Langenthal

Callgirl-Mord: «Lichtschimmer» spricht gegen Verwahrung

LangenthalZwanzig Jahre muss der Escort-Mörder für seine grausige Tat hinter Gitter. Weil das Obergericht an die Entwicklung des 29-jährigen Langenthalers im Rahmen einer Therapie glaubt, wird er nicht verwahrt.

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«Sie haben auf brutale Art ein Menschenleben ausgelöscht.» Nach der Urteilseröffnung richtet sich der Vorsitzende Andreas Weber direkt an K. Entscheidend sei nun, dass er die lange Zeit hinter Gittern optimal nutze, sprich: an seiner Abstinenz sowie am Aufbau eines Selbstwertgefühls arbeite. «Vor Ihnen liegt ein weiter Weg mit hohen Stufen. Die müssen Sie gehen und über sich ergehen lassen.»

Zuvor hatte die zweite Kammer des Obergerichts den heute 29-jährigen Langenthaler wegen Mordes, der mehrfachen Störung des Totenfriedens sowie Diebstahls zu einer Freiheitsstrafe von zwanzig Jahren verurteilt. Er muss zudem seine Therapie weiterführen. Von einer Verwahrung sieht die zweite Instanz ab. Sie begründet dies mit den «klar aufgezeigten Lichtschimmern», die sie den beiden «extremst positiven» Führungsberichten aus der Strafanstalt Thorberg und zwei Therapieverlaufsberichten entnimmt, die das Gericht als hoffnungsvoll einstuft.

Nicht zuletzt stützt sich die zweite Strafkammer auch auf die Aussagen des Gutachters, der während der Verhandlung am Dienstag von ausreichend günstigen Erfolgsaussichten einer langfristigen Therapie gesprochen hatte. Das Gericht folgert daraus, dass K. nicht nur behandlungs­bedürftig und -fähig ist, sondern auch willens, sich einer Therapie zu unterziehen.

Kriterien nicht erfüllt

Für eine Verwahrung, wie sie in diesem Fall hätte verhängt werden können, kennt die Gesetz­gebung klare Kriterien. So muss aufgrund der Persönlichkeitsmerkmale, der Tat- und auch der Lebensumstände die Gefahr erheblich sein, dass der Verurteilte eine gleiche Tat wieder begehen wird. Die Kammer könne nicht «mit ausreichender Ernsthaftigkeit davon ausgehen», dass dies der Fall sei. Trotz des Sicherheitsbedürfnisses der Gesellschaft sei eine Verwahrung kein Thema, wenn am Ende des Tunnels Licht sichtbar sei.

Damit kippte die zweite Instanz den ersten Entscheid des Regionalgerichts Emmental-Oberaargau, das K. im Dezember 2014 wegen erheblicher Zweifel am Erfolg einer Therapie verwahren lassen wollte. Es handelt sich um einen Präzedenzfall, weil dabei zum ersten Mal eine Gesetzes­bestimmung zur Anwendung kam, die erlaubt, Straftäter ohne diagnostizierte schwere Persönlichkeitsstörung zu verwahren. K. ist gemäss diversen Gutachten emotional labil, verfügt über einen sehr geringen Selbstwert, weist aber lediglich Akzentuierungen, jedoch keine schwere Störung der Persönlichkeit auf.

Grösstmögliches Verschulden

Er gilt zudem als leicht vermindert zurechnungsfähig, was sich im Strafmass niederschlägt. Mit der Staatsanwaltschaft geht das Obergericht einig, dass für den grausamen Mord eine lebenslängliche Strafe angemessen wäre, die dadurch auf zwanzig Jahre reduziert wird. Verurteilt wird K. nicht wegen vorsätzlicher Tötung, wie das die Verteidigung ­beantragt hatte, sondern wegen Mordes. Ein halbes Dutzend Elemente sprächen dafür, so die Richter. Sie werten ein «grösstmögliches Verschulden einer brutalst ausgeführten Tat». Dazu eine mehrfache Störung des Totenfriedens, die schwerer nicht vorstellbar sei.

Ein früher Tod

Zugunsten des Beschuldigten geht das Gericht wie die erste Instanz davon aus, dass das Opfer früh gestorben sein muss. K. selbst müsse beim ersten, spätestens beim zweiten Würgen klar gewesen sein, dass die Escortfrau tot sei. Daran, dass das Opfer den Täter als «Krüppel» verhöhnt hat, an einen verbalen Auslöser also, glauben die Oberrichter nicht. Dass es sich dabei um eine nachgeschobene Schutzbehauptung handle, dafür spreche vieles. «Er hat Erklärungen gesucht für etwas Unerklärliches.» Als Diebstahl, nicht als Raub beurteilen sie den Umstand, dass er nach der Tat die Handtasche seines Opfers und dessen Auto geklaut hat.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Während der stellvertretende Generalstaatsanwalt Michel-André Fels das schrift­liche Urteil abwarten will, geht Verteidiger Bruno Habegger nicht davon aus, dass sein Mandant den Entscheid weiterziehen will. «Es ging ihm um die Verwahrung», sagte er am Freitag vor den Medien. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.04.2016, 19:22 Uhr

Update folgt...

Der Mord

Bei einer Zürcher Agentur für Erotikdienstleistungen orderte K. am 9. Dezember 2012 eine Prostituierte nach Langenthal. Sein späteres Opfer nahm er an der Tankstelle an der Bern-Zürich-Strasse in Empfang, stieg in ihr Auto und dirigierte sie vom Beifahrersitz aus auf den Kiesplatz hinter der Dreifachturnhalle Hard. Als die 43-jährige Österreicherin Geld für ihre Dienstleistungen verlangte, schlug er zu. Strittig ist, ob es dabei auch zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen ist, während der sie ihn einen Krüppel nannte. K. prügelte und trat sein ­Opfer, misshandelte es über längere Zeit körperlich wie ­sexuell schwerst. Sie starb zwischen 23.56 und 02.14 Uhr an einer der zahlreichen Verletzungen in einem Lichtschacht. Anschliessend nahm K. die Tasche seines Opfers und ihr Auto. Das erbeutete Bargeld setzte er in ­Alkohol und Kokain um. cd

Das erste Urteil

Zu 18 Jahren Gefängnis, einer Therapie und anschliessender Verwahrung wurde der heute 29-jährige Langenthaler K. in erster Instanz verurteilt. Am Erfolg einer Therapie hegte das Regionalgericht Emmental-Oberaargau «grösste Zweifel». Entsprechend schlecht fiel die Prognose aus. Es stellte dabei auf Gutachter ab, die dem instabilen Alkohol- und Kokainabhängigen Gefährlichkeit und eine hohe Wahrscheinlichkeit attestierten, weitere Gewaltdelikte zu begehen. Die Regionalrichter kamen zum Schluss, dass K. besonders skrupellos vorgegangen war, als er im März 2012 eine 43-jährige Escortdame hinter der Dreifachturnhalle in Langenthal sexuell motiviert misshandelt und dabei umgebracht hatte. Sie verurteilten ihn unter anderem wegen Mord. cd

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