Herzogenbuchsee

«Das ist doch verrückt»

HerzogenbuchseeAnna und Heinz Gilgen wehren sich seit Jahren gegen ein Bauprojekt in ihrer Nachbarschaft in Herzogenbuchsee. Nun haben sie vom Kanton recht erhalten: Das bereits realisierte Mehrfamilienhaus verstösst gegen die Auflagen.

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Heinz Gilgen schüttelt frustriert den Kopf. «Diese Geschichte ist ein grosses Ärgernis. Wir hoffen, dass sie jetzt bald ein Ende findet.» Das dachte er aber auch schon vor gut fünf Jahren. Damals hatten sich Anna und Heinz Gilgen, die früheren Inhaber des gleichnamigen Modeladens, zum ersten Mal an diese Zeitung gewandt.

Das Ehepaar, das an der Kirchgasse in Herzogenbuchsee wohnt, wehrte sich gegen ein überdimensioniertes Bauprojekt auf dem Nachbargrundstück an der Thörigenstrasse. Gilgens als Anstösser legten Einsprache ein und begründeten dies damit, dass das Vorhaben den gesetzlichen Vorschriften nicht genüge.

Die Gemeinde erteilte zwar, abgestützt auf einen Bericht des Fachausschusses Ortsbild, dem Projekt die Bewilligung. Doch die Anstösser zogen den Entscheid vor die kantonale Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion (BVE) weiter und bekamen recht: Das Vorhaben erfüllte noch nicht einmal die Minimalanforderungen und galt anschliessend als beerdigt.

«Wir dachten, dass es sich damit erledigt hat», erinnert sich Anna Gilgen. «Endlich hatten wir Ruhe.» Doch falsch gedacht: Im Jahr 2014 wurde für das gleiche Grundstück ein Baugesuch für den Neubau eines 6-Familien-Hauses mit unterirdischer Einstellhalle aufgelegt.

Als Bauherrin trat die FL Baumeisterhaus AG aus Herzogenbuchsee, als Projektverfasser wie schon beim ersten Projekt Architekt Willi Fuhrer auf. Gilgens waren überrascht: «Uns war vonseiten Kanton versichert worden, dass auf dieser Parzelle nicht grösser als zweigeschossig gebaut werden kann.»

Nun aber habe das neue Projekt einen dreigeschossigen Bau vorgesehen. Eine entsprechende Beschwerde beim Kanton habe aber keinen Erfolg gehabt, erzählt Heinz Gilgen. Das Projekt erhielt die Bewilligung. «Uns war nun klar, dass wir diesen Chrott schlucken müssen.»

Plötzlich viergeschossig?

Doch damit war diese Angelegenheit für Gilgens noch lange nicht erledigt. Die Arbeiten für den Neubau liefen bereits, als sie im November 2015 erstmals eine erschreckende Beobachtung machten: «Wir stellten unbewilligte Projektabweichungen fest», erzählt Heinz Gilgen.

So hätten sie etwa mitverfolgt, wie Leitungen ins Dachgeschoss gezogen worden seien. Sie mussten nun davon ausgehen, dass das Estrichgeschoss mit einer oder zwei Dachwohnungen ausgebaut werden sollte.

Auch die Tatsache, dass in den Stirnseiten des Gebäudes anstelle der bewilligten Estrichfenster normale Balkonfenstertüren eingebaut und die Über­dachungen der Balkone im Dachgeschoss als begehbare Terrassen mit Balkongeländer erstellt worden seien, hätten darauf hingedeutet, sagt Gilgen.

«Es stand fest, dass wir etwas unternehmen müssen.»Anna Gilgen

Nun habe das Gebäude plötzlich sogar viergeschossig gewirkt. «Das war aber alles so nie bewilligt worden», sagt Heinz Gilgen. Auch der Einbau zweier Dachflächenfenster auf der südwestlichen Seiten sei nicht vor­gesehen gewesen. «Nun stand fest, dass wir etwas unternehmen müssen», sagt seine Frau.

Einstellung gefordert

Gilgens nahmen sich einen Anwalt und reichten im Dezember 2015 eine Anzeige ein. Die anschliessende Baukontrolle durch die Gemeinde zeigte unter anderem: Die zweite Dachgeschossebene war ursprünglich als Estrich definiert worden und die vorbereitete Wohnnutzung nicht bewilligt.

In der Verfügung der Gemeinde, welche dieser Zeitung vorliegt, wird die Bauherrschaft aufgefordert, alle Arbeiten im Estrichgeschoss sofort einzustellen. Und damit nicht genug: Gut zwei Monate später mussten Gilgens die Gemeinde erneut auf eine Abweichung zur ursprünglichen Baubewilligung aufmerksam machen.

«Wir stellten fest, dass der Bereich nordöstlich der Einstellhallen­zufahrt abgegraben worden war.» Anstelle einer Mauer, so der Verdacht, sollte nun neben der Einstellhalle ein Wendeplatz für Autos entstehen.

«Direkt unter unserem Schlafzimmer», ärgert sich Gilgen. «Auch dies entsprach nicht dem bewilligten Projekt.» Und so wurde nach einer Baukontrolle im März 2016 schliesslich auch für diesen Bereich eine Baueinstellung verfügt.

«Baustopps ignoriert»

Heute, zwei Jahre später, bleibt Heinz Gilgen nur noch Galgen­humor: «Eigentlich wären diese Baustopps ja immer noch aufrecht.» Tatsache ist aber, dass der Neubau mittlerweile realisiert wurde. «Die Wohnungen sind seit über einem Jahr bewohnt», so Gilgen. Im Dezember 2017 erfolgte die Bauabnahme. «Die Baustopps wurden von der Bauherrschaft einfach ignoriert.»

