Spontan und unbürokratisch helfen

Huttwil

Seit gut einer Woche bringt die Heilsarmee Huttwil in ihren Jugendräumen gegen 20 Asylbewerber unter. Sie schlafen dort, helfen im Leuchtturm an der Langenthalstrasse – und büffeln Deutsch.

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Von aussen errät man bei der Heilsarmee am Höhenweg in Huttwil erst auf den zweiten Blick, dass dort seit ein paar ­Tagen nicht mehr Normalbetrieb herrscht: Ein junger Mann mit dunklem Teint raucht eine Wasserpfeife.

Eine halbe Stunde später sitzt jedoch auch er unten im Gang der Jugendräume an einem langen Tisch und lässt sich von Helen Stalder erklären, dass ein Stuhl hier Stuhl heisst und eine Schere Schere.

Deutschkurs ist angesagt in der Flüchtlingsunterkunft der Heils­armee. Neun junge Männer nehmen daran teil. «Weitere werden erfahrungsgemäss noch dazustossen», erklärt Matthias Stalder, Stellvertreter der Korpsoffiziere, wie die Prediger bei der Heilsarmee bezeichnet werden, und Organisator der Unterkunft.

Zwei weitere Flüchtlinge seien zudem im Leuchtturm, dem ­Beschäftigungsprogramm der Heilsarmee Huttwil an der Langenthalstrasse, wo sie wie alle einen halben Tag pro Woche arbeiten und sich damit ein Zubrot verdienen können.

«Diese Menschen sind enorm lernbegierig und arbeitswillig», stellt Matthias Stalder fest: «Kaum einer verpasst die Gelegenheit, Deutsch zu lernen.» Doch die Heilsarmee organisierte nicht nur den Deutschkurs und die Beschäftigung im Leuchtturm innerhalb kürzester Zeit.

Der Aufruf des Generals

Am Wochenende vom 25.?Oktober weilte der höchste Offizier und internationale Leiter der Heilsarmee, General André Cox, an einem Treffen in Biel und rief die Schweizer Korps dazu auf, die Sozialwerke der Heilsarmee zu unterstützen, indem sie ihre Gemeinderäume für die Aufnahme von Flüchtlingen zur Verfügung stellen. Drei Tage später konnte in Thun die erste Unterkunft im Kanton Bern eröffnet werden.

Noch am Abend eines Workshops in Thun, wo Matthias Stalder die dortigen Verhältnisse eins zu eins vorgestellt erhielt, entschied die Gemeindeleitung in Huttwil, ihre Jugendräume zur Verfügung zu stellen.

Eine Woche später, am 10.?November, trafen bereits die ersten Flüchtlinge aus dem Zentrum Aarwangen ein, die Öffentlichkeit wurde informiert. Ob die Heilsarmee für ihre Räume und ihr Engagement eine Entschädigung erhält, sei dabei nie ein Thema gewesen, gestehen Stalder und Korpsoffizier Johannes Breiter auf Nachfrage.

Möglich sei die Unterkunft nur dank der breit gefächerten sozialen Tätigkeit der Heilsarmee, hält Matthias Stalder fest: Die Heilsarmee-Flüchtlingshilfe stellte die Einrichtung für den Schlafraum zur Verfügung.

Aus dem Kreis der Korpsmitglieder konnte eine rund vierzigköpfige Betreuungsgruppe gebildet werden. Matthias Stalder behält im Rahmen seines Vollpensums als Stellvertreter des Offiziers die Fäden in der Hand.

Enormer Zeitdruck

Nicht alles funktioniert dabei nach Schema. So sollten die Flüchtlinge in den Bundesaufnahmezentren mit den Landesgebräuchen vertraut gemacht und für den Alltag in der Schweiz gerüstet werden. In den wenigen Tagen, in denen sie dort durch­geschleust werden, ist dies jedoch offensichtlich nicht der Fall.

In den letzten Tagen schneite es – trotzdem besassen die meisten der Huttwil Zugewiesenen weder Socken noch Jacken. In der Brockenstube der Heilsarmee konnten diese Sachen besorgt werden. Ein Flüchtling reiste mit Papieren ein, die ihn als 18-Jäh­rigen auswiesen. In Huttwil stellte sich heraus, dass er erst 14 ist.

Entsprechend hilflos bewegt er sich. «Wir haben ihn vorderhand aus der Unterkunft genommen und privat untergebracht, bis er Platz in einem für ihn geeigneten Zentrum findet», hält Stalder fest.

Die beiden Jugendräume der Heilsarmee dienen als Schlaf- und Aufenthaltsraum, in der ­Garage wurde eine improvisierte Küche eingerichtet, denn die Flüchtlinge verpflegen sich selbst. «Mit den Gebräuchen hier mussten wir sie jedoch erst vertraut machen», sagt Matthias Stalder.

Das sei jedoch erstaunlich gut gelungen, da die 18 Flüchtlinge aus neun verschiedenen Ländern stammen und sich so zuerst untereinander arrangieren mussten.

Grosse Hilfsbereitschaft

Man habe sie auf ihrer Flucht ­davor gewarnt, dass die Schweiz ihnen mit Ablehnung begegnen werde, erklären zwei von ihnen, Ahmad al-Rehab aus Syrien und Aryathurai Sureshkumar aus Sri Lanka. In Huttwil erlebten sie ­jedoch nun das Gegenteil: Die Bevölkerung begegne ihnen mit viel Verständnis und Hilfsbereitschaft.

Das ist auch der Eindruck bei den Verantwortlichen der Heilsarmee: «Wer bei uns anrief, fragte, wie er helfen könne», hält Matthias Stalder fest

«Die Flüchtlinge ihrerseits ­helfen sich untereinander, wenn es Verständigungsprobleme gibt, weil die Sprachkenntnisse in Englisch nicht ausreichen», ergänzt Matthias Stalder. Das funktioniere leidlich.

Für ein vertieftes Gespräch über ihre Flucht und die Gründe dafür reicht dies allerdings nicht. «Auch wir er­fahren die Schicksale der bei uns Untergekommenen erst nach und nach», gesteht Matthias ­Stalder.

Auf die Länge sei ihre Aufgabe nicht zu meistern, geben sich Stalder und Breiter jedoch realistisch und drücken damit auch aus, wie die Heilsarmee ihre Hilfe versteht: Als spontane, unbürokratische Überbrückung, bis die offizielle Politik von Bund und Kantonen reagiert hat und wieder so viele Plätze für Asylbewerber zur Verfügung stellen kann, wie es angesichts der aktuellen Flüchtlingsströme braucht. «Wir gehen von einem Engagement von einem Monat aus», sind sie sich einig.

Berner Zeitung

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