Rohrbach

Ein Chor bricht Traditionen

RohrbachIhr Repertoire ist breit, sie ist nicht typisch volkstümlich: die A-cappella-Formation Zäsingers. Mit der Trachtengruppe Rohrbach hat sie sich jedoch an ein höchst traditionelles Stück gewagt.

Sie singen das Guggisberglied: Zäsingers mit den Mitgliedern der Trachtengruppe Rohrbach am Rande der Theaterbühne.

Sie singen das Guggisberglied: Zäsingers mit den Mitgliedern der Trachtengruppe Rohrbach am Rande der Theaterbühne. Bild: Olaf Nörrenberg

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Märit in Guggisberg. Die heimkehrenden Marktleute reden über Kohlis Vreneli, das einen «Chilter» habe, aber eben nicht den Zbinden Dani, Sohn von Amtmann Abraham Zbinden. Längst gehört das Herz der hab­ligen Bauerntochter dem Simes Hansjoggeli, einem armen Geissenbauern. Unter dem Lindenbaum trifft sich das heimliche Liebespaar. Da tritt Vrenelis Mutter hinzu, herrlich verkörpert von Ruth Iseli. Auch wenn sie Hansjoggeli als anständig ­betrachtet, verhehlt die Witwe nicht, dass ihr Dani als Schwiegersohn willkommener wäre.

Vreneli erklärt, dass nichts und niemand etwas an ihrer Liebe zu Hansjoggeli ändere. Erstmals ertönt das wohl bekannteste und ­älteste Schweizer Volkslied, basierend auf der Geschichte aus dem 17. Jahrhundert. Es untermalt die Stimmung, zieht sich wie ein Grundmotiv durch die Aufführung, immer wieder anders intoniert und interpretiert, es schmeichelt sich in die Gehörgänge und mitten ins Herz. Der seltsam schönen Melodie kann sich kaum jemand entziehen.

Eine berührende Geschichte

Während die Trachtenleute auf der Bühne agieren, sind Musikanten, Trachtenchor und Zäsingers vor und neben der Bühne platziert. Dann wird eine Stubete veranstaltet, alle scherzen und tanzen. Nur Vreneli sitzt stumm am Spinnrad, ehe sie mit glockenheller Stimme das Guggisberglied singt. Hansjoggeli lässt sich vom betrunkenen Dani nicht provozieren. Doch der lauert seinem Nebenbuhler auf dem Heimweg auf. Hansjoggeli glaubt, er habe den reichen Bauernsohn erschlagen, und flüchtet zu den Söldnern, den roten Schweizern. Vorher bittet er sein Vreneli, auf ihn zu warten. Dieses sitzt untröstlich auf der Bank, und ihre Tränen untermalt die Violine von Karin Fuhrimann.

Im Publikum ist es still, als die fünf Frauenstimmen der Zäsingers erklingen. «Das Mühlirad isch broche, die Liebi het es Änd.»

Herausforderung im Doppel

Unter der musikalischen Leitung von Andrea Strahm berühren die Zäsingers – ihre Bezeichnung setzt sich zusammen aus zäme und singe – die Herzen, und manch einer der Zuhörer wischte sich verstohlen eine Träne weg.

Auch Hauptdarstellerin Silvia Staub kommt von den Zäsingers und bewegt mit ihrer schönen Sopranstimme und der ergreifenden Verkörperung des Vreneli. «Für uns als A-cappella-Chor bestand die Herausforderung auch darin, mit einem Ensemble zu spielen. Seit Sommer haben wir mit dem Trachtenchor geprobt», erklärt Andrea Strahm. Zudem sei das Level höher, wenn ein ­ganzer Ablauf einstudiert werde. Wechselnde Einsätze, einmal nur die fünf Sängerinnen und Sänger, wieder gemeinsam mit dem Chor, dann nur summen oder die Solisten begleiten. Alles auswendig ­gesungen. «Diese Strukturierung ist umso wichtiger, weil sich das Guggisberglied durch die gesamte Aufführung zieht.»

Beatboxen in der Tracht

Dank der Regie von Maya Bänninger und Nina Nyfeler habe sie sich vollständig der künstlerischen Leitung widmen können, sagt die Wyssacherin, die am Akkordeon zwischendurch ihren Bruder Ueli Strahm begleitete. «Wir sind nicht typisch volkstümlich, verändern bewusst mal ein Lied mit einem Beatbox, treten aber als Mitglied der Bernischen Trachtenvereinigung gerne in Tracht auf.» Etwa dann, wenn sie am diesjährigen Unspunnenfest in der Schlosskirche Interlaken singen. «Die Gestaltungsfreiheit ist uns wichtig», betont Andrea Strahm, die als Kind in der Trachtengruppe Rohrbach getanzt hat.

Überschaubarer Chor

Ursprünglich aus Singbegeisterten der Trachtengruppen Wasen-Eriswil entstanden, bilden heute 15 junge Erwachsene aus den Regionen Emmental und Oberaargau die Zäsingers. «Genauso bunt gemischt präsentiert sich das ­Repertoire von Volks- und Un­terhaltungsliedern über Klassik bis hin zu Liedern aus aller Welt», sagt Katrin Hauerter, Präsidentin des Vereins. Sie schätzt die überschaubare Grösse und die Freundschaft im Chor.

Der Trachtengruppe Rohrbach und den Zäsingers ist es gelungen, das Theater mit Gesang und Musik zu einem Ganzen zu verschmelzen. Es ist das besondere Kolorit der faszinierenden Geschichte einer unerfüllten Liebe, welche die Aufführung überstrahlt.


Weitere Aufführungen:Freitag, 20., und Samstag, 21. Januar, 20 Uhr, Turnhalle Rohrbach. Reservation: Tel. 062 965 03 25 (17.30–19.30 Uhr).
(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.01.2017, 09:37 Uhr

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