Madiswil

Sozialdienst-Leiter zieht ein bissiges Fazit

MadiswilDer kleinste ­Sozialdienst im Oberaargau hat eine neue Leiterin: Beatrice Hodel löst Werner Bolliger ab. Dem Wechsel vorangegangen waren ­Abklärungen, ob der eigenständige Weg der rich­tige sei.

Interne Nachfolge: Beatrice Hodel übernimmt die Leitung des Sozialdienstes oberes Langetental im Steckhaus von Werner Bolliger.

Interne Nachfolge: Beatrice Hodel übernimmt die Leitung des Sozialdienstes oberes Langetental im Steckhaus von Werner Bolliger. Bild: Thomas Peter

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Er brachte Kontinuität in den ­Regionalen Sozialdienst oberes Langetental: Werner Bolliger, der die Beratungsstelle in Madiswil nun seit vierzehn Jahren führt. Zuvor hatten sich mehrere Stellenleiter die Verantwortung in kurzer Kadenz weitergegeben. Nun geht Bolliger in Pension.

Für ihn seien die unruhigen Zeiten in Madiswil eine Chance gewesen, hält der nun Abtretende fest. Er hatte zuvor den Sozialdienst in Hasle bei Burgdorf geleitet und war 51-jährig, als dieser mit demjenigen von Burgdorf zusammengelegt wurde. Hasle erfüllte die damals vom Kanton neu verlangte minimale Klientenzahl nicht mehr.

«Als Sozialarbeiter wollte mich niemand anstellen, weil ich eine Leitungsfunktion innegehabt hatte», erinnert er sich an diese Zeit der Ungewissheit. «Für die Leitung eines grösseren Sozialdienstes jedoch fehlte mir das geforderte Nachdiplomstudium.»

Schlechte Karten mit 51

Werner Bolliger machte damit eine Erfahrung, wie sie viele Klientinnen und Klienten der Sozialdienste kennen: Wer mit über 50 Jahren eine neue Stelle suchen muss, hat schlechte Karten. Eines hatte Bolliger seiner Klientel allerdings voraus: «Ich war trotz allem gut ausgebildet. Hätte es in Madiswil nicht geklappt, wäre ich trotzdem kaum auf der Strasse gelandet.»

Keine Ausbildung: Das sei ­heute nicht nur für die älteren Arbeitnehmenden ein Risiko, bei einem Sozialdienst zu landen, stellt der Leiter der Beratungsstelle in Madiswil fest. «Als ich Mechaniker lernte, war es noch anders: Da gab es in praktisch jeder Abteilung des Betriebes einzelne Mitarbeitende, die nicht oder nur schlecht lesen und schreiben konnten.»

«Die Politik­ er­wartet von unseren Klienten, dass sie arbeiten, ­verschliesst sich aber konstant der Schaffung jener Struk­turen, die ihnen dies ermög­lichen ­würden.»Werner Bolliger, Leiter Sozialdienst oberes Langetental

Entsprechend wurde die Aufgabe der Sozialarbeiter anspruchsvoller. Im Gegenzug habe der Druck der Politik auf die Empfänger von ­Sozialhilfe und Sozialversicherungsleistungen zugenommen.

Hart ins Gericht geht Werner Bolliger deshalb mit der Politik: «Sie erwartet von unseren Klienten, dass sie arbeiten, verschliesst sich aber konstant der Schaffung jener Strukturen, die ihnen dies ermöglichen würden.»

Alleinerziehenden Eltern zum Beispiel rät Werner Bolliger deshalb heute dringend ab, auf das für die Kinder angeblich ideale Land zu ziehen. Denn in Madiswil und Umgebung fehle es für Kinder im Schulalter an familien­ergänzenden Betreuungsange­boten.

Zur Tätigkeit der Sozialarbeitenden zieht Werner Bolliger am Schluss seines Arbeitslebens deshalb ein bissiges Fazit: «Unsere Gesellschaft produziert menschliche Abfallprodukte.

