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Das «alte Wurmhaus» ist nur noch Geschichte

Anfang der 1990er-Jahre war das Dorfschulhaus Thörigen neben dem Gasthof Löwen ein Zankapfel zwischen Denkmalpflege und Stimmberechtigten. Schliesslich verschwand das Gebäude.

Wie der kleine Bruder: Das alte Dorfschulhaus von Thörigen (links) neben dem Gasthof Löwen (rechts). Heute klafft neben der Kreuzung im Dorf eine Lücke. Bilder: zvg, Thomas Peter

In Madiswil steht das alte Schulhaus noch immer im Dorfzen­trum. Nur sein Zweck hat sich geändert. Gerettet wurde das Gebäude seinerzeit dank der kantonalen Denkmalpflege, die sich vor Gericht gegen den Entscheid der Gemeindeversammlung durchsetzen konnte.

Fast zeitgleich wie in Madiswil tobte auch in Thörigen ein Kampf zwischen der Gemeinde und der kantonalen Fachinstanz. Der Ausgang war allerdings ein anderer: Hier klafft seit 1994 nun eine Baulücke an der Dorfkreuzung neben dem Gasthof Löwen.

Entflammt war der Streit in Thörigen 1986, als die Ge­meindeversammlung kurz vor Mitternacht mit hauchdünner Mehrheit den Abbruch des Schulhauses beschloss. Die Monsterdebatte zuvor war sehr emotional, wie diese Zeitung berichtete. «Entweder geben wir dem alten Bau den Todesstoss, oder wir machen ein Schmuckstück daraus», zeigte ein Anhänger des Schulhauses die Alternativen auf, «ich bin für das Zweite.» Nicht alle aber wollten seiner Empfehlung folgen. «Wir sollten nicht alte Wurmhäuser restaurieren», entgegnete einer. Und empfahl: «Geht doch sofort mit dem Trax durch, und baut dort das Wehrdienstgebäude. Die Jungen sollen später etwas Schönes haben.»

Nur 3 Stimmen Unterschied

Der Gemeinderat hatte eigentlich die Erhaltung empfohlen und wollte zusätzlich eine neue Turnhalle, ein Wehrdienstmagazin und eine Zivilschutzanlage beim neuen Schulhaus planen. Entsprechend enttäuscht zeigte sich Gemeindepräsident Walter Schärer, als das Resultat der geheimen Abstimmung feststand: 67 Stimmberechtigte hatten sich für den Abbruch ausgesprochen, nur 64 dagegen. «Es spielte einfach zu viel Persönliches hinein.»

Das Schulhaus von Thörigen war bedeutend älter als dasjenige von Madiswil. Während im Linksmähderdorf ein typischer Bildungstempel aus der Zeit um 1900 stand, hatte sein Pendant auf der anderen Seite der Linde mit Baujahr 1870 ein halbes Jahrhundert mehr auf dem Buckel. Auch stand das Thöriger Schulhaus schon fast zwanzig Jahre leer. 1964 war ein Projekt für einen Neubau am Gässli vorge­legen, der dann 1968 bezogen werden konnte.

Entsprechend schlecht sah das Gebäude zur Zeit der Abstimmung im Jahr 1986 aus – kein Vergleich mehr zur abgebildeten Postkarte. Andere Aufnahmen von damals zeigen eingebrochene Dachlatten und heruntergefallene Ziegel, abgeplatzten Verputz zwischen den Riegbalken, in denen die Füllung aus Backstein oder Holz bloss lag oder bereits eingebrochen war.

Nochmals über die Bücher

Vorerst geschah nun allerdings trotzdem nichts. Erst im Mai 1990 brachte eine Petition aus der Bevölkerung das Thema wieder aufs Tapet und verlangte eine Wiedererwägung. Inzwischen lagen zwei Projekte vor: eine Re­novation für 1,8 Millionen Franken sowie ein ähnlicher, aber voluminöserer Neubau für 2,5 Millionen Franken. Angesichts der Tatsache, dass die kantonale Denkmalpflege bereits ihren Widerstand gegen einen Abbruch angekündigt hatte, beantragte der Gemeinderat erneut eine Sanierung, fand aber an der Gemeindeversammlung auch diesmal keine Mehrheit.

Weiter ging es, wie es der Gemeinderat vorausgesagt hatte: Der Weg bis zum Abbruch wurde beschwerlich und teuer. Die Denkmalpflege erhob gegen das Abbruchgesuch beim Regierungsstatthalter Beschwerde und zog diese an die Baudirektion weiter. Als diese den Abbruch nur unter dem Vorbehalt bewilligte, dass die Gemeinde einen Wett­bewerb für einen Neubau durchführe, zog der Gemeinderat den Fall ans Verwaltungsgericht weiter, wo er im März 1994 recht erhielt: Er durfte das Schulhaus nun ohne Bedingungen abbrechen.

Hinterlassen hat das Dorfschulhaus bis heute eine Lücke. Auf seinem Areal entstanden lediglich 1998 ein neues Wehrdienstmagazin und siebzehn Jahre später ein neues Gemeindehaus. Nur noch alte Fotografien erinnern daran, dass der Gasthof Löwen hier einmal einen kleinen Bruder hatte. Jürg Rettenmund

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