Bei Dauerstau ist die Landschaft zweitrangig

Aarwangen

Die Mitwirkung zum Vorprojekt der Verkehrssanierung Aarwangen-Langenthal Nord wird rege genutzt. Zahlreiche Interessierte haben in den ersten Tagen die Ausstellung besucht. Viele haben ihre Meinung bereits gemacht.

Die Ausstellung zur Mitwirkung: Im Whisky House in Aarwangen können sich Interessierte ein Bild davon machen, wie der Raum Aarwangen-Langenthal Nord vom Verkehr entlastet werden soll.<p class='credit'>(Bild: Marcel Bieri)</p>

Die Ausstellung zur Mitwirkung: Im Whisky House in Aarwangen können sich Interessierte ein Bild davon machen, wie der Raum Aarwangen-Langenthal Nord vom Verkehr entlastet werden soll.

(Bild: Marcel Bieri)

Die Mitwirkung zum Vorprojekt der Verkehrssanierung Aarwangen-Langenthal Nord läuft. Nach Vertretern aus Wirtschaft und Politik anlässlich der Wirtschaftslandsgemeinde am vergangenen Donnerstagabend haben bereits am Freitag und Samstag zahlreiche interessierte Privatpersonen die Möglichkeit genutzt, sich in der Ausstellung im Aarwanger Whisky House ein Bild zu machen von den Plänen des Kantons – und ihre persönlichen Überlegungen einzubringen zu den nun vorliegenden Lösungsansätzen.

Der Kanon der vorwiegend aus Aarwangen stammenden Ausstellungsbesucher spricht dabei eine deutliche Sprache: Nur eine Umfahrungsstrasse könne das Dorf vom Durchgangsverkehr entlasten und sei deshalb sinnvoll.

Seit Jahrzehnten schon träumt ein Grossteil der Aarwanger von einer Umfahrungsstrasse. Dass die Finanzierung des 136-Millionen-Projekts dank in Aussicht gestellter Gelder des Bundes im Zusammenhang mit dem Ausbau der A1 sowie frei gewordener Mittel aus dem Investitionsspitzenfonds des Kantons plötzlich tatsächlich finanzierbar sein könnte, hat auch ihnen neue Hoffnung gegeben.

Einbiegen fast unmöglich

«Man muss diese Variante jetzt nehmen, ein solches Projekt wird mit den Jahren nicht billiger», sagen etwa Josef Frei und Monika Fischer. Seit anderthalb Jahren erst wohnen sie in Aarwangen; die Verkehrsproblematik ist ihnen allerdings schnell vertraut geworden.

Ein Einbiegen auf die Ortsdurchfahrt von den Wohnquartieren her sei zu gewissen Zeiten fast unmöglich, erklären sie. Nicht selten wählten sie deshalb den Umweg durch die Quartiere, wie es auch viele andere Aarwanger täten. So aber entstehe auch dort Mehrverkehr.

Ähnlich argumentieren Heinz und Claudia Lüthi. Der Verkehr durchs Dorf habe massiv zugenommen, Velofahrer seien wegen der engen Platzverhältnisse fast nur auf dem Trottoir sicher. Immer mehr Kinder werden von den Eltern deshalb in die Schule chauffiert. Wieder Mehrverkehr. Auch Lüthis sehen deshalb nur in einer Umfahrung eine Lösung.

Mit Interesse werden in der Ausstellung die grossen Plantafeln studiert. Besucher ganz verschiedener Altersklassen sind inzwischen hier. Während die meisten ihre Meinung schon gemacht haben, setzen sich ein paar wenige das erste Mal vertieft mit den Ideen des Kantons auseinander.

Viele nutzen die Gelegenheit und informieren sich direkt bei Daniel Zoller vom kantonalen Tiefbauamt über diese und jene Details. Der Projektleiter gibt bereitwillig Auskunft, verweist auf erwartete Verkehrsentwicklungen und erklärt, weshalb hier Ampeln und dort Kreisel den Verkehrsfluss am ehesten begünstigen. Zwischen den vielen Stellwänden tauschen leidgeplagte Anwohner ihre Erfahrungen aus.

Auch Paul Zeder sieht die Umfahrung als einzige Möglichkeit, zumal die Variante Null+ den Engpass zwischen Bahnhof und Vorstadt nicht werde beheben können. «Die Umfahrung ist klar das kleinere Übel – auch mit dem Risiko, dass halt das eine oder andere Lädeli einen Kunden verlieren wird.»

Hoffen auf ein Zentrum

Wer heute auf dem Heimweg beim Bäcker oder beim Käser halt mache, laufe Gefahr, nicht mehr zurück auf die Strasse zu kommen, erklären indes René und Senta Richard. «Die Umfahrung wäre für unsere Läden eher ein Plus», glauben sie.

Das findet auch Nina Kurt: «Wir werden klar für die Umfahrung Stellung nehmen, es wäre ein Gewinn für das ganze Dorf», verweist sie auf die dicht befahrene Ortsdurchfahrt, die heute die Entstehung eines eigentlichen Dorfzentrums verunmögliche.

136 Millionen Franken seien sehr gut investiert in eine Entlastungsstrasse, lobt auch Beat Aebi die Variante – zumal eine Verflüssigung des Verkehrs gegenüber dem heutigen Stop-and-go-Regime ebenfalls aus umwelttechnischer Sicht sinnvoll sei.

Es sei zwar schade um das Land, das dafür geopfert werden müsse, findet seine Frau Irene. «44 Millionen auszugeben für etwas, das den Verkehr nicht wegbringt, bringt nichts», lehnt aber auch sie die Variante Null+ klar ab.

Ein Kleinod von Aarwangen

Nur ganz vereinzelt werden kritische Stimmen zur Umfahrung laut. Sie sehe die Notwendigkeit einer Entlastungsstrasse ein, sagt eine Ausstellungsbesucherin. Allerdings müsse es dann die beste und nicht die günstigste Variante sein, zeigt sie sich enttäuscht darüber, dass die aktuelle Planung auf eine leichte Vertiefung der Strasse im Gelände als optische und lärmtechnische Massnahme verzichtet.

In diesem Fall sei sie eher für die Variante Null+ – weniger als Anwohnerin des Moosbergs Richtung Meiniswil, wo die Umfahrung durchführen würde, denn vielmehr als Nutzerin dieses «in seiner Urtümlichkeit einzigartigen Naherholungsgebiets». Weil sonst ein Kleinod von Aarwangen geopfert werde.

Das unterstreicht Beat Stöckli. Nach 15 Jahren in Aarwangen ist er inzwischen zwar ins Solothurnische gezogen, dem Natur- und Vogelschutzverein der Gemeinden um Aarwangen hält er aber weiterhin die Treue. Auch Stöckli will die hohe Verkehrsbelastung nicht abstreiten.

«Dennoch sprechen der Natur- und der Naherholungswert des Spichigwalds für die Bevölkerung gegen eine Umfahrung.» Man werde sonst nirgends mehr hingehen können in Fussdistanz, ohne von Autolärm umgeben zu sein.

Berner Zeitung

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