Oberaargau

Müll muss nicht mehr nur Müll sein

OberaargauSchweizer Haushalte produzieren viel Abfall, und auch in Langenthal wandert mit steigenden Bevölkerungszahlen immer mehr in die Kehrichtverbrennungsanlage. Kann das Kunststoffrecycling diese Entwicklung stoppen?

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Im Fussball reicht es zwar noch nicht. Doch in einer anderen Disziplin kann sich die Schweiz Europameisterin nennen. Wenn auch in einer unrühmlichen, sie ist nämlich seit Jahren absolute Spitzenreiterin beim Anhäufen von Abfall. Pro Jahr und Person fallen hierzulande circa 730 Kilo Müll an, Tendenz steigend.

Auch in Langenthal ist dies nicht anders: Kamen 2014 total 2584 Tonnen Siedlungsabfall zusammen, waren es letztes Jahr bereits 2825 Tonnen. Schweizweit steht der Abfall bei 24 Millionen Tonnen pro Jahr oder anders ausgedrückt: 45 Tonnen pro Minute. Zahlen, die schwindlig machen. Und Kopfzerbrechen bereiten.

Langenthal hat noch Potenzial

Erfreulich entwickelt hat sich dagegen das Recycling: Seit Hans­peter Zingg in den 90er-Jahren beim Werkhof in Langenthal angefangen hat, sammelt die Bevölkerung mehr. Heute nimmt die Anlage derart viel entgegen, dass seit längerem der Platz knapp ist. «Wir leben in einer Wegwerf­gesellschaft», sagt Werkmeister Zingg heute. Das sehe er schon allein an den weggeworfenen Möbeln. Waren es vor zwei Dekaden eine Handvoll Möbelstücke, füllen diese heute jede Woche einen 20-Kubikliter-Container.

Daneben wird mittlerweile viel Karton gesammelt. Nur eben kein Plastik – dieses wird nach wie vor verbrannt. Zingg ist sich der grossen Abfallmenge bewusst und sagt: «Natürlich könnten wir weitaus mehr sammeln.» Doch dafür bräuchte es eine grössere Sammelstelle. Dass eine solche ein Thema ist, bestätigt Christine Hauert, Leiterin Fachstelle Umwelt. Ob und wann diese in Langenthal kommt oder allenfalls eine regionale Lösung gesucht wird, ist aber noch unklar.

Mehr Organisches verwertet

Wer einen genauen Blick in den Abfallsack wirft, sieht vieles drin, das gar nicht weggeworfen ­werden müsste. Das Bundesamt für Umwelt hat in einem Dossier ­illustriert, welche Abfälle in die Kehrichtverbrennungsanlage wandern. Mit einem Drittel machen biogene Abfälle, also verdorbene oder unverdorbene Lebensmittel, den Hauptanteil aus. Sie brennen zudem schlecht, obschon sie energetisch wichtige Rohstoffe enthalten.

Ein weiteres Produkt ist Kunststoff, aktuell werden etwa 80 Prozent davon verbrannt. Obwohl die Verbrennungsanlagen die gewonnene Wärme ins Energienetz zurückspeisen, ist dieser Prozess nicht wirklich ökologisch.

Was gegen die steigenden Abfallberge tun? Die Antwort darauf scheint einfach, sind es doch Ansätze, die man oft hört: vermeiden, vermindern, verwerten. Im Papierrezyklieren sind Schweizerinnen und Schweizer sehr erfahren, etwa 160 Kilo kommen hier jährlich pro Kopf zusammen.

Auch bei kompostierbaren Abfällen hat sich in den letzten Jahren einiges getan: Grüngut und Küchenabfälle wandern heute vermehrt in Biogasanlagen, wie die Kompogas in Langenthal. Die Kompostgasanlage an der Gastwerkstrasse war bereits von Beginn weg gut ausgelastet. Hier ­sehen Experten viel Potenzial.

Firmen sammeln Plastik

Was in Ländern in Asien (Singapur, Korea, Taiwan) oder Europa (Deutschland, Österreich) gang und gäbe ist, existiert in der Schweiz derzeit nicht – eine einheitliche Plastikregelung. Einst als Recyclingweltmeisterin gefeiert, hinken wir heute hinterher, obschon die Zahlen beim Sammeln von Glas, Blech und Alu seit Jahren hoch sind.

Mittlerweile gibt es aber mehr privatwirtschaftliche Projekte. Eines davon heisst «Brings». Das Franchisingentsorgungskonzept stammt von der Ruag Schweiz AG, der Altola AG sowie der Schwendimann AG und verfügt heute über Standorte in den Kantonen Bern, Aargau, Zürich, Sankt Gallen und Wallis.

