Verurteilter Fahrraddieb: «Ich liebe Velos»

Langenthal

Das Regionalgericht Emmental-Oberaargau verurteilte einen Fahrraddieb zu einer Geldstrafe. Der Rentner wäre aber lieber ins Gefängnis gegangen.

Wenn ihm ein Velo besonders gefiel, dann nahm er es einfach mit. Foto: zvg

Wenn ihm ein Velo besonders gefiel, dann nahm er es einfach mit. Foto: zvg

Johannes Hofstetter

Das Rapportieren von Velodiebstählen gehört auf Schweizer Polizeiposten fast genauso zum Alltag wie der Morgenkaffee: Knapp 5000 Zweiräder wurden im Kanton Bern gemäss der aktuellsten Kriminalitätsstatistik im Jahr 2017 geklaut. Besonders aktiv auf diesem Gebiet war ein Senior aus dem Oberaargau: Zwischen 2014 und 2018 entwendete er in Langenthal ein Dutzend Velos und E-Bikes.

Er sei «schon als Kind in Velos verliebt» gewesen, gab er Einzelrichter Roland Richner vom Regionalgericht Emmental-Oberaargau zu verstehen. Sein Berufswunsch Velomechaniker habe sich nicht erfüllt. Die Faszination für Zweiräder sei aber geblieben. Er spule auf dem Velo jedes Jahr 5000 bis 6000 Kilometer ab, sagte der Mann.

Das Diebesgut hortete er im Keller. Ein Fahrrad, das er in der Langenthaler Velostation entwendet hatte, verschenkte er einer Nachbarin, mit der er damals ein Techtelmechtel hatte. Ein anderes überliess er deren Ehemann – nicht wissend, dass es sich bei ihm um einen Kantonspolizisten handelte. Seine eigene Frau liess sich daraufhin von ihm scheiden.

«Ich habe immer Angst, dass alles rauskommt. Dass die Leute in meinem Umfeld eines Tages erfahren, was ich getan habe.» Der Angeklagte

Unter den finanziellen Folgen dieser Trennung leidet der Rentner noch heute. Als er in der Anklageschrift las, dass die Staatsanwaltschaft ihn wegen mehrfachen Diebstahls zu einer Geldstrafe von 240 Tagessätzen à 70 Franken verurteilt haben wollte, traf ihn beinahe der Schlag. Lieber gehe er ins Gefängnis, teilte er dem Gerichtspräsidenten mit. Dort bekomme er zu essen, könne er arbeiten – und habe er erst noch die Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen.

Unbedingtes Verdikt

Diesem Anliegen konnte der Richter nicht nachkommen. Roland Richner verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 240 Tagessätzen à 50 Franken und zur Bezahlung der Verfahrenskosten von 6500 Franken. Nachdem der Mann schon 2010 und 2011 wegen Diebstahls zu bedingten Geld- und Freiheitsstrafen verknurrt worden war, musste das Gericht das neuste Verdikt unbedingt verhängen.

Der Vorsitzende gab dem Verurteilten zu verstehen, dass er die Strafe unter Umständen mit gemeinnütziger Arbeit abgelten könne. Zuvor hatte der Mann unter Tränen versichert, wie sehr er seine Taten bereue. Er schäme sich dermassen für seine Delikte, dass er seine Wohnung nur noch zum Einkaufen und Arbeiten verlasse.

«Ich habe immer Angst, dass alles rauskommt. Dass die Leute in meinem Umfeld eines Tages erfahren, was ich getan habe.» Wenn er ein Polizeiauto sehe, «bekomme ich fast eine Herzbaracke», fügte er an. Tageslicht ertrage er fast nicht mehr; die Storen zu Hause seien ständig unten. Früher habe er in seinem Familien- und Freundeskreis als «Reisser» gegolten, der immer gute Laune verbreitet habe. Damit sei es vorbei: Die meisten sozialen Kontakte habe er gekappt.

«Passen Sie gut auf sich auf», gab ihm der Richter auf den Weg.

Langenthaler Tagblatt

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