Wenn die Knollen wachsen wollen

Nach zwei schlechten Jahren in Folge fällt die Kartoffelernte in diesem Jahr wieder besser aus. So gut, dass die Landwirte teils auf ihren Härdöpfu sitzen bleiben und diese selbst einlagern müssen.

Viel zu tun: Fritz Schär, Leiter der Annahmestelle in Buchsi, sieht sich mit grossen Mengen  Härdöpfu  konfrontiert.

Viel zu tun: Fritz Schär, Leiter der Annahmestelle in Buchsi, sieht sich mit grossen Mengen Härdöpfu konfrontiert. Bild: Olaf Nörrenberg

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Die Bedingungen für die Kartoffelernte waren heuer gut: im Frühling nicht zu nass, im Sommer nicht zu trocken. Kommt hinzu, dass es jetzt schon seit Wochen nicht geregnet hat und die Produzenten daher ununterbrochen graben können. «Es gibt keine Pause», sagt Matthias Aeberhardt von der Fenaco Bern. «90 Prozent der Ernte sind eingeholt.» Dabei zeigt sich: Nachdem die beiden Vorjahre für die Kartoffelbauern wenig erfreulich gewesen sind, wird es nun eine gute Ernte geben. Sowohl was die Qualität als auch was die Menge der Knollen betrifft.

Für die Landwirte bedeute dies, dass sie oft mit Übermengen zu kämpfen hätten, erzählt Aeber­hardt. «Bei bestimmten Sorten wissen wir schon jetzt, dass diese keinen Absatz mehr finden.» Und so läufts: Die Bauern unterzeichnen Abnahmeverträge, die ihnen eine Bezahlung für eine bestimmte Kontraktmenge zusichern. Alles, was darüber hinaus geht, wird eingelagert. Hierfür erhalten die Produzenten eine Anzahlung. Erst wenn sich später dafür noch ein Abnehmer findet, erfolgt eine Nachzahlung.

Auch bei der Fenaco-Gruppe in Herzogenbuchsee wurden in diesem Jahr bereits grössere Übermengen eingelagert. Nachdem es in den beiden vergangenen Jahren gar keine solchen gab. «Wir sind sehr zufrieden mit der Ernte», sagt Fritz Schär, Leiter der Kartoffelannahme, denn auch. In der Kartoffelhalle in Buchsi können bis zu 7000 Tonnen Industriekartoffeln gelagert werden, die später zu Chips oder Pommes frites verarbeitet werden.

Wobei heuer vor allem die Sorte Fontane für riesige Mengen gesorgt habe, sagt Schär. «Hier wurde fast das Doppelte von dem geerntet, was normalerweise eingebracht wird.» Er fühlt sich an das Jahr 2009 zurückerinnert, als die Annahmestelle in Kartoffeln «fast ersoffen» sei. In diesem Jahr haben die grossen Mengen, die seit Wochen angeliefert werden, dafür gesorgt, dass die Gebinde zum Abfüllen der Kartoffeln in Buchsi Mangelware geworden sind. Mittlerweile mussten sie gar nachbestellt werden.

Auf Facebook beworben

Doch nicht nur bei den Industriekartoffeln werden in diesem Jahr die Kontraktmengen überschritten, vor allem auch bei den Speisekartoffeln, die in den Laden kommen, fallen grössere Übermengen an. Martin und Bianca Reinhard zum Beispiel, die in Seeberg auf rund drei Hektaren Kartoffeln anbauen, rechnen mit bis zu 6 Tonnen. Für die Sorte Challenger, erzählt Bianca Reinhard, seien die Bedingungen in diesem Jahr besonders ideal gewesen.

Und so handle es sich bei den Kartoffeln, die nun übrig ­seien, um solche von bester Qualität. Bei ihrem Abnehmer, der Landi in Koppigen, habe man ­ihnen aber mitgeteilt, dass sie ­ihre überzähligen Härdöpfu gleich wieder mit nach Hause nehmen und den Kühen futtern könnten, erzählt die Landwirtin und lacht.

«Wir haben ein Luxusproblem!»Landwirte Bianca und 
Martin Reinhard 

Bianca Reinhard und ihr Mann haben sich allerdings zu einem anderen Vorgehen entschieden: Sie lagern ihre Kartoffeln selbst und bieten diese zu 40 Rappen für ein Kilo und 30 Franken für 100 Kilo zum Verkauf an. «Dieses Jahr haben wir ein Luxusproblem! Zu viele Kartoffeln!», weisen sie gar auf Facebook auf ihr Angebot hin. Mit Erfolg: «Wir haben schon einige Abnehmer gefunden, unter anderem auch ein Gastrounternehmen, das uns gleich eine ganze Tonne abgekauft hat», sagt Bianca Reinhard.

Bedenken, dass sie ihre Kartoffeln jetzt zu Dumpingpreisen verkaufen müssen, hat sie keine: «Wir erhalten auf diese Weise immer noch mehr Geld, als wir von der Annahmestelle bekommen würden.» Die grossen Mengen haben nämlich dafür gesorgt, dass die Preise für die Knollen zuletzt deutlich gefallen sind. Landwirte, die ihre Speisekartoffeln auf dem eigenen Hof lagern, gibt es Fritz Schär zufolge immer ­wieder.

Industriekartoffeln zu lagern, sei hingegen für die Bauern kaum machbar, erklärt er. So dürfen diese, damit sie später zu Chips oder Fritten verarbeitet werden können, bei der Lagerung niemals unter 8 Grad abkühlen.

Unmöglich ist es jedoch nicht: Das zeigt das Beispiel von Landwirt Peter Gränicher, der in Berken eine Maschinenhalle umgebaut hat und dort bis zu 150 Tonnen Industrie- und 250 Tonnen Speisekartoffeln lagern kann. Dies in speziell isolierten und belüfteten Räumen bei entsprechender Temperatur und Luftfeuchtigkeit. «Um im Herbst flexibler zu sein», erklärt Peter Gränicher.

Der Landwirt, zu dessen Abnehmern auch die Kadi AG in Langenthal gehört, rechnet dieses Jahr mit 10 Tonnen Über­menge pro Hektare. Dass sie für ihre überzähligen Härdöpfu keine Abnehmer finden würden, drücke bei vielen Produzenten auf die Stimmung. Gränicher weiss von einem Bauer, der rund 60 Tonnen Kartoffeln bei seinem Abnehmer wieder habe abholen müssen. (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 13.10.2017, 06:19 Uhr

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