Einer dieser Ableger befindet sich seit bald zwei Jahren in Herzogenbuchsee. Diesen Standort führt die Ernst Gerber AG in Roggwil als Franchisenehmerin. Dabei wird sämtliches Material, das bei der Abfallsammelstelle eingeht, über das Unternehmen entsorgt.

«Sind überrannt worden»

Nachmittags sowie samstags tagsüber öffnet «Brings» ihre Tore. Die Sammelstelle, die seit 2016 von Flaschenkorken über Karton bis hin zu alter Farbe alles annimmt, ist bei den Buchsern beliebt. Kunden laden vor Ort ihre Rohstoffe auf einen Wagen und stossen diesen zur Kasse zum Wägen. Für Einheimische ist das Angebot kostenlos, für Auswärtige gibt es eine Jahresmitgliedskarte für 33 Franken. Gebühren fallen bei rezyklierbaren Materialien keine an, bei Bauschutt etwa jedoch schon.

«Brings» habe in der Gemeinde eingeschlagen. «Schon kurz nach der Eröffnung sind wir überrannt worden», sagt Peter Gerber, Geschäftsleiter der Ernst Gerber AG. Wohl auch deswegen, weil in der Region bisher ähnliche Angebote fehlten. In diesem Jahr habe sich die Sammelmenge um 35 Prozent erhöht. An gut frequentierten Tagen sollen bis 15 Tonnen an Material zusammenkommen.

«Eine von uns durchgeführte Umfrage zeigt zudem, dass nun auch längere Öffnungszeiten gewünscht sind.» Ein weiterer Erfolg: der Sammelsack für Kunststoffe. Laut Gerber verkauft die Firma im Jahr circa 10'000 Säcke davon. Das System sei äusserst durchdacht: «Es ist wie Einkaufen, nur rückwärts.»

Wie steht es um die Effizienz?

Das Potenzial von Plastikrecycling wird indes kontrovers diskutiert. Einige Experten sagen, der ökologische Nutzen des Kunststoffsammelns sei zu gering, damit ein nachhaltiger Effekt erzielt wird. Eine Studie besagt zudem, dass wiederverwertete Kunststoffabfälle bei etwa einem Drittel der Effizienz des PET-Recycling-Systems lägen. Also doch lieber Plastik verbrennen, statt zu rezyklieren?

Im Gegenteil, heisst es im Jahrbuch «klimafreundlich Schweiz 2017». In diesem stellen 100 Topunternehmen neue Strategien zum Klimaschutz vor. Obschon die Ökoeffizienz bei Kunststoff niedriger sei als bei anderen Produkten, liege die erwartete Umweltwirkung umso höher. Da mit einer Gemischtsammlung mehr Material zurück in den Kreislauf gelange, liesse sich jährlich bis zu 700'000 Tonnen CO2 einsparen, schreibt Markus Tonner, Geschäftsführer der Inno Recycling AG.

Das Unternehmen hat die Plastiksammelsäcke, die auch «Brings» in Herzogenbuchsee anbietet, ins Leben gerufen. Dafür ist die Thurgauer Firma 2015 mit dem Schweizer Ethikpreis ausgezeichnet worden.

In der Region bereits aktiv

Obwohl es in Langenthal derzeit keine Möglichkeit gibt, Kunststoff zu rezyklieren, sind andere Gemeinden bereits einen Schritt weiter (siehe Karte in der Bildstrecke). Die nächste Annahmestelle ist bei Zimmerli Recycling in Aarwangen sowie bei der Ernst Gerber AG in Roggwil. Jedoch bietet auch das andere Zentrum Wangen an der Aare keine umfängliche Recyclinglösung mit Kunststoff an. Niederbipp, bis vor kurzem ohne Plastikannahme, verfügt seit März beim Entsorgungscenter Neuenschwander AG auch über eine Rückgabestelle.

Neben «Brings» in Herzogenbuchsee nimmt ebenfalls die Alte Landi in Madiswil und die Sammelstelle Kirchplatz in Melchnau Plastik entgegen. In Huttwil gibt es mehrere Optionen. In anderen Oberaargauer Gemeinden ist das Angebot beschränkt. Ein nationales Sammelsystem würde das Rezyklieren vereinfachen, gerade für Plastik. Bis dahin gilt es, mit dem Abfall-Europameister­titel zu leben und fleissig weiterzusammeln. (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 12.08.2017, 10:47 Uhr

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