«Skrupellos, perfide und eiskalt»

Langenthal

Weil sie einen Mann falsch beschuldigte, muss eine Frau für ein halbes Jahr ins Gefängnis. 10 weitere Monate verhängte das Regionalgericht Emmental-Oberaargau bedingt.

Hatte er sie in seiner Wohnung mit einer Pistole bedroht? Nach Ansicht des Gerichts konnte diese Geschichte höchstens teilweise stimmen (Symbolbild).

Hatte er sie in seiner Wohnung mit einer Pistole bedroht? Nach Ansicht des Gerichts konnte diese Geschichte höchstens teilweise stimmen (Symbolbild).

(Bild: iStock)

Johannes Hofstetter

Der Staatsanwalt hatte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 34 Monaten gefordert, die Pflichtverteidigerin plädierte auf einen Freispruch. Am Ende betrat das Regionalgericht Emmental-Oberaargau den goldenen Mittelweg: Unter dem Vorsitz von Nicole Fankhauser verurteilte es eine Frau wegen falscher Anschuldigung zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten.

10 Monate werden der von der Sozialhilfe lebenden Mutter bedingt erlassen. Die Probezeit legte das Gericht auf die maximal möglichen 5 Jahre fest.

Weiter auferlegte das Gremium der schon einschlägig Vorverurteilten für Widerhandlungen gegen das Waffen- und das Strassenverkehrsgesetz eine bedingte Geldstrafe von 1500 und eine Busse von 300 Franken.

Die Verfahrenskosten von 13500 muss die Frau ebenso bezahlen wie die 5700 Franken, die ihr Opfer – ein seinerseits übel beleumdeter Drogengrosshändler – für seinen Anwalt auslegen musste.

Es ging um Geld

Die Frau hatte gegenüber der Polizei behauptet, ihr damaliger Liebhaber habe sie in Langenthal ins Auto gezerrt, in seine Wohnung geschleppt und mit einer Pistole bedroht. Nach Ansicht des Gerichts konnte diese Geschichte aufgrund von Zeugenaussagen und objektiven Beweisen höchstens teilweise stimmen.

Klar sei nur, dass es in der Wohnung des Mannes an jenem Abend zu einer verbalen und tätlichen Auseinandersetzung um Geld gekommen war. Dabei habe der Mann die Frau verletzt, sagte Gerichtspräsidentin Nicole Fankhauser.

Nach dem Vorfall verbrachte der Mann drei Monate in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft hatte die Frau deshalb auch wegen Freiheitsberaubung angeklagt. Von diesem Vorwurf sprach das Gericht sie frei. Die U-Haft sei nicht wegen ihrer Anschuldigungen, sondern wegen mutmasslicher anderer Verbrechen angeordnet worden.

Kaum war der Mann wieder auf freiem Fuss, zog die Frau ihre Anschuldigungen zurück. Später behauptete sie, dass sie das nur unter Druck ihres früheren Liebhabers getan habe.

Bei ihrem Prozess tischte sie die ursprüngliche Entführungs- und Bedrohungsgeschichte auf. Wieso sie all diese Kehrtwenden vollzog, habe sich dem Gericht nicht erschlossen, sagte die Gerichtspräsidentin.

«Kriminelle Energie»

Klar sei, dass sie bei ihren Märchenerzählungen «perfide, dreist, rücksichtslos, eiskalt und berechnend» vorgegangen sei und dabei «sehr viel kriminelle Energie» offenbart habe. Sie habe nicht nur die Polizei und die Staatsanwaltschaft belogen, sondern auch andere Behörden wie den Sozialdienst, die Invalidenversicherung oder die Opferhilfe.

Wäre der Mann aufgrund ihrer Aussagen verurteilt worden, wäre er kaum mit einer Freiheitsstrafe unter einem Jahr davongekommen, stellte Fankhauser fest.

Während der Urteilsbegründung zückte die Frau ihr Handy und begann zu tippen. Nicole Fankhauser forderte sie auf, das bis zum Ende der Verhandlung zu unterlassen. Das gehe nicht, erwiderte die Frischverurteilte patzig: «Mein Kind wurde soeben ins Spital eingeliefert.»

Langenthaler Tagblatt

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