Geschichten in wenigen Worten erzählt

Langenthal

Jetzt hat Aarwangen den grossen Auftritt im Museum. Der Blick reicht weit zurück, geht aber auch in die Zukunft. Und er richtet sich insbesondere auf die Menschen, ohne die das Dorf nicht wäre, was es ist.

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«Nanu?», mag sich da manch einer fragen. Das Schloss Aarwangen steht im Langenthaler Stadtzentrum. Nur das Sockelgeschoss mit seinen Arkaden ist vom Choufhüsi übrig geblieben. Schon die Einladungskarte zum Regionalfenster Aarwangen macht deutlich: Die Gemeinde versteht es, sich in Szene zu setzen. Zweieinhalb Monate dauert ihr Gastauftrittim Museum Langenthal, das den Oberaargauer Kommunen seit 2013 eine solche Plattform bietet. Bleienbach, Roggwil, Thunstetten-Bützberg, Melchnau und Lotzwil haben bereits vorgelegt.

Da will man sich auch in Aarwangen keine Blösse geben. 40 000 Franken lässt sich das OK unter dem Präsidium von Gemeindeoberhaupt Kurt Bläuenstein (FDP) die Ausstellung kosten. Mit dem Einbezug des Gewerbes wurden weitere Gelder generiert. Und in Daniel Gaberell und Kurt Baumann zwei Kuratoren an Land gezogen, die nicht nur mit Aarwangen verbunden sind. Sie verstehen es auch, die Besonderheiten des Dorfes auf der verhältnismässig kleinen Fläche des Museums eindrücklich wiederzugeben.

Zuzüger und Ausreisser

Ruhig schraubt Baumann drei Tage vor der Eröffnung an einem letzten Detail herum, schreitet Gaberell durch die so gut wie fertige Ausstellung. Den 63-jährigen Baumann, Künstler und pensionierter Werklehrer, hat es Mitte der 1970er-Jahre erstmals nach Aarwangen verschlagen. Nach mehreren Reisen sollte ihm das Dorf schliesslich zur neuen Heimat werden.

Der Verleger Gaberell hingegen, heute 49-jährig, ist schon im Ort aufgewachsen und hat diesen als junger Mann noch so gerne verlassen. Erst mit der Distanz habe er begriffen, wie schön die alte Heimat sei, schreibt er im Buch zur Ausstellung, das heute zeitgleich mit der Vernissage erscheint. Ganz zurückgekehrt ist Daniel Gaberell zwar bis heute nicht. Und doch ist es auch «sein» Aarwangen, das er im Museum mit Kurt Baumann erlebbar macht.

Zeugen der Zeit

Es ist ein Aarwangen der Menschen, das die beiden zeigen. Wobei sich der Fokus bewusst auf das einzelne Individuum richtet und nicht auf den Verein als ganze Interessengemeinschaft. Da sind einerseits die grossformatigen Porträts von Aarwangerinnen und Aarwangern der Gegenwart. Dem Polizeiwachtchef etwa, der Pintli-Wirtin, dem Platzwart des FC oder der Brocki-Frauen, die in nur knappen Zitaten doch so viel zu erzählen wissen.

Anderseits erinnern weitere Fotografien an stolze Eishockeyspieler und grosse Feste in Zeiten, als die Aare zugefroren war und sich auf der Ortsdurchfahrt aus der Ferne höchstens vereinzelt einmal ein Auto näherte. Persönliche Alben erzählen vom linksalternativen Jugendarbeitsteam, das den Jugendlichen im Dorf in den 1980er-Jahren unter den teils missbilligenden Blicken aus dem bürgerlichen Lager zu neuem Freiraum verhalf. Auch dem Malermeister und Kunstmaler Max Gerber (1919–2004) wird gehuldigt, dessen Aquarelle und Ölgemälde in so vielen Aarwanger Stuben einen Platz gefunden haben. Ebenso die Diashow des 2008 verstorbenen Journalisten und Hobbyfotografen Otto Neuenschwander, weitherum bekannt unter seinem Kürzel noa, haben die Kuratoren aus dem Gemeindearchiv hervorgeholt.

Und die 21 Ordner und Alben des 2010 verstorbenen Ernst Geiger: Ende der 1950er-Jahre zugezogen, hat der gelernte Bäcker, der hauptberuflich als Maschinist tätig war, die Entwicklung seines Dorfes dokumentiert. Dabei hat er insbesondere der Bautätigkeit grosse Beachtung geschenkt. Er hat Zeitungsartikel archiviert und gleichzeitig eigene Beiträge verfasst, nicht selten, ohne dabei auch Bezug zu einem aktuellen Ereignis der Weltgeschichte zu nehmen. So berichten seine Bücher nicht nur, dass 1999 gebaut wurde am Muniberg, sondern dass die Erdbevölkerung zu ebenjenem Zeitpunkt auf sechs Milliarden Menschen angewachsen war.

Historisch und virtuell

Die Bau- und Kulturgeschichte. Auch sie ist omnipräsent in der Ausstellung, ohne aber je verstaubt zu wirken. Auf einer Karte von 1820 wandelt der Besucher da vom Schloss die Eyhalde hinauf am Kornhaus vorbei zur Kirche und erfährt dabei viel Wissenswertes über jene historischen Bauten, die Aarwangen heute noch prägen. Ortsbezeichnungen und Flurnamen werden erläutert. An Familienwappen vorbei gehts hinaus hinters Haus, wo die Burger fürs Regionalfenster extra einen kleinen Wald gepflanzt haben.

Und dann sind da schliesslich überall jene Vitrinen und Installationen, Visitenkarten der Firmen, welche die Ausstellung unterstützen, fast alle von Kurt Baumann kunstvoll inszeniert. Der Fensterbauer, der Whiskyproduzent oder die Expertin in Sachen Wasserstrahltechnologie. Sie alle zeugen von einem Aarwangen, das nicht nur in die Vergangenheit blickt, sondern auch in die Zukunft. Wobei die Schulkinder sogar bereits konkrete Szenarien erstellt haben. Wie diese aussehen, können die Besucher durch die Virtual-Reality-Brille nicht nur sehen, sondern auch erleben.

Vernissage: Samstag, 17 Uhr, Museum Langenthal. Ausstellung bis 2. Juni.

Berner Zeitung

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