Zum Hauptinhalt springen

Anerkennung für ungezählte Stunden

Seit gut einem Jahr betreut die Interessengemeinschaft für Menschen in Not Flüchtlinge im Dorf. Eine bereichernde Arbeit, die die Engagierten aber zuweilen an ihre Grenzen führe, hält sie fest.

Bilanz ziehen über gut ein Jahr Einsatz: Theo Rohr, Ursula Zehnder, Ursula Yelin und Stephan Aeschlimann Yelin (von links) im Gemeinschaftsraum der Wohngemeinschaften für Flüchtlinge.
Bilanz ziehen über gut ein Jahr Einsatz: Theo Rohr, Ursula Zehnder, Ursula Yelin und Stephan Aeschlimann Yelin (von links) im Gemeinschaftsraum der Wohngemeinschaften für Flüchtlinge.
Thomas Peter

Am kommenden Freitag begrüsst die Gemeinde Eriswil ihre Neuzuzüger und ehrt die Einwohner, die mit besonderen Leistungen aufgefallen sind. Dann werden auch die Mitglieder einer Interessengruppe (IG für Menschen in Not) auf die Bühne gerufen, die sich seit gut einem Jahr für Flüchtlinge einsetzen, die in Eriswil eine vorübergehende Bleibe gefunden haben.

Die Gruppe hatte sich aktiv darum bemüht, dass in ihrem Dorf eine Wohnung für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt wird. Vor gut einem Jahr bot dann ein Liegenschaftsbesitzer sein Haus der Heilsarmee an, in das ein Dutzend junge Eritreer in zwei Wohngemeinschaften einzogen. Die Gruppe konnte aktiv werden. Im letzten Sommer kamen drei Familien aus dem Iran, dem Irak und Afghanistan im Restaurant zu den Alpen dazu.

Jeder nach seinen Kräften

Insgesamt engagiert sich ein gutes Dutzend Eriswilerinnen und Eriswiler für die Flüchtlinge. Sie betreuen gut 30 Personen. Jeder, der in ihrer Gruppe mitmache, setze sich dabei nach seinen Möglichkeiten und Kräften ein, erklären Stephan Aeschlimann Yelin, Ursula Yelin, Theo Rohr und Ursula Zehnder, als sie mit dieser Zeitung eine erste Bilanz ziehen.

Die Aufgaben, die sie dabei erledigen, sind vielfältig. In erster Linie vermitteln sie zwischen der Heilsarmee, die für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig ist, Flüchtlingen, Gemeinde und Schule. Dazu gehört, dass sie die Flüchtlinge begrüssen, ihnen zeigen, wo sie im Dorf was finden, und ihnen im Alltag helfen, der sich stark von dem in ihrem Heimatland unterscheidet. Sie begleiten sie zum Arzt, zum Zahnarzt oder zu Ämtern. In Eriswil organisieren sie ergänzende Deutschkurse.

«Das Arbeitsverbot erschwert auch die sprachliche Inte­gration.»

Theo Rohr

Die Eriswil zugewiesenen Flüchtlinge warten auf ihren Asylentscheid. Das wirke sich für sie und ihre Betreuer erschwerend aus, sind sich die Mitglieder der IG einig: Die Flüchtlinge wissen weder, wann sie zum Gespräch mit dem Bundesamt für Migration eingeladen werden, noch, wann über ihr Gesuch entschieden wird. Die Reihenfolge, in der das geschieht, sei für die Betreuer auch nach einem Jahr Erfahrung nicht nachvollziehbar. Das Gleiche gelte für einmal gefällte Entscheide.

In letzter Zeit wurde die IG für Menschen in Not zudem mit einem Zustand konfrontiert, den die Zeitungen «Tages-Anzeiger» und «Bund» aufgedeckt hatten: Die Rekursentscheide des Bundesverwaltungsgerichtes in St. Gallen sind davon abhängig, welcher Partei der Richter angehört. «Einer unser Asylbewerber musste sein Gesuch von SVP-Richter Fulvio Häfeli beurteilen lassen, der in diesem Zusammenhang als besonders voreingenommen erwähnt wurde», hält Ursula Yelin fest.