Was war passiert? Im Anschluss an die beiden verfügten Baueinstellungen reichten sowohl die Bauherrschaft als auch zwei Stockwerkeigentümer im Frühling 2016 nachträgliche Baugesuche ein.

In diesen war nun erstmals das enthalten, was im bisherigen Projektbeschrieb gefehlt hatte: etwa der Ausbau des Dachraums, der Einbau zusätzlicher Estrichräume, eines Treppenlaufs vom Dachgeschoss zum Estrichgeschoss, eines zusätzlichen Dachflächenfensters sowie die Erweiterung der Einstellhallenzufahrt.

Gegen diese Bauvorhaben erhoben Gilgens zwar Einsprache. Die Gemeinde erteilte jedoch allen drei Gesuchen die Baubewilligung. Diesen Entscheid zog das Ehepaar vor die BVE. Und diesmal stiessen Gilgens mit ihrer Beschwerde auf ­offene Ohren.

Bauabschlag erteilt

Die schriftlichen Entscheide des Kantons liegen dieser Zeitung vor. Darin stellt die BVE etwa bezüglich der verlängerten Einstellhallenzufahrt fest, dass diese die Wirkung der Baugruppe A beeinträchtige. Zur Erklärung: Der Neubau grenzt unmittelbar an diese Baugruppe, die den historischen Dorfkern mit der Kirche auf dem Hügel «als ­alles überragenden Mittelpunkt des Dorfes» umfasst.

In der heutigen Ausgestaltung, heisst es, dominiere die Zufahrt das Bild und verhindere, dass den geschützten Bauten die ihnen zustehende Präsenz und Wichtigkeit zukomme. Die BVE beruft sich dabei auf einen Bericht der kantonalen Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder.

Sie hatte darin festgehalten, dass dieses Vorhaben nicht bewilligungsfähig ist. Das gilt auch für das zusätzliche Dachflächenfenster: Das projektierte Fenster störe die Regelmässigkeit der Fassade und bewirke, dass die Dachfläche un­ruhig wirke.

Der Kanton hiess deshalb die Beschwerde diesbezüglich gut und erteilte dem Vorhaben den Bauabschlag. Zudem hielt er fest, dass weil der nicht ­bewilligungsfähige Zustand bereits bestehe, als Nächstes über die Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes entschieden werden müsse.

Auch fast alle übrigen Änderungen erklärt die BVE für nicht bewilligungsfähig, so etwa den Ausbau des Dachraums sowie die verlängerte Balkonabdeckung. Auch diesbezüglich wurde der Entscheid der Gemeinde aufgehoben und dem Vorhaben der Bauabschlag erteilt. Demnach müssen die oberen Balkonabdeckungen verkürzt, die zu grossen Firstfenster verkleinert und die Maueraussparung zugemauert werden.

Aus ästhetischen Gründen könne hierfür auch nachträglich keine Bewilligung erteilt werden, heisst es. Bezüglich des rechtswidrigen Ausbaus des Dachraums werde die Sache an die Vorinstanz zurückgewiesen. «An der Tatsache, dass der Estrichbereich als Wohnung genutzt wird, dürfte sich nichts mehr ändern», glaubt Heinz Gilgen.

Insgesamt 13 Abweichungen

So richtig freuen darüber, dass die Gemeinde mit ihren Baubewilligungen zurückgepfiffen worden sei, könne er sich sowieso nicht, sagt er. «Zu viel ist schiefgelaufen.» Gilgen verweist auf ein Schreiben der Gemeinde, wonach insgesamt 13 verschiedene Abweichungen zum bewilligten Projekt festgestellt worden seien. «Das ist doch verrückt.»

Positiv: Die Anpassungen bei der Einstellhallenzufahrt wurden mittlerweile vorgenommen. «Sie entspricht zwar damit noch immer nicht den ursprünglichen Plänen, der Wendeplatz ist nun aber immerhin verschwunden», sagt Gilgen. Die restlichen ­Wiederherstellungsmassnahmen sollten, so rechnet er vor, bis April dieses Jahres realisiert werden.

«Danach gibt es zwar immer noch vieles zu bemängeln, aber wir könnten dann mit dieser Lösung leben», sagt der Buchser. Er und seine Frau seien ganz bewusst mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit getreten. «Uns ist es wichtig, dass die Buchserinnen und Buchser erfahren, wie das Ganze abgelaufen ist. Uns trifft keine Schuld.» (Langenthaler Tagblatt)

Erstellt: 21.02.2018, 22:19 Uhr

Weiteres Baugesuch möglich

Die Gemeinde meldete sich am Mittwoch in ihrer Stellungnahme wie folgt zu Wort: Die Baukommission habe ihren Ermessensspielraum in Kenntnis des negativen Fachberichts der kantonalen Kommission zur Pflege der Orts- und Landschaftsbilder zugunsten der Bauherrschaft ausgelegt und die Projektänderung genehmigt.

Nach dem Bauabschlag der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion für die nicht baubewilligungskonform ausgeführten Bauteile obliege es nun der Gemeinde, die Wiederherstellung zu prüfen. Dabei gelte es die Verhältnismässigkeit zu wahren, heisst es.

Der nicht bewilligte Dachausbau sei zur Prüfung der Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes an die Vorinstanz zurückgewiesen worden. Hierfür bestehe seitens der Bauherrschaft nun die Möglichkeit, ein nachträgliches Baugesuch einzureichen. Die entsprechenden Verfahren seien ein­geleitet. swl

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