Alte Probleme, neue Chancen

Der Lehrplan 21 wird sukzessive eingeführt. Die Schulen hatten viel Zeit zur Umstellung, dennoch stehen manche Gemeinden vor Herausforderungen – aus teilweise altbekannten Gründen.

Im Schulhaus Kreuzfeld 4 in Langenthal sieht man dem neuen Lehrplan gelassen entgegen – bei anderen Schulen ist dies weniger der Fall.

Im Schulhaus Kreuzfeld 4 in Langenthal sieht man dem neuen Lehrplan gelassen entgegen – bei anderen Schulen ist dies weniger der Fall.

(Bild: Thomas Peter)

Giannis Mavris@MavrisGiannis

Mit dem Schulbeginn am 13. August beginnt auch in der Region die Einführung des neuen Lehrplans. Vor zwölf Jahren wurde mit überwältigender Mehrheit die Verfassungsänderung angenommen, die die Harmonisierung der kantonalen Bildungssysteme vorsah. Damit wurde zum ersten Mal ein gemeinsamer Lehrplan für die Volksschulen von 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantonen in Angriff genommen – ein Meilenstein in der Geschichte des Schweizer Bildungswesens.

Durch die Angleichung der Ziele und der Dauer der Volksschule sollte die Mobilität der Schülerinnen und Schüler, wie auch der Lehrpersonen, zwischen den Kantonen erleichtert werden. Zudem wurde eine einheitliche Grundlage dafür gebildet, Lehrmittel zu entwickeln und Lehrpersonen aus- und weiterzubilden.

Umsetzung bis 2022

Ein bildungspolitisch gewichtiges Werk, das nicht ohne Kritiker blieb. Dennoch: Die Umstellung biete keinen Grund zur Sorge, sagt Peter Rubeli, Leiter des Schulzentrums Kreuzfeld 4 in Langenthal. Der Aufwand sei planbar und die Änderungen für die Kinder verwaltbar. Zudem sei der Umstellungsprozess bereits seit drei Jahren im Gang: «Unsere Lehrkräfte sind gut darauf vor­bereitet worden», sagt er. Die ­jungen Lehrerinnen und Lehrer seien ohnehin den neuen Anforderungen entsprechend ausgebildet worden, zudem hätte das gesamte Lehrpersonal zahlreiche Schulungen absolviert.

Man müsse mit der Einführung des neuen Lehrplans nicht mit Spektakulärem rechnen, sagt Rubeli: «Es gibt zwar neue Fächer und neue Begriffe, an die sich Schüler, Lehrer und Eltern gewöhnen müssen.» Aber man habe genügend Zeit für die Planung gehabt und den Übergang möglichst fliessend gestaltet. So etwa beim Einsatz der neuen Lehrmittel, die schon seit Jahren kontinuierlich angepasst werden, und bei der Informierung der Eltern, die im letzten Quartal begonnen hat und zum Schulstart weitergeführt wird.

Rubeli lobt auch die kantonale Erziehungsdirektion, die federführend involviert war: «Sie haben die Umstellung meiner Meinung nach für alle Beteiligten gut gestaltet.» Die Lehrkräfte hätten deshalb die Änderungen gelassen und professionell aufgenommen, ganz im Sinne ihres Lehrauftrages. Die Umsetzung aller vorgegebenen Punkte muss letztlich bis zum Jahr 2022 komplett abgeschlossen werden, und zwar für die Stufen Kindergarten, Primarschule und Sekundarstufe I.

Infrastruktur anpassen

Jedoch sehen nicht alle der Umstellung so gelassen entgegen, wie eine Umfrage in der Region zeigt. Vor allem Schulen in kleinen Gemeinden haben Mühe mit der Umstellung, weil der neue Lehrplan altbekannte Probleme zuspitzt: «Da für die Schüler mehr Lektionen anfallen, wurde auch die Stundenplanung komplizierter. Vor dem Hintergrund der Lehrerknappheit hat sich die Situation für uns deutlich verschärft», sagt Marianne Knödler von der Schule Aarwangen, die wie zahlreiche andere Oberaargauer Schulen betroffen ist.

