Langenthal

Fördern, wer es verdient

Langenthal In einer ehemaligen Metzgerei beherbergt die Heilsarmee Flüchtlinge. Sie lernen dort nicht nur Deutsch, sondern stellen auch Taschen her oder pflegen den Garten. Ein kantonal einzigartiges Projekt.

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In Reih und Glied spriessen die Kartoffelpflanzen in die Höhe. Im Gemüsebeet hinter dem alten Haus an der Farbgasse 77 in Langenthal herrscht ein klares Regime. Hier, wo einmal ein ungepflegter Garten wucherte, ist nun Ordnung eingekehrt. Neben den Kartoffeln wachsen Salatköpfe heran. Auf Knien lockern zwei Männer sanft die Erde auf, dahinter wässern zwei andere Flüchtlinge den durstigen Boden.

Die Männer aus Afghanistan, Somalia, Äthiopien, dem Irak und dem Sudan sind weder Bauern noch Gärtner, aber sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, in diesem Gemüsegarten zum Rechten zu sehen. Nicht nur dann und wann, sondern jeden Tag. Nach klarem Zeitplan und Rollenaufteilung. An der Farbgasse sind 35 Flüchtlinge einquartiert, die sich in einer Zwischenlösung befinden. Die Liegenschaft der ehemaligen Metzgerei dient ihnen dabei als eine Art Trainingscenter. Um später vielleicht irgendwann den Sprung in die Arbeitswelt zu schaffen.

Die Zwischenlösung

Im letzten September mietete die Flüchtlingshilfe der Heilsarmee ein Haus, das zuvor einem Neubau hätte weichen sollen, dann aber wegen der vielen Einsprachen aus dem Quartier doch stehen blieb. «Ich war schon etwas nervös, als wir das Gebäude für unser Projekt bezogen», sagt Armin Brüllhardt. Denn der Leiter der Regionalstelle Langenthal wusste nicht, wie die Anwohner auf die Ankunft der Flüchtlinge reagieren würden. Die Lokalität sollte zu keiner Auffangstation werden, auch nicht zu Privatwohnungen. Sondern zu etwas zwischendrin. Einem Ort, der den Flüchtlingen mit Ausweis N und F eine Tagesstruktur bietet.

«Wir unterstützen jene Leute, die wirklich arbeiten wollen. Wenn sie es hier nicht schaffen, ist die berufliche Integration meilenweit weg.»Armin Brüllhardt Leiter Regionalstelle Langenthal

Brüllhardt, blaues Hemd und braun gebrannte Haut, ist einer, dem die Begeisterung beim Reden anzusehen ist, wenn er Besuchern seine Idee und Vision zum Projekt der Heilsarmee vermittelt. Eines, das, wie er sagt, kantonal einzigartig ist. In einer ersten Phase landen Flüchtlinge jeweils in Kollektivunterkünften der Heilsarmee. Die zweite Phase wäre dann eigenständiges Wohnen in einer WG, wobei sich viele Betroffene oftmals schwertun mit der neuen Verantwortung. Zurzeit befinden sich im Kanton Bern bei der Heilsarmee 2220 Personen in dieser zweiten Phase, davon knapp 600 im Emmental und im Oberaargau.

Deshalb haben Brüllhardt und die Regionalstelle das Projekt f77 hervorgerufen, wobei das «f» für Farbgasse steht. Personen, die nach einiger Zeit einen Integrationsfortschritt zeigen, können in jenem Haus wohnen, mehrmals pro Woche einen Deutschkurs besuchen, sich Schritt für Schritt auf ein Leben im Alltag vorbereiten. Früher wurde hier Fleisch in Kammern geräuchert. Heute stellen die Flüchtlinge im Nähatelier Taschen und Rucksäcke her, die sie online verkaufen. Die Preise der Produkte, die erfahrene Schneiderinnen und Schneider herstellen, sind erschwinglich. «Wir wollen damit kein Geld verdienen», sagt Brüllhardt. Und was vom Erlös doch übrig bleibt, geht in den Kauf von Material für den Deutschunterricht.

Der Sprachenunterricht

In einem anderen Zimmer sitzen neun Männer und eine Frau und brüten über Vokabeln. Mahintha Sellathurai, wache Augen und warmes Lächeln, erklärt, weshalb ein Wort im Satz genau so und nicht anders angewendet werden kann. Die Praktikantin ist für Deutschkoordination, Aufgabenhilfe und Bewerbungen der Flüchtlinge zuständig.

Sie hat selbst Migrationshintergrund, ihre tamilischen Eltern flüchteten einst aus einem Kriegsgebiet. Die Lehrerin weiss also um die Schwierigkeiten der deutschen Sprache. Derzeit unterrichtet sie viele neue Schüler, doch das Niveau der Deutschkonversationen ist bereits beachtlich.

Der Marktverkauf

Das Budget der Heilsarmee für die Flüchtlingshilfe ist laut Regionalstellenleiter Brüllhardt knapp. Deshalb sei es wichtig, die Ressourcen so gezielt wie möglich einzusetzen. Er ist überzeugt, dass mit dem Projekt f77 genau das geschieht. «Denn wir unterstützen jene Leute, die wirklich arbeiten wollen.»

Manche bleiben für viele Monate hier. Es komme aber auch vor, dass einzelne Personen wieder gehen müssten – wenn ihre Motivation nicht stimmt. Das wird für betroffene Flüchtlinge zwangsläufig zu einem Problem: «Wenn sie es hier nicht schaffen, ist die berufliche Integration meilenweit weg», sagt Brüllhardt.

Es ist schwierig, Schweizer Gepflogenheiten wie Pünktlichkeit von Grund auf zu lernen, wenn man diese vorher nicht gekannt hat. Jene Männer, die an diesem Morgen im Garten stehen, sanft die Erde umgraben und Wasser giessen, scheinen aber an ihrer neuen Rolle und an mehr Verantwortung Freude zu haben.

Genau das ist es, was die Heilsarmee an der Farbgasse 77 bezweckt – Erfolgserlebnisse vermitteln. Ein solches ist der Marktverkauf, der Anfang Juni stattfand. Anwohner konnten direkt ab Gartenbeet Salate kaufen. Ein Erfolg, die Rückmeldungen sind positiv. Einige Nachbarn schauen mittlerweile auch spontan vorbei. Denn sie wissen: Dort, wo vorher viel Unkraut wucherte, steht heute ein gepflegter Garten mit saftigem Gemüse.

Mehr Infos finden Sie hier. (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 09.06.2018, 08:37 Uhr

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