Wohnen im Heim wie daheim

Mit zwei Wohngruppen im Hochhaus sammeln Dahlia und das Oberaargauische Pflegeheim Wiedlisbach (OPW) Erfahrungen für die Planung und den Bau eines Demenzdorfes.

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Man kann hinein, aber ohne die Hilfe des Personals nicht wieder raus. Das ist auf Anhieb das Auffallendste an der Wohngruppe für sieben demenzkranke Personen im 6. Obergeschoss des Hochhauses am Jurasüdfuss. Eine zweite Gruppe befindet sich im 5. Geschoss am Standort Wiedlisbach. Betrieben werden sie von Dahlia Oberaargau, und zwar nach dem Modell des holländischen Demenzdorfes Hogeweyk.

Das OPW vermietet seine Liegenschaften, plant jedoch zusammen mit der Dahlia Oberaargau AG den Bau des ersten schweizerischen Demenzdorfes. Eröffnet wurden die beiden Wohngruppen für Demenzkranke nach einer baulichen und betrieblichen Umgestaltung letzten Sommer. «Mit den beiden Wohngruppen gewinnen wir wertvolle Erkenntnisse für die künftige konzeptionelle Ausrichtung und die Arealentwicklung», sagt Martin Sommer. Der frühere Regierungsstatthalter ist Geschäftsführer beim OPW sowie Projektleiter bei der Dahlia Oberaargau AG.

Wichtiger Rundgang

Drei Frauen, ein Mann und ein Besucher sitzen am langen Tisch im zentralen Aufenthaltsbereich. Zusammen mit der Kochinsel ist dieser Raum zum Lebensmittelpunkt von sieben Personen geworden. Ihre Betten stehen in Einer- und einem Zweierzimmer, entlang eines Korridors, der um ein Treppenhaus herumführt. «Es ist ganz normal, dass sie sich verabschieden, einmal rundher­um gehen und dann wieder grüssen», sagt Franziska Laich, Bereichsleiterin Betreuung und Pflege. Die Möglichkeit eines solchen Rundgangs habe sich als sehr wichtig erwiesen. Das ist eine der Erkenntnisse, die in den Neubauten einfliessen sollen.

Im Schnitt rund 90-jährig

In den beiden Wohngruppen leben ausschliesslich Personen mit fortgeschrittener Demenz. Das wurde vorgängig mit Tests beurteilt. Das Durchschnittsalter liegt bei gut 90 Jahren. Die Männer sind in der Minderheit. Wer immobil wird und vielleicht einen Rollstuhl braucht, kann bleiben. «Die Pflegenden müssen sich halt den Bedürfnissen der Bewohner immer wieder neu anpassen», sagt Dahlia-Direktor Urs Lüthi.

Zu den Aufgaben einer Pflegefachangestellten zählt hier auch das Kochen. In jeder Wohngruppe wird das Essen täglich wie in einer Familie zubereitet. Begleitet von einer Pflegeperson, gehen die Bewohner in der Heimküche des Heims «einkaufen». Sie bezahlen zwar nicht mit Geld, aber es wird registriert, was sie mitnehmen. Dann wird gemeinsam gerüstet, gekocht, gelegentlich auch gebacken.

Das hat sich als sinnvolle Beschäftigung bewährt und sorgt für Normalität. Was sie essen wollen, entscheiden die ­Bewohner zusammen mit den Betreuenden selber. Der Küchenchef steht beratend im Hintergrund. Sollte einmal etwas schiefgehen, könnte das Essen in der Heimküche bestellt werden. Bisher war dies aber nie notwendig.

Kochen, Spielen, Lesen, Musikhören oder Fernsehen, damit beschäftigen sich die Bewohner. Besucher sind sehr willkommen. In deren Begleitung können die ­Bewohner die Demenzabteilung verlassen, etwa für einen Spaziergang oder einen Besuch der Cafeteria. Bei schönem Wetter wird auch mal das Rüsten nach draussen verlegt.

Zentrale Nasszellen

Die früheren Personalzimmer wurden mit möglichst wenig Aufwand umgebaut. Sie sind unterschiedlich gross und je nach Bewohnerin mit mehr oder weniger persönlichen Dingen ausgestattet. In einem früheren Sechserzimmer stehen jetzt zwei Betten. Störend sei dies nicht, sagt die anwesende Pflegefachfrau. Trotzdem wird man voraussichtlich keine Zweierzimmer mehr bauen. Von hier ist die Sicht auf die Alpen grandios.

Die gemeinsam genutzten Nasszellen liegen im Flur. Das funktioniere sehr gut, sagt Franziska Laich. Ob das auch im neuen Demenzdorf so sein wird, ist noch nicht klar. «Möglicherweise wird man uns Nasszellen in allen Zimmern vorschreiben», vermutet Urs Lüthi.

Einen Stock tiefer befindet sich die Küchenzeile an der Wand. Das hat sich weniger bewährt. Fast schon ein Problem ist die Tatsache, dass hier der Flur nicht rundherum führt. Für gut befunden wird dagegen die grosse Fototapete, die über einen Wandschrank gelegt wurde. Im Blumenmuster fallen die Griffe nicht auf. Die Türen werden nicht unnötig geöffnet. Die Farben der Räume sind bewusst gewählt. Die Sehkraft vieler Bewohner ist reduziert. Starke Kontraste helfen.

Wohngruppen bewähren sich

«Das Eingeschlossensein ist im Hochhaus ein Kompromiss, es wird von den Bewohnern aber kaum wahrgenommen», sagt Franziska Laich. Das neu zu bauende Demenzdorf soll dann mit einer möglichst natürlichen, grossräumigen Umgebung «begrenzt» werden. «Es wird bewusst nur zweistöckig errichtet, so können der Zugang zum Garten sowie die Sicherheit der Bewohner op­timal realisiert werden», erklärt Urs Lüthi. Er ist zuversichtlich, dass der Bau voraussichtlich 2018 in Angriff genommen werden kann.

Die in den zwei Demenzabteilungen bisher gewonnenen Erfahrungen zeigten übrigens, dass die Wohnform der Gruppen auch für nicht demente Heimbewohner durchaus Vorteile habe. Der Alltag sei freundlicher und konfliktärmer. In einer Woche treffen sich die Vertreter der 42 Oberaargauer OPW-Genossenschaftsgemeinden zur Delegiertenversammlung, sie werden unter anderem über den neusten Stand der Arealentwicklung informiert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.05.2016, 16:56 Uhr

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