Bei den Helvetiern war Roggwil eine Stadt

Drei Master-Studierende graben gegenwärtig am Oberen Freiburgweg in Roggwil nach Spuren eines Grabens, der zur Zeit der Helvetier eine Stadt abgrenzte. Am Dienstag berichten sie über das helvetische Roggwil.

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Jürg Rettenmund

Vor 2073 Jahren schritten die Roggwilerinnen und Roggwiler am Oberen Freiburgweg zum letzten Mal über den grossen Graben, den ihre Stadt an der ungeschützten Stelle im Südwesten sicherte. Sie blickten zurück auf ihre in Brand gesteckten Häuser und schlossen sich den anderen Helvetiern an, die im heutigen Frankreich ein neues Siedlungsgebiet suchen wollten.

So würden das die drei Archäologiestudenten, die gegenwärtig am Freiburgweg in einer Baugrube arbeiten, natürlich nie erzählen. Zu ungenau seien die Angaben, die der römische Feldherr Julius Cäsar aus dem Jahr 58 vor Christus überliefert. Er hatte damals die ausziehenden Helvetier bei Bibracte besiegt und schrieb von rund zwölf Oppida im Gebiet der Helvetier. Zu wenig fortgeschritten ist zudem die Auswertung der Grabung am Oberen Freiburgweg, als dass die Archäologen bereits etwas über die zeitliche Einordnung ihrer Funde sagen könnten.

Münzschmelzformen

Immerhin: Auf die Idee, dass sich eines dieser Oppida auf dem Höhenzug von Freiburg über dem Zusammenfluss von Langeten und Rot befunden haben könnte, brachte die Archäologen eine Grabung am Ahornweg im Sommer 2008. Dort fand der Archäologische Dienst des Kantons Bern in einer Abfallgrube über 7000 Fragmente sogenannter Tüpfelplatten aus Ton aus der Zeit der Helvetier, darunter einige ungewöhnlich grosse Stücke.

In diesen Platten schmolzen die Helvetier Metalle zu Rohlingen für Münzen. Marianne Ramstein vom archäologischen Dienst postulierte darauf im Jahrbuch des archäologischen Dienstes 2010, das Gebiet Freiburg in Roggwil könnte ein helvetisches Oppidum gewesen sein. Denn das Gebiet über dem Zusammenfluss von Langeten und Rot ähnelt sehr diesen stadtähnlichen Siedlungen der Kelten, wie man sie zum Beispiel von der Engehalbinsel in einer Schlaufe der Aare bei Bern kennt.

Ihre Münzen prägten die Helvetier zudem in ihren Städten. An einem Vortrag beim archäologischen Dienst im Frühling 2014 erfuhren Maria Bütikofer, Andrea Lanzicher und Johannes Wimmer vom Fund in Roggwil. Sie sind die drei Studierenden, die gegenwärtig in Roggwil graben. Man müsste auch den im Gelände vermuteten Graben näher untersuchen, fanden sie und konnten sowohl den archäologischen Dienst wie die Universität Bern für ihre Idee gewinnen.

Anderthalb Jahre Vorarbeit

Nach anderthalb Jahren Vorarbeiten und Abklärungen sind sie nun seit dem 13.Oktober am Freiburgweg an der Arbeit. Möglich wurde die Grabung dank dem Entgegenkommen von Pächter, Grundeigentümerin und Gemeinde. Ein Graben kam dort ebenso zum Vorschein wie kurz zuvor in einer Baugrube zwei Häuser weiter. Ob er allerdings natürlich war oder von Menschen angelegt wurde, können die drei noch nicht sagen. Dafür müssen sie ihre Funde und Befunde zuerst mit naturwissenschaftlichen Methoden analysieren und Spezialisten beiziehen.

Bis auf eine Tiefe von 3,3 Meter konnten sie den Graben verfolgen, der aus der Wiese gegen den Freiburgweg hin absinkt und sich davor verflacht – ein Indiz dafür, dass im Bereich der Einfamilienhäuser auf der andern Strassenseite einmal die Stadtmauer des helvetischen Roggwil stand – eine massive Holz-Stein-Konstruktion, wie sie zum Beispiel auf dem Mont Vully im Rahmen der Expo 2002 erforscht und rekonstruiert worden war.

Dass sie die Fundamente der Mauer nicht würden nachweisen können, wussten Maria Bütikofer, Andrea Lanzicher und Johannes Wimmer schon, bevor der Bagger die erste Schaufel Erde aushob. Sie hatten deshalb ihre Erwartungen heruntergeschraubt. Spektakuläre Gegenstände haben sie denn auch bisher noch keine zutage gefördert.

Funde von 2008 in Roggwil

Wenn sie am kommenden Dienstag zum Tag der offenen Grabung einladen, haben sie trotzdem Spektakuläres dabei: Erstmals können sie den Roggwilerinnen und Roggwilern die Tüpfelplatten der Grabung 2008 vom Ahornweg zeigen. Im Sommer 2016 werden diese dann mit den weiteren Funden – Scherben von Keramik sowie rund ein Dutzend Mühlsteine – im Jahrbuch des archäologischen Dienstes publiziert.

Bis auch die Ergebnisse der Grabung der drei Studierenden am Oberen Freiburgweg in eine Gesamtdarstellung über das Oppidum Roggwil einfliessen werden, dauert es noch etwas länger. «Für diese Publikation stecken wir erst in den Vorbereitungen mit der Universität Bern und dem Inventar Fundmünzen der Schweiz», erklärt Adriano Boschetti, Leiter des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern.

Tag der offenen Grabung am Unteren Freiburgweg in Roggwil: Dienstag, 27. Oktober, 16 bis 18.30 Uhr.

Berner Zeitung

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