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Anker für einen Haltlosen

Mit Eisenstangen schlug er in Langenthal mehrere Autos kaputt. Dafür muss der junge Mann nun bezahlen. Oder auch nicht.

Der heute 19-jährige Angeklagte hatte mit zwei Kollegen mehrere Autos demoliert und einen Sachschaden von 18'000 Franken angerichtet.
Der heute 19-jährige Angeklagte hatte mit zwei Kollegen mehrere Autos demoliert und einen Sachschaden von 18'000 Franken angerichtet.
Hans Urfer

Eigentlich, sagt der noch nicht einmal 20-jährige Angeklagte, habe er «gute Eltern». Und im Grunde sei er auch «ziemlich ­sicher», dass diese ihm beistehen würden, wenn es für ihn um ­«etwas Wichtiges» ginge.

Doch «wichtig» scheint in der Familie ein dehnbarer Begriff zu sein. Als Gerichtspräsident Manuel Blaser die Verhandlung gegen den jungen Mann am Mittwoch eröffnete, fehlte von dessen Vater oder der Mutter jede Spur. Auch ein Rechtsbeistand war nicht in Sicht.

Später sagte der Sohn, er fühle sich alleingelassen und ohne Halt im Leben. Ihm fehle «ein Anker». Um Konfrontationen mit den ­Eltern aus dem Weg zu gehen, ­habe er viel Zeit im Ausgang verbracht.

Auf einer dieser Fluchten kamen er und zwei jüngere Kollegen eines Sonntagmorgens auf die Idee, ein Auto zur Seite zu kippen. Als dies nicht gelang, entwendeten sie auf einer Langenthaler Baustelle Eisenstangen und demolierten mit diesen fünf Autos.

Der Sachschaden belief sich auf 18'000 Franken. Noch vor der Verhandlung hatte der von Anfang an geständige und nicht vorbestrafte Mann gegenüber der Staatsanwaltschaft ein Drittel der Forderungen anerkannt.

Die Lehre neu beginnen

Bevor nun der eigentliche Prozess begann, erkundigte Blaser sich bei den Geschädigten, ob sie Hand zu einer aussergerichtlichen Lösung bieten würden. Zwei Privatkläger anerboten dem Beschuldigten spontan, den Schaden in ihren Firmen abzuarbeiten.

Die Vertreter der Versicherungen erklärten, sie würden mit dem Inkasso der Forderung warten, bis der Arbeitslose finanziell halbwegs auf eigenen Beinen stehe, um die Rückzahlung dann in kleinen Raten abzustottern.

Damit hat der Mann aus einer eher unerwarteten Ecke gleich vier Anker zugeworfen erhalten, an denen er sich nun festhalten kann. Weiter Unterstützung bietet ihm sein Lehrbetrieb, dem er vorzeitig den Rücken gekehrt hatte. Sein damaliger Chef lässt ihn seine Ausbildung noch einmal von vorn beginnen.

Letztlich sorgte auch der Gerichtspräsident dafür, dass der junge Mann zumindest verhalten optimistisch nach vorn blicken darf: Er verurteilte ihn wegen Sachbeschädigung mit grossem Schaden und einer Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer bedingten Geldstrafe von 210 Tagessätzen à 30 Franken, einer Busse von 1000 Franken und zur Bezahlung der Verfahrenskosten von 2700 Franken.

«Nach meinem Dafürhalten ist es für Sie schon später als fünf vor zwölf», sagte Blaser. Die Strafen seien auch deshalb vergleichsweise moderat ausgefallen, weil er, Blaser, trotz allem die Hoffnung hege, dass der junge Mann den Rank noch finde.

(jho)

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