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Neuer Schifffahrts-Leiter: «Ohne schlechte Tage gibts keine guten»

SchifffahrtHans Meiner ist seit drei Monaten als Leiter der Schifffahrt Berner Oberland im Amt. Er bezweifelt, dass der Betrieb langfristig ohne öffentliche Unterstützung erhalten werden kann. Trotzdem – oder gerade darum – wird der Fahrplan ausgebaut.

Was hat Sie dazu bewogen, den Ruhestand aufzugeben und Leiter der BLS Schifffahrt Berner Oberland zu werden – zumal die Aufgabe bekanntermassen keine einfache ist? Hans Meiner: Ich bin wohl seit längerer Zeit pensioniert. Aber als Präsident des Versicherungsverbandes Schweizerischer Schifffahrtsunternehmen bin ich nach wie vor stark engagiert. Auch politisch setze ich mich sehr stark für den öffentlichen Verkehr ein – und bin daher immer noch sehr gut vernetzt. Ich kann hier in einer schönen Region an zwei schönen Seen arbeiten. Zudem war es mir ein Anliegen, dass mit dem Abgang von Michael Lüthi für das Personal der Schifffahrt Berner Oberland kein Vakuum entsteht, wie das nach Führungswechseln in den letzten Jahren der Fall war. Ziel ist, dass wir für die Schifffahrt im Berner Oberland einen guten Weg in die Zukunft finden. Wie haben Sie den Betrieb vorgefunden? Ich traf auf hoch motiviertes Personal und wurde sehr freundlich empfangen. Viele kennen mich bereits aus meiner früheren Funktion als Direktor der Vierwaldstättersee-Schifffahrtsgesellschaft. Welchen Eindruck haben Sie von den Strukturen der Firma? Im Gegensatz zum Vierwaldstättersee, wo ich Direktor einer eigenen Firma und für alles verantwortlich war, leite ich bei der BLS einen Teil eines Konzerns. Ich kriege Unterstützung von oben, vieles wird zentral bearbeitet. Zwar fehlen dadurch manchmal auch gewisse Freiräume, hingegen ist die nötige Unterstützung von oben für mich als Wiedereinsteiger natürlich sehr wichtig. Und: Nicht zuletzt ist die BLS ein finanziell starker Betrieb. Müsste die Schifffahrt alleine existieren, wäre das sehr schwierig. Es wird immer wieder betont, die Schifffahrt im Berner Oberland sei fast nicht eigenwirtschaftlich zu betreiben. Teilen Sie diesen Eindruck? Ich kenne die Details für Thuner- und Brienzersee noch zu wenig. Aber als langjähriger Präsident des Verbandes der Schweizerischen Schifffahrtsunternehmen weiss ich, dass in der Schweiz eigentlich nur auf dem Vierwaldstättersee ein rentabler Schiffsbetrieb geführt werden kann, wobei das Angebot dort integraler Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes ist – und vor allem weil die Schiffe ganzjährig regelmässig verkehren. Auf allen anderen grösseren Seen ist es praktisch nicht möglich, eine volle Eigenwirtschaftlichkeit zu erreichen. Die Schifffahrt auf dem Zürichsee ist Teil des Verkehrsverbundes, auf dem Genfersee schreiben sie jährlich ein Defizit von rund 8 Millionen Franken. Auch Schifffahrtsbetreiber auf mittelgrossen Seen wie dem Zugersee haben alle in irgendeiner Form eine Leistungsvereinbarung mit der öffentlichen Hand oder erhalten Abgeltungen von Bund oder Kantonen. Thuner- und Brienzersee sowie Bielersee sind die einzigen in der Schweiz, die ohne gesicherte staatliche Leistungen über die Runden kommen sollten. Können sie das langfristig? Ich zweifle stark daran – weil nämlich auf allen anderen Seen auch eine Art von Unterstützung nötig ist. Sie leiten die Schifffahrt Berner Oberland während «mindestens zwölf Monaten», wie die BLS bei Ihrem Stellenantritt mitteilte. Sehen Sie sich als «Übergangschef»? Ich bin Leiter der Schifffahrt und habe mich für mindestens ein Jahr verpflichtet. Ich bin zuversichtlich, dass ich meine Aufgabe so lange wahrnehmen kann, bis die künftige Schifffahrtsstrategie definiert ist – und jemand gefunden ist, unter dessen Leitung sie umgesetzt werden soll. In den letzten Jahren entwickelte sich die Schifffahrt auf Thuner- und Brienzersee weg vom reinen öffentlichen Verkehrsmittel hin zum Eventanbieter. Ist dieser Weg richtig? Die Schifffahrt umfasst verschiedene Aspekte, und Events sind ein Teil davon. Der Hauptteil der Schifffahrt ist jedoch die Kursschifffahrt – überall in der Schweiz. Die Kursschifffahrt ist Teil des öffentlichen Verkehrs, und das ist auch die grosse Stärke der schweizerischen Binnenschifffahrt. Heisst das, der Fahrplan wird nächstes Jahr wieder ausgebaut? Ja. Wir wollen das Angebot auf beiden Seen mit den vorhandenen Ressourcen quantitativ und qualitativ ausbauen. Kurz zusammengefasst haben wir zwei Ziele: Einerseits beginnt die Saison früher und endet später, und es verkehren wieder mehr Kursschiffe, andererseits ist der Fahrplan der Schiffe besser auf die Bahnanschlüsse ausgerichtet als heute (vergleiche dazu Text unten, die Redaktion). Bedeutet das also, dass Sie die Schifffahrt nicht nur als eigenes Erlebnis vermarkten wollen, sondern als Ergänzung oder Komplettierung eines anderen Angebots? Richtig. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich am Vierwaldstättersee gelernt habe: Die Schifffahrt muss präsent sein in Kombination mit Bergbahn- oder weiteren Angeboten. Selbstverständlich sind die Fahrgäste, die ausschliesslich eine Schifffahrt machen, ein wichtiger Teil des Marktes. Aber der grössere Teil sind jene Fahrgäste, welche die Fahrt auf dem Schiff als Teil eines ganzen Tagesausfluges nutzen. Warum sollten Feriengäste in Grindelwald immer in Richtung Kleine Scheidegg ausfliegen und nicht beispielsweise an einem Tag eine Schifffahrt mit einem Besuch des Freilichtmuseums Ballenberg kombinieren? Das bedeutet, dass Kooperationen wie jene mit Niesen, Stockhorn und Niederhorn weitergeführt werden? Ja. Gerade das Niederhorn, wo man von jedem Schiffskurs Anschluss an die Bergbahn hat, ist typisch für die Einbindung der Schifffahrt in den öffentlichen Verkehr. Wie stehen Sie zur Drohung einiger Schifffahrtsgesellschaften, aus dem GA- Verbund auszutreten? Natürlich muss man schauen, dass man von den 1,2 Milliarden Franken, welche das GA insgesamt einbringt, genügend Geld erhält. Aber aus meiner Sicht wird es, wenn überhaupt, nicht mehrere Betriebe geben, die da aussteigen. Das erinnert mich an vergleichbare Diskussionen, die geführt wurden, als das verbilligte Halbtaxabonnement eingeführt wurde. Da sind auch einige Bergbahnen abgesprungen – und haben später doch mitgemacht. