eine halbe Million erbeutet

In Südostasien untergetaucht ist der Angeklagte nicht zum ersten Mal. Bereits im Frühling 2013 flüchtete er nach Thailand. Dies nach einem spektakulären Überfall auf die Bernerlandbank in Lützelflüh.

Die Flucht mit einer Beute von fast einer halben Million Franken war in mehrfacher Weise aufsehenerregend. So liess er sich frontal von der Überwachungskamera filmen – die Spraydose, mit der er die Linse hatte besprühen wollen, hatte nicht funktioniert.

Zudem fuhr er nach dem Überfall mit der Komplizin im Schlepptau und der Beute im Gepäck erst auf den Polizeiposten in Bern. Dort beglich er vor seiner Abreise pflichtbewusst noch eine Busse von 200 Franken. Dann kam er ohne Probleme über die Grenze. Später folgte ihm dann die Komplizin mit einem Grossteil der Beute.

Auch mit ihr hatte er ungeschützten Geschlechtsverkehr. Sie steckte sich allerdings nicht mit HIV an. In Thailand wurde er dann allerdings von den lokalen Behörden verhaftet und an die Schweiz ausgeliefert. Der Bankräuber wurde in zweiter Instanz zu 45 Monaten Haft verurteilt, wovon er zwei Drittel auf dem Thorberg absitzen musste.

Zurück zum aktuellen Gerichtsfall: Als der Mann 2011 die Lastwagenchauffeuse kennen lernte, hatte der Angeklagte noch nicht als Bankräuber für Schlagzeilen gesorgt. Die Beziehung nahm nämlich fast zwei Jahre vor dem Überfall ihren Anfang.

Dass der Fall erst jetzt zur Anklage kommt, hat einen bestimmten Grund: Das mutmassliche Opfer liess sich nämlich erst im Dezember 2014 auf Aids testen. Dies, nachdem ihr ein gemeinsamer Kollege auf Facebook geschrieben hatte, dass ihr EX-Freund seit mehreren Jahren HIV-positiv sei.

«Sie hätte sich bestimmt nicht erst Jahre später testen lassen, wenn sie von der Infizierung des Angeklagten gewusst hätte», sagt Staatsanwältin Eva Häberli Vogelsang. Erschwerend komme hinzu, dass er während der Beziehung keine antiretrovirale Therapie gemacht habe.

Eine medikamentöse Behandlung von HIV also – und deshalb sei er besonders ansteckend gewesen. Die Staatsanwältin plädiert auf 23 Monate Freiheitsentzug wegen schwerer Körperverletzung mit Eventualvorsatz und der Verbreitung menschlicher Krankheiten.

Keine gemeine Gesinnung?

Der Anwalt des mutmasslichen Täters hingegen plädiert auf Freispruch. «Das Verfahren hätte längst abgebrochen werden müssen», sagt er. Dies, weil Aussage gegen Aussage stehe und sein Mandant vor Gericht hätte Stellung nehmen müssen.

Zudem habe der Angeklagte die Krankheit nicht aus einer gemeinen Gesinnung heraus verbreitet und noch viel weniger mit Vorsatz. Es handle sich nicht um eine schwere Körperverletzung, weil man heute dank medizinischem Fortschritt mit der Krankheit leben könne.

Mehr Klarheit wird wohl am Mittwoch die Urteilsverkündung bringen. Unklar bleibt hingegen, ob der Angeklagte im Falle einer Verurteilung seine Haftstrafe überhaupt jemals antreten wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.02.2018, 19:15 Uhr

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