Ausbau der A 1: Die Forderungen der Landwirte

Der Vorstand des Oberaargauischen Bauernvereins hat sich in die Diskussion um den Ausbau der A 1 eingeschaltet. Er fürchtet Einschränkungen beim Bau und verlangt, dass die Landeigentümer einbezogen werden.

Der Korridor führt hier durch: Landwirt Hanspeter Hohl bezweifelt, dass die Wildtiere die geplante Autobahnunterführung nutzen werden.

Der Korridor führt hier durch: Landwirt Hanspeter Hohl bezweifelt, dass die Wildtiere die geplante Autobahnunterführung nutzen werden. Bild: Thomas Peter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von seinem Hof aus sieht er den letzten Abschnitt der A 1 vor dem Knoten Luterbach. Die Sicht geht zwischen Wald und dem Kieswerk Risi hinab ins Solothurnische. Alt-Burgerratspräsident und Obstproduzent Hanspeter Hohl-Tschumi schaut in die Ebene hinunter und stellt fest: Bei der Planung des Sechsspurausbaus der A1 sei dem Verschleiss von Kulturland zu wenig Rechnung getragen worden.

Hohl ist Vertreter seiner Region im Vorstand des Oberaargauischen Bauernvereins (OBV) und hat als Vertreter seiner Gemeinde die Anliegen der Bauernschaft in das Sechsspurausbauprojekt des Bundes eingebracht.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Bauern Mühe damit bekunden, Kulturland dem Strassenbau zu opfern. Was Hohl und die anderen bäuerlichen Vertreter im OBV hat aktiv werden lassen, ist die Vorgehensweise der Projektverantwortlichen.

Ein Tunnel schont Kulturland

Es geht also mehr um das Drumherum, allerdings nicht nur. Man wünsche sich, so formuliert es das Landwirtegremium in seiner Mitteilung, dass die negativen Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktion stärker berücksichtigt werden.

Hohl erklärt, dass sich in seinen Kreisen eine Überzeugung festgesetzt hat: Würde die A 1 am Wangenstutz direkt in den Boden verlegt und auf einen Damm in Niederbipp verzichtet, so würde nicht noch zusätzliches Land für Böschungen benötigt. Böschungen, die dann künftig nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden können.

Es sind diese «Anpassungen, die wiederum Kulturland fressen», wie Hohl es ausdrückt, die den Landbesitzern auf dem Magen liegen. Aus Kostengründen sei dies nicht möglich, habe man ihm erklärt, als er sich danach erkundigt habe. Das deckt sich mit der Auskunft des Bundesamts für Strassen (siehe Box).

Antworten werden verlangt

Die Bauern verlangen nach Antworten. Etwa, wie die Zu- und Abfahrten auf die ausgebaute Autobahn gestaltet werden. Und wie der Mehrverkehr im Raum Wangen, Oberbipp, Wiedlisbach, Attiswil und Niederbipp aufgefangen werden soll. Oder auch: Wo liegen die Ersatzflächen, die der Bund aufzuwerten verspricht?

«Konkrete Pläne haben wir nie gesehen.»Hanspeter Hohl, OBV-Vorstand

«Konkrete Pläne haben wir nie gesehen», sagt Hohl. Kiesgruben und Deponiegelände mit dem gummiabriebverseuchten Autobahnaushub aufzufüllen und dieses Gebiet dann als bewirtschaftbare Fruchtfolgefläche anzurechnen: «Damit müssen wir rechnen», glauben Hohl und seine Kollegen.

Der Weg des Wildes

Attiswil hat keinen direkten Anstoss an die Autobahn. Aber die Gemeinde liegt direkt in der Schneise des Wildtierkorridors, Hohls Hof ausserhalb des Dorfkerns am Rande des Perimeters, den der Bund festgelegt hat: von Norden nach Süden, im rechten Winkel über die Aare und unter der Autobahn hinweg, durch eine 5 Meter tiefe und 28 Meter breite Unterführung.

In der landwirtschaftlichen Planungsgruppe, in der Hohl als Vertreter der ­Gemeinde Attiswil einsass, kam vor Jahren bereits die Rückmeldung: Dieser Korridor ist am falschen Ort angedacht. «Unser Wild», erklärt der Ortsansässige, «das wandert nicht nach Süden, sondern die Aare als natürliche Barriere entlang, von Westen nach Osten und in die Gegen­richtung.»

Die Befürchtung der Landwirte: Funktioniert der Korridor nicht wie gewünscht, werden ­sogenannte Leitstrukturen im Acker- und Kulturland nötig. Hecken etwa, oder ökologische Ausgleichsflächen, die eine intensive Landwirtschaft in der Nähe nicht mehr zulassen.

Auflagen und Einschränkungen, vor denen den Landwirten graut. «Wir wollten wissen, was das konkret für uns bedeutet», sagt Hohl. Eine Antwort auf diese und andere Fragen hätten die Landwirte bis heute nicht erhalten. «Wir haben schnell gemerkt, dass man uns nicht wirklich ernst nimmt.»