«Unsere Gesellschaft produziert menschliche Abfallprodukte. Wir Sozialarbeiter haben die Aufgabe, diese ruhigzu­stellen.»Werner Bolliger

Wir Sozialarbeiter haben die Aufgabe, diese ruhigzustellen.» Dabei gehe immer mehr Zeit darauf, die rigorosen Kontrollen zu dokumentieren; Zeit, die dann für die eigentliche Begleitung und Beratung fehle. Sein Fazit versteht Werner Bolliger als Kritik an der Gesellschaft.

Endlich geeignete Räume

Alles hat sich jedoch auch im ­Sozialdienst oberes Langetental nicht zum Schlechteren gewendet. Die Leitung angetreten hatte Werner Bolliger in einer Altliegenschaft beim Bahnhof Madiswil, in der der Sozialdienst zwei alte Wohnungen belegte.

Sicher abschliessbar waren diese nicht, ein eigentlicher Warteraum war inexistent — in heiklen Situationen fehlte jede Sicherheit. Zudem waren die Wände so ring­hörig, dass an Diskretion und Datenschutz nicht zu denken war. Das änderte sich erst 2008, als der Sozialdienst das der Gemeinde Madiswil gehörende Steckhaus an der Steingasse beziehen konnte. Dessen Ökonomieteil wurde nach seinen Bedürfnissen umgebaut.

Negative Antworten

Im Hinblick auf die Pensionierung von Werner Bolliger machte sich der Verbandsrat des Sozialdienstes oberes Langetental auch Gedanken über eine allfällige Fusion mit einem der umliegenden Sozialdienste.

Eine Übersicht über die regionalen Sozialdienst im Oberaargau.

Auf informelle Anfragen reagierten jedoch sowohl die beiden grössten Sozialdienste im Oberaargau, Region Trachselwald und Langenthal, wie auch das kleine Roggwil negativ. Deshalb bleibt der kleine Dienst in Madiswil weiterhin eigenständig und hat mit Beatrice Hodel eine Nachfolgerin für Werner Bolliger gewählt (siehe Infobox).

Das sei kein Problem, betonen Bolliger wie Hodel: Madiswil verfügt über 235 Stellenprozent Sozialarbeit. Es kann damit die Minimalanforderung des Kantons von 150 Stellenprozent ohne weiteres erfüllen.

Das würde auch dann noch gelten, wenn die Gemeinde Obersteckholz mit Langenthal fusionieren sollte. Deshalb entschied sich der Verbandsrat schliesslich überzeugt für einen eigenständigen Weg.

Die weitere Eigenständigkeit hat laut Werner Bolliger auch Vorteile: «Kleinheit kann auch eine Stärke sein, indem man sich besser kennt und die soziale Kontrolle besser funktioniert.» (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 08.02.2018, 10:17 Uhr

Die Neue

Beatrice Hodel, die neue Leiterin des Sozialdienstes oberes Langetental, absolvierte bereits ihr Praktikum als Sozialarbeiterin 2013 in Madiswil. Sie stammt aus dem Kanton Luzern, studierte aber in Bern und suchte deshalb einen Praktikumsplatz in diesem Kanton. Vom Sozialdienst oberes Langetentel wurde sie nach dem Abschluss der Ausbildung angestellt.

Dass Beatrice Hodel Nachfolgerin von Werner Bolliger wird, war trotzdem nicht von langer Hand vorbereitet, sondern entschied sich erst in den letzten Monaten. Ihr 80-Prozent-Pensum teilt sich neu in 25 Prozent Leitung und 55 Prozent Arbeit mit Klienten auf. Die Weiterbildung CAS für Führungsfunktionen wird sie im laufenden Jahr absolvieren.

Beatrice Hodel trat ihre neue Funktion am 1. Januar an. Werner Bolliger kündigte bereits per Ende 2017, arbeitet seine Nachfolgerin jedoch noch bis Ende März in einem reduzierten Pensum ein. Danach steht er bis zur ordentlichen Pensionierung Ende Mai bei Bedarf weiter zur Verfügung.

Bereits im Dezember trat Urs Schneider als neuer Sozialarbeiter seine Stelle beim Sozialdienst oberes Langetental an. jr

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