Wiedlisbach

Der bescheidene «Chrampfer»

WiedlisbachUlrich Obrecht hat sich unermüdlich für die medizinische Versorgung des Städtli Wiedlisbach eingesetzt. Nun wird er dafür zum Ehrenbürger ernannt.

Im Einsatz für die Natur und den heimischen Garten: Ulrich Obrecht geniesst die neu gewonnene Freizeit.

Im Einsatz für die Natur und den heimischen Garten: Ulrich Obrecht geniesst die neu gewonnene Freizeit. Bild: Thomas Peter

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Der Wunsch nach Zucker im Kaffee bringt Ulrich Obrecht in die Bredouille. Er springt vom Stuhl auf, bewegt sich mit schnellen Schritten in der Küche hin und her, öffnet Schranktüren und Schubladen. «Ich bin Hausbursche in Ausbildung und weiss bei einigen Dingen noch nicht, wo meine Frau sie aufbewahrt», sagt Obrecht und lacht.

Vieles ist noch neu für den Wiedlisbacher, der sich erst letzten November mit 71 Jahren of­fiziell in den Ruhestand verabschieden konnte. Zuvor ging es in der Oelepraxis noch nicht ohne den dorfbekannten Arzt.

In Vaters Fussstapfen

Schon im Städtli aufgewachsen, übernahm er 1980 die Praxis seines über die Gemeindegrenzen hinaus bekannten Vaters Robert Obrecht. Seine Tätigkeit als 22-jähriger Hilfspfleger im Dettenbühl hatte den jungen Ulrich Obrecht Jahre davor dazu bewogen, vom Biologie- aufs Medizinstudium zu wechseln.

Über 30 Jahre lang begrüsste der Arzt dann die Patienten in seinem Wohnhaus am Oeleweg, wie es vor ihm schon sein Vater getan hatte. Schliesslich entschied sich Ulrich Obrecht, eine Gruppenpraxis ins Leben zu rufen. 2015 wurde die Oelepraxis in Wiedlisbach eröffnet.

Fortan arbeiteten Ulrich Obrecht und der Attiswiler Peter Fuchs gemeinsam unter einem Dach. «Die Zusammenarbeit war stets sehr angenehm, ohne die Kooperation mit Attiswil wäre es nicht gegangen», betont Obrecht. Sowieso habe er sich nie als Einzelkämpfer gesehen. Viel zu gerne habe er den Kontakt zu seinen Berufskollegen und auch zu seinem Praxispersonal gepflegt. «So konnte ich von ihrem Wissen profitieren, das sie im Umgang mit den Patienten erworben hatten.»

Schwierige Suche

Fast 40 Jahre lang war Ulrich Obrecht Hausarzt mit Leib und Seele. Weshalb er sich schon früh mit der Nachfolgeregelung auseinandergesetzt hatte. Die Suche gestaltete sich jedoch schwieriger als erwartet. «Peter Fuchs und ich führten mit über einem Dutzend junger Ärzte Gespräche», erinnert sich der Wiedlisbacher.

Obrecht findet für die langwierige Suche gleich mehrere Gründe: «Als Hausarzt mit eigener Praxis lastet das ganze Risiko auf den eigenen Schultern. Sowohl finanziell als auch in Bezug auf Fehldiagnosen.» Zudem setze die Selbstständigkeit eine lange persönliche Entwicklung voraus. Kritisch äussert sich Obrecht über den Numerus clausus, der seiner Meinung nach der Sozialkompetenz der jungen Menschen zu wenig Bedeutung beimesse.

«Erst jetzt wird mir langsam klar, dass meine Bemühungen vielleicht  doch nicht ganz so selbstverständlich waren.»

Ulrich Obrecht

Langweilig wird es nicht

Nach vielen Gesprächen und Absagen wurden die beiden Dorfärzte doch noch fündig und konnten die eigene Praxis mit ­gutem Gefühl in Richtung Ruhestand verlassen. Noch heute besucht Obrecht gelegentlich die Gruppenpraxis, die sich nur einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt befindet.

«Solange ich vom Nachfolgeteam freudig begrüsst werde, gehe ich davon aus, dass ich es bisher nicht übertrieben habe», sagt Ulrich Obrecht. Und auch sonst wird es dem Wiedlisbacher in seinem Ruhestand nicht langweilig. Gemeinsam mit seiner Frau Ruth geht er nun auf Reisen, die auch Besuche bei den beiden Kindern einschliessen.

Der Sohn ist derzeit beim Umweltprogramm der UNO tätig, er ist in Nairobi in ­Kenia stationiert. Die Tochter arbeitet als Krankenschwester in der isländischen Hauptstadt Reykjavik und lebt dort mit ihrer Familie.

«Wir haben sehr guten Kontakt zu unseren Kindern. Und der Globus ist ja kommunikations- und verkehrstechnisch zum Dorf geworden, die räumliche Distanz hat an Bedeutung verloren», sagt Obrecht.

Voller Herzblut setzt sich der Arzt im Ruhestand auch für die Natur ein: «Das Thema sollte doch für jeden von uns elementar sein, schliesslich sind wir alle von einer guten Luft-, Wasser und ­Bodenqualität abhängig.»

Ulrich Obrecht wählt seine Worte mit Bedacht, lässt Pausen zwischen den Sätzen ganz entspannt zu. «Zeit», sagt er, «ist das wertvollste Gut überhaupt.» Das sei ihm mehr denn je bewusst.

«Das ist zu viel»

Nur wenige sind heute in Wiedlisbach derart verwurzelt, wie er es ist. Ulrich Obrecht kennt die Menschen, die Menschen kennen ihn. Und so kamen drei Freunde aus dem Städtli auf die Idee, bei der Gemeinde ein Gesuch für seine Ehrenbürgerschaft einzureichen.

«Als sie mir das erzählt haben, bin ich aus allen Wolken gefallen», sagt der 72-Jährige. Er habe gedacht, das sei zu viel der Ehre. Schliesslich habe er all die Jahre doch nur seinen Job gemacht. Über den einstimmigen Beschluss des Gemeinderates habe er sich dann aber sehr gefreut. «Erst jetzt wird mir langsam klar, dass meine Bemühungen vielleicht doch nicht ganz so selbstverständlich waren», sagt Obrecht.

Er blickt der heutigen Feier und den vielen bekannten Gesichtern freudig entgegen. In den Mittelpunkt möchte er sich aber dann doch nicht zu sehr drängen – auch nicht an seiner eigenen Feier.

Ruth Obrecht betritt das Wohnzimmer, liebevoll legt sie ihrem Mann die Hände auf die Schultern. «Ohne sie wäre ich wohl in einem Personalhaus verwahrlost», sagt er, und beide lachen. Schön sei es, ihren Mann nun mehr zu Hause zu haben, sagt sie. Und als Hausmann mache er sich ganz gut, auch wenn es noch das eine oder andere zu lernen ­gebe. «Aber gell, dafür haben wir ja jetzt Zeit», sagt Ruth Obrecht und zeigt ihrem Gatten, wo sie den Würfelzucker aufbewahrt. (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 30.08.2018, 16:26 Uhr

Ehrenbürgerfeier

Heute Freitag, 31. August, ab 18 Uhr in der Froburg in Wiedlisbach.

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