Wie verwandelt

Die Folgen der Abweisung schildert Ursula Zehnder: «Diesen jungen Mann nahm ich im vergangenen Sommer mit einem Kollegen ins Lager der Regiokirche mit, wo er mich in der Küche unterstützte. Er und sein Kollege blühten danach richtig auf. Seit dem Urteil aus St. Gallen ist er jedoch fast nicht mehr zugänglich.» Stephan Aeschlimann wird in diesem Zusammenhang deutlich: «Die Erkenntnis, dass unsere ­Gerichte nicht sachlich entscheiden, sondern politisch, war für mich der Schock des letzten ­Sommers.»

Doch auch bei einem positiven Asylentscheid erschwere der besondere Status ihrer Flüchtlinge ihre Arbeit, halten die Eriswilerinnen und Eriswiler fest: Die Flüchtlinge müssen danach ihre Wohnung verlassen und sich eine neue, eigene Wohnung suchen. Das sei besonders für die Familien gravierend: «Wenn sich ihre Kinder ans Dorf und an ihre Schulklasse gewöhnt haben, müssen sie die vertraut gewordene Umgebung wieder verlassen.»

Kaum verstanden werde von den Flüchtlingen zudem, dass sie in der Schweiz nicht arbeiten dürfen, solange ihr Asylgesuch nicht entschieden ist. «Auf ihrer langen Flucht konnten sie sich überall mit Arbeit durchschlagen, hier soll das dann nicht mehr möglich sein», so Theo Rohr. Arbeit aber sei ihnen wichtig, um sinnvoll beschäftigt zu sein. Das Entgelt stehe für sie nicht im ­Vordergrund. Hinzu komme, dass man eine Sprache erst im Arbeitsalltag praxisgerecht erlerne. «Das Arbeitsverbot erschwert deshalb auch die sprachliche Integration.»

Die IG verwendet daher viel Arbeit darauf, den Flüchtlingen mindestens gemeinnützige Einsätze oder andere Kontakte mit den Einheimischen zu ermöglichen. So luden die Flüchtlinge die Bevölkerung zu einem Adventsfenster ein. Am Emmentalischen Musikfest in Wasen halfen sie beim Aufstellen des Festzeltes, in einem Naturschutzgebiet in Eriswil und auf einer Alp übernahmen sie Pflegearbeiten. In den Allmendgärten, einem traditionellen Schrebergarten, konnte die IG ihnen ein Los für ein paar Gemüsebeete sichern.

Sieg dank den Flüchtlingen

Schliesslich nahm die Männerriege Flüchtlinge in ihre Reihen auf – mit dem Resultat, dass sie das Eriswiler Dorfturnier souverän für sich entschied, wie ihre Betreuer mit einem Schmunzeln festhalten. Für die Frauen der drei Familien wurden Nähkurse organisiert. Die Iranerin Elahe Golschirazi, in ihrem Heimatland diplomierte Lehrerin im Bildernähen, kann ihre Kunst nun im ehemaligen Schalterraum der Post ausüben und im April an der Hobbyausstellung zeigen.

«Jede von uns könnte sich in einem 100-Prozent-Pensum für die Flüchtlinge engagieren», erklärt Ursula Yelin. Es sei schwierig, aber trotzdem nötig, sich ­abzugrenzen. Ebenfalls nicht einfach sei ein Grundsatz einzuhalten, den die IG sich vorgenommen habe: «Wir wollten unseren Einsatz im Kleinen leisten und uns aus der grossen Politik her­aushalten.»

Theo Rohr, der eigentlich seinen Ruhestand geniessen könnte, kam in letzter Zeit auf Wochen mit 25 bis 30 Stunden. Trotzdem möchte er, der mitten im Dorf wohnt, die Arbeit für die Flüchtlinge nicht missen: «Ich erhalte sehr viel zurück. Und endlich sehe ich wieder Licht in Fenstern der Umgebung, wenn ich nachts einen Blick aus der Wohnung werfe.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch