Aussageslalom mit Einfädlern

Langenthal

Ihr Ex-Lover habe sie überfallen, bedroht und sexuell missbraucht, behauptete eine Frau. Der Mann verschwand hinter Gittern. Vor Gericht sitzt nun die Frau. Wegen falscher Anschuldigung.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau Freiheitsberaubung und falsche Anschuldigung vor. Sie habe zweimal zugegeben, die Geschichte erfunden zu haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau Freiheitsberaubung und falsche Anschuldigung vor. Sie habe zweimal zugegeben, die Geschichte erfunden zu haben.

(Bild: iStock/Symbolbild)

Johannes Hofstetter

Knapp drei Monate lang schmorte der Mann in Untersuchungshaft. Seine damalige Freundin – die allerdings noch anderweitig liiert war – hatte ihn dermassen schwer beschuldigt, dass es die Staatsanwaltschaft als angezeigt erachtete, ihn wegen Wiederholungs- und Verdunkelungsgefahr für eine Weile wegzusperren.

Ihr ehemaliger Schulkollege, so hatte die Frau bei der Polizei ausgesagt, habe sie eines frühen Abends mitten in Langenthal auf offener Strasse überfallen, in ein Auto gezerrt, sie mit Gewalt in seine Wohnung verschleppt, sie mit einer Pistole bedroht, ihr damit gegen den Kopf geschlagen und sie mit dem Tod bedroht. Dann habe er Anstalten getroffen, sie sexuell zu missbrauchen. Sie habe sich dagegen gewehrt, worauf ihr Peiniger von ihr abgelassen habe.

Rückzieher vom Rückzieher

Vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau sitzt jetzt aber nicht der Mann, sondern die Frau. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr Freiheitsberaubung und falsche Anschuldigung vor. Die Frau habe zweimal zugegeben, die Geschichte erfunden zu haben.

Einschlägig vorbestraft

Am Dienstag machte sie nun einen Rückzieher vom Rückzieher: Der Mann habe sie gezwungen, ihre Anzeige zu annullieren, teilte die 38-Jährige dem in Dreierbesetzung tagenden Gericht unter dem Vorsitz von Nicole Fankhauser mit. Diese neuerliche Kehrtwende dürfte weder ihre Pflichtverteidiger noch den Vertreter der Staatsanwaltschaft übermässig erstaunt haben: Die Frau ist wegen falscher Anschuldigung und Anstiftung dazu vorbestraft.

Um einen Engel handelt es sich allerdings auch bei ihrem mutmasslichen Opfer nicht: Er handelte mit Kokain, Ecstasy und Cannabis und wurde vom Regionalgericht erst vor kurzem zu einer bedingten Freiheits- und einer Geldstrafe verknurrt.

Bei der Einvernahme durch die Vorsitzende verhedderte sich die Angeklagte in zahllose Widersprüche. Sie hatte zwar auf alle Fragen der Richterin eine Antwort. Aber nur selten eine, die sämtlichen Verfahrensbeteiligten auf Anhieb einleuchtete. «Verstehen Sie, was ich meine?», erkundigte sie sich ein ums andere Mal bei Nicole Fankhauser. Diese nickte mal vage, holte mal tief Luft und sagte einmal ganz unverblümt: «Nein.»

In Lügen verstrickt

Wegen Angststörungen und Panikattacken sei sie seit Jahren krankgeschrieben. Anspruch auf eine IV-Rente habe sie trotzdem nie erhoben, versicherte die Sozialhilfeempfängerin beispielsweise. Als ihr die Richterin Formulare vorlegte, mit der die Angeklagte IV-Renten beantragt hatte, erwiderte die Mutter eines Sohnes (der Kindsvater sitzt laut ihren eigenen Angaben auf unbestimmte Zeit in Haft), das sei auf Geheiss des Sozialamtes geschehen.

Ein psychologischer Gutachter stellte fest, dass die Beschuldigte zwar glaubhaft Angstzustände schildere. Dass sie tatsächlich darunter leide, könne er indessen nicht bestätigen. Dieser Experte habe sich nur zehn Minuten kurz mit ihr unterhalten, kritisierte die Frau.

Das stimme nicht, gab Fankhauser nach einem Blick in die Akten zurück. Der Fachmann habe sich für das Gespräch über anderthalb Stunden Zeit genommen. Weiter klagte die Frau, ihr Ex-Lover habe sie dazu genötigt, sich im Intimbereich zum Beweis ihrer ewigen Liebe ein Tattoo stechen zu lassen. Auf Bildern, die sie während der Stechprozedur zeigen, zeigt sie lachend das Victory-Zeichen.

Keine Zeugen, keine Spuren

Der Mann konnte sich nicht erklären, wieso die Frau ihn so in die Bredouille habe bringen wollen. Vermutlich sei es ihr nur darum gegangen, ihn möglichst lange hinter Gitter zu bringen. Er stritt kategorisch ab, seine frühere Bettgespielin je zu etwas gezwungen zu haben. Zeugen für den angeblichen Überfall samt anschliessender Verschleppung gibt es ebensowenig wie DNA-Spuren, die einen körperlichen Übergriff auf die Frau belegen würden.

Was das Gericht von dem «Aussageslalom» (so benannte ihn Nicole Fankhauser) der Angeklagten hält, zeigt sich am Mittwoch, wenn es sein Urteil eröffnet.

Berner Zeitung

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