Die Forderung, sich vor Ort mit den Verantwortlichen zu treffen und die Ausgangslage zu besprechen, sei bis heute nicht erhört worden. Wobei, korrigiert sich Hohl im gleichen Atemzug, es sehe jetzt doch danach aus, als habe der Berner Bauernverband nun Gesprächsbereitschaft erreichen können.

Den Weg dafür geebnet hätten sicherlich die über 80 Einsprachen, die gegen das Projekt eingegangen sind. Zum Vergleich: Es sind laut Hohl etwa zwei Dutzend Landeigentümer, deren Boden in Oberbipp, Niederbipp, Wangen an der Aare und Wiedlisbach unmittelbar an die Autobahn anschliesst.

Abgeltungen sind ungeklärt

Was der OBV als Ganzes verlangt, sind flankierende Massnahmen: Der Bau soll gut etappiert werden und der Bund aufzeigen, wie die Einschränkungen der Landwirte entlang der Autobahn möglichst klein gehalten werden können. Es gehe ja längst nicht nur um den Platz für die beiden zusätzlichen Spuren, so Hohl, sondern auch um einiges mehr an Platz für Baupiste und Abstellraum für die Maschinerie.

Die Ausfälle in der Produktion müssten überdies korrekt abgegolten werden: Die Entschädigungen seien noch nicht definiert, glaubt Hohl, was doch aber sicherlich klar sein müsste, ehe der Bau beginne. Es stünden nichts weniger als Existenzen auf dem Spiel. (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 14.06.2018, 06:14 Uhr

Die andere Seite

Es ist tatsächlich so, dass die ­Höhe der Entschädigungen für die vom Sechsspurausbau der A 1 betroffenen Landeigentümer noch nicht feststeht. Unter anderem bemängelt dies Hanspeter Hohl, Vorstandsmitglied des Oberaargauischen Bauernvereins OBV (siehe Haupttext). «Noch nicht definitiv festgelegt» seien die Entschädigungen, sagt Esther Widmer, Beauftragte Information und Kommunikation beim Bundesamt für Strassen (Astra). Sie versichert allerdings, dass diese Vereinbarungen noch vor dem Baustart abgeschlossen sein werden.

Bereits definiert seien die Fruchtfolge-Ersatzflächen. «Zur Hauptsache liegen sie im Kanton Solothurn», lautet dazu Widmers schriftliche Auskunft. Eine Verlegung der A 1 in den Boden, wie sie der OBV fordert, sei keine Option. Eine Tunnel­lösung sei im generellen Projekt geprüft worden. «Wegen der fehlenden Wirtschaftlichkeit musste sie verworfen werden.» Auch die Linienführung, die wegen der Topografie Teil des Autobahnbaus von 1967 sei, werde auf Höhe Niederbipp beibehalten.

Das Gleiche gilt für den Wildtierkorridor. Ihn zu verschieben, sei kein Thema. Über- oder Unterführungen bei einem solchen Korridor von überregionaler Bedeutung sei ein Auftrag des Bundesamts für Umwelt, so die Infobeauftragte. «Die Standorte der Korridore sind übergeordnet festgelegt worden.»

Die Befürchtung, dass Mehrverkehr die umliegenden Dörfer belasten wird, teilt Hanspeter Hohl mit den Petitionären, angeführt von der Gemeinde Niederbipp. Wie die Anschlüsse und Zubringer ausgestaltet werden sollen, sei aus der Präsentation zur öffentlichen Planauflage ersichtlich, sagt Widmer auf Nachfrage und verweist auf die Website. Mehr als «flankierende Massnahmen» gehen nicht daraus hervor.

Sie hätten mehrfach um eine Begehung und Besprechung vor Ort gebeten, seien damit aber bisher auf taube Ohren gestossen: Die landwirtschaftlichen Gemeindevertreter in der Planungsgruppe zum Sechsspurausbau fühlen sich nicht ernst genommen. Nun sind Bemühungen für ein Treffen vor Ort im Gang. Das Bundesamt für Strassen spielt den Ball weiter: Für die Leitstrukturen zum Wildtierkorridor ist der Kanton zu­ständig. cd

Artikel zum Thema

Zahlreiche Einsprachen gegen A-1-Ausbau

Bis am Donnerstag konnten sich Betroffene gegen den A-1-Ausbau im Oberaargau wehren. Zu den bisher rund 80 ­erfolgten Eingaben dürften noch weitere dazukommen. Mehr...

Die beste Lösung kostet zu viel

Wangen an der Aare Am Infoabend zum Autobahnausbau war die Stimmung im Salzhaus erst angespannt, dann gelöst. Das Astra konnte Fragen beantworten – aber nicht alle zufriedenstellend. Mehr...

Ausbauen vor dem Kollaps

Künftig soll die A 1 auch durch den Oberaargau sechsspurig verlau­fen. Diese Massnahme sei nötig, heisst es an der Medienkonferenz. Das Projekt führt aber auch zu Landverlust. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Ist Informatik das neue Basteln?

Sweet Home Auf Muschelsuche

Die Welt in Bildern

Täuschung: Der Roboterandroid Totto ist der japanischen TV Ikone Tetsuko Kuroyanagi nachempfunden. Er wurde im Rahmen des Weltroboterkongresses in Tokio präsentiert. (17.Oktober 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...