Herzogenbuchsee

Mit dem Velo Richtung Integration

Herzogenbuchsee In Herzogenbuchsee bringen Freiwillige Flüchtlingen Fahrrad fahren bei. Damit sollen sie die Möglichkeit erhalten, günstig mobil zu sein. Bern ist Pionier beim Angebot solcher Velokurse.

Schon bald ein Stückchen unabhängiger: Auf dem Pausenhof des Schulhauses Mittelhloz lernen Flüchtlinge Velo fahren.

Schon bald ein Stückchen unabhängiger: Auf dem Pausenhof des Schulhauses Mittelhloz lernen Flüchtlinge Velo fahren. Bild: Thomas Peter

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Bevor es an die Fahrräder geht, muss noch etwas Theorie gebüffelt werden. Kursleiterin Sabine Beer erklärt im Schulhaus Mittelholz auf einem Plan die Verkehrsregeln, die in einem Kreisel gelten, erklärt das Prinzip des Rechtsvortritts, das Einspuren für die Linksabbieger, die Verkehrsschilder. Grundwissen, das in der Schweiz bereits in der Schule gelernt wird.

Die Teilnehmenden sind jedoch nicht hier zur Schule gegangen. Die dreizehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan und dem Irak. Manche sind noch Teenager, andere bereits im Seniorenalter. Allen gemein ist, dass Velofahren bis vor kurzem noch völlig fremd war. «Bei uns fahren Frauen nicht Velo», sagt die 24-jährige Natsnet aus Eritrea trocken. Insbesondere auf dem Land sei das völlig unüblich. Umso mehr ist sie froh, nun in die Pedale treten zu können: «Mit dem Velo kann ich in die Schule und in die Kirche fahren oder einkaufen gehen.»

«Bei uns fahren Frauen nicht Velo.»Natsnet, aus Eritrea

Fünf Helfer und zehn Kinder

Angefangen habe alles damit, dass man Flüchtlingen Velos zur Verfügung gestellt habe, die von Privaten gespendet wurden, sagt Ruedi Eichenberger: «Wir haben jedoch relativ rasch gemerkt, dass viele von ihnen gar nicht damit fahren konnten.» Als Helfer der Heilsarmee gibt Eichenberger Deutschkurse, irgendwann ist er darauf aufmerksam geworden, dass Pro Velo im Kanton Bern Velokurse für Flüchtlinge anbietet.

Mit diesem schweizweit einzigartigen Projekt sollen sie bei der Integration unterstützt werden: Mobilität ist ein hoher Kostenfaktor, Velos sind dabei verhältnismässig günstige Fortbewegungsmittel. Ausserdem wird durch den Austausch mit Einheimischen die soziale Inte­gration vorangetrieben, wofür Hilfswerke kaum Kapazitäten haben und auf Freiwillige angewiesen sind.

Mit Unterstützung von der Gemeinde, dem kantonalen Programm «Bern gesund», Spenden von Kirchgemeinden und Privaten konnte der Kurs auf die Beine gestellt werden. Es ist der erste dieser Art in der Region. Pro Velo Oberaargau hat das Material und die Kursleiterin zur Verfügung gestellt. Mit dabei sind ausserdem immer etwa fünf Helfer, die die Neufahrer unterstützen – oder auf die Kinder aufpassen: Am letzten Kurstag sind zehn davon anwesend.

Die Fahrräder können nach dem Kurs mit einem bescheidenen Entgelt erworben werden. «Wir haben zu Beginn viele Veloleichen einsammeln müssen», sagt Eichenberger amüsiert. Diese Gratiskultur sei ein falsches Signal, da die Leute den Wert der Fahrräder so nicht verstehen würden. «Es geht uns deshalb auch darum, die Eigenverantwortung zu stärken.»

Der Kurs besteht aus neun Einheiten und ist gestern zu Ende gegangen. Eichenberger hofft, in Zukunft in einem bescheidenen Rahmen weitermachen zu können. «Wir hatten immer den Plausch zusammen. Sie waren sehr motiviert, wenn auch etwas gstabig zu Beginn», sagt der freiwillige Helfer lachend. Mittlerweile seien doch immerhin einige strassentauglich.

Reale Herausforderung

Und dann geht es los: Die zehn Frauen und drei Männer nehmen ihre Velos und verteilen sich auf den zwei Parcours. Diese sind mit Kreide auf den Boden eingezeichnet, der eine ist ein Hindernisparcours, der andere ist ein Kreisel. Das Tempo ist zu Beginn noch langsam, behutsam fahren die Junglenker um die Hindernisse.

Der Schwierigkeitsgrad ist zwar tief, die vermeintlich einfachen Aufgaben stellen Unerfahrene jedoch vor Probleme: Wie hält man das Gleichgewicht beim Slalom? Wie biegt man scharf ab, ohne in den Baum reinzufahren? Dem Zuschauer wird rasch bewusst, dass Selbstverständliches nur dann selbstverständlich ist, wenn man es selber vor langer Zeit gelernt hat. Für Laien bleibt die Herausforderung real.

Das Tempo nimmt jedenfalls mit der Zeit zu, der Mut auch: Die Manöver werden waghalsiger, auch wenn die Manövrierfähigkeiten noch nicht im selben Masse zugenommen haben. Unvermeidlich deshalb die Kollisionen, die jedoch mehr Grund zur Belustigung als zur Ernüchterung sind. Die eher holperhafte Kommunikation zwischen Helfern und Flüchtlingen ist immerhin auch kein Hindernis: Ein Lächeln hilft.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 07.06.2018, 08:28 Uhr

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