Es sei schwierig gewesen, alle Pensen abzudecken. Gelöst ist das Problem noch nicht vollständig: «Wir mussten einen erheblich grösseren Aufwand betreiben, um zu gewährleisten, dass alle Lektionen nach den Sommerferien von Lehrpersonen unterrichtet werden.» Dennoch mussten Personen ohne Diplom eingestellt werden. Und einige Lektionen sind nur als Stellvertretung bis zu den Herbstferien besetzt worden.

Zudem stellen sich noch praktische Fragen, die erst im Verlauf des Schuljahres beantwortet werden können: Das neue System sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler vermehrt selbstständig arbeiten sollen, es gibt neue Beurteilungsformen, neue Inhalte und neue Fächer – hier müssen erst einmal praktische Erfahrungswerte gesammelt werden.

Weiter müssen Schulen ihre Infrastruktur den neuen Anforderungen anpassen. So beispielsweise die Schule Wynigen-Seeberg, die ihre gesamte IT-Infrastruktur auf den neuesten Stand bringen musste, wie Schulleiterin Gaby Liechti sagt. Dies, weil der Lehrplan ein neues Fach «Medien und Informatik» für die 5. und die 6. Klasse vorsehe. Zusätzlich müssten auch die Lehrkräfte entsprechend geschult werden, damit sie die nötigen Kenntnisse zum Unterrichten vorweisen könnten. In Zeiten der Lehrerknappheit ist das durchaus eine Mehrbelastung, da viele Lehrpersonen zusätzliche Lektionen übernehmen müssen, um unbesetzte Stellen zu kompensieren.

Weniger Hausaufgaben

Trotz höherer Präsenzzeit räumen die meisten Schulen aber genug Zeit für den Besuch von Musikschule, Schulsport und kirchlicher Unterweisung ein. Und da die Schülerinnen und Schüler mehr Lektionen besuchen müssen, werden die Hausaufgaben reduziert. So sagt etwa Frank Decker, Schulleiter in Rohrbach: «Wir haben beschlossen, dass die Erstklässler keine Hausaufgaben bekommen, um nicht zusätzlich unter Druck zu geraten, an freien Nachmittagen Hausaufgaben machen zu müssen.»

Sie bekämen schon an einem zusätzlichen Nachmittag Schulunterricht. Die schulfreie Zeit sollten sie deshalb unbeschwert geniessen können. Decker möchte zudem die zu­sätzliche Unterrichtszeit für die Schülerinnen und Schüler angenehmer gestalten, beispielsweise durch mehr spielerische Vermittlung von Lerninhalten.

Da die Lehrpersonen weiterhin Lehr- und Methodenfreiheit geniessen, können sie den Unterricht selber gestalten – dazu gehört der Frontalunterricht ebenso wie der Werkstattunterricht und weitere Formen. Die Methoden sollen jedoch garantieren, dass der Unterricht abwechslungsreich und motivierend ist.

Viel zu diskutieren gab im Vorfeld der Begriff der Kompetenzorientierung. Ging es früher noch darum, dass sich die Schülerinnen und Schüler möglichst viel Wissen aneignen sollten, liegt der Fokus mit dem neuen Lehrplan nun stärker auf der Anwendung von Wissen. Das ist schwerer mess- und nachweisbar und wurde verschiedentlich kritisiert.

Der Tenor über die Umstellung fällt beim Lehrpersonal selber vorwiegend positiv aus. Der alte Lehrplan 95 sei zwar nicht schlecht gewesen – nach mehr als einem Vierteljahrhundert sei es aber Zeit für eine strukturelle Modernisierung.

Unterricht weiterentwickeln

«Der einzige Nachteil liegt meiner Meinung darin, dass die Kinder nun wesentlich mehr Zeit in der Schule verbringen müssen und weniger Zeit für selbstgesteuerte Freizeitaktivitäten haben», sagt Decker. Grundsätzlich begrüsst er aber die Chancen, die der neue Lehrplan bietet. Dadurch werde es möglich, den Entwicklungsstand und die Interessen der Kinder stärker in der Unterrichtsgestaltung zu berücksichtigen.

Und trotz aller momentanen Schwierigkeiten ist die Umstellung auch für Knödler eine gute Sache: «Klar, der neue Lehrplan ist eine Herausforderung und ein Mehraufwand für die Schulen und die Lehrkräfte. Aber er eröffnet uns auch Chancen für die Weiterentwicklung des Unterrichts.»

Berner Zeitung

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