Langenthal

Es grünte so grün am Schorenhoger

Langenthal Eine Postkarte zeigt, dass vor rund hundert Jahren unweit des Zentrums noch Äcker und Felder vorherrschten. Auf dem Original wurde die Farbe von Hand ­ergänzt.

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Zuweilen geben alte Fotografien Rätsel auf. Bei derjenigen, die wir heute für die Serie Zeit im Bild auswählten, sind es gleich mehrere. Beginnen wir damit: Was führt einen Fotografen dazu, eine Transformatorenstation, einen Pflanzplätz und viel Grün ins Bild zu rücken und damit eine Postkarte zu gestalten? Und dabei nicht nur schnell auf den Auslöser zu drücken, sondern sie nach dem Vergrössern auch noch aufwendig von Hand zu kolorieren, ehe sie gedruckt wird.

Denn Fotos waren zu Beginn des letzten Jahrhunderts bloss schwarzweiss. Zwar experimentierten Fotografen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Verfahren, die auch Farbtöne festhielten. Doch diese waren aufwendig und in der Praxis wenig tauglich. Koloriert werden mussten Fotografien mit dem Pinsel.

Auffällig ist an unserem Beispiel vor allem, wie differenziert die Farbtöne der Ziegeldächer wiedergegeben sind – vom hel­len Orange bis zum sanften Grün. Etwas viel Aufwand für eine Postkarte, von der man sich fragt, wer sie überhaupt kauft und versendet.

In welcher Ortschaft die Postkarte aufgenommen wurde, ist hingegen kein Rätsel: Langenthal steht unübersehbar im blauen Himmel. Doch wo ist sie dort genau entstanden? Rolf Peter, der sie der Redaktion zur Verfügung stellte, hat keine Ahnung.

Bahngleise als Anhaltspunkt

Die Lösung weiss Stadtchronist Simon Kuert. Auf die Spur führt ihn das Bahngleis, das zwischen den Feldern erkennbar ist. Es muss zur Langenthal-Huttwil-Bahn gehören. Der Chronist nimmt einen Ortsplan von 1900 zur Hand. Die vordersten Häuser links müssen an der Eisenbahnstrasse liegen, die auf dem Plan noch Huttwilbahnstrasse heisst. Diejenigen rechts liegen am Jägerweg. Der Fotograf dürfte somit am Abhang des Schorenhoger gestanden sein, vermutet Simon Kuert.

Das Bild erinnert an ein Ereignis, das der erste Zugführer der Langenthal-Huttwil-Bahn in seinen Erinnerungen an die ersten Jahre der Bahn festhielt: Bereits am Tag nach der feierlichen Einweihung ereignete sich 1889 in Rohrbach ein Zwischenfall: Ein mit Asche beladener Güterwagen wurde dort abgehängt, und das Stationspersonal musste ihn aufs Abstellgleis schieben. Dabei entwischte er ihm und rollte talabwärts Langenthal zu.

Katastrophe verhindert

Dort waren, wie der Bericht festhält, viele Menschen auf dem Schorenfeld an der Arbeit. Als sie den Wagen kommen sahen, gaben sie die Beobachtung unter sich weiter und konnten so auch den Weichenwärter am Bahnhof rechtzeitig warnen. Dieser legte eine Eisenbahnschwelle auf die Schiene und brachte den Wagen so zum Entgleisen.

Ohne dieses beherzte Alarmieren und Eingreifen wäre der Wagen in einen offenen Güterwagen gerast, der mit Petrolfässern beladen war. Die Folgen kann man sich leicht ausmalen. Heute wäre eine so einfache Kommunikation nicht mehr möglich.

Doch auch für unseren Fotografen war es eine echte Herausforderung, trotz seither erfolg­ter Überbauungen ein aktuel­les Vergleichsbild aufzunehmen. Wenigstens kann er farbig fotografieren und muss nach dem Abdrücken nicht mehr zum Pinsel greifen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.01.2018, 11:46 Uhr

Serie

In einer losen Serie stellen wir historische Fotografien Aufnahmen von heute gegenüber. Besitzen auch Sie ein altes Bild aus dem Oberaargau? Dann senden Sie uns eine Kopie davon. Die für eine Gegenüberstellung geeigneten Bilder wählen wir aus. Schreiben Sie uns: langenthalertagblatt@berner­zeitung.ch oder BZ Langen­thaler Tagblatt, Jurastrasse 15, 4900 Langenthal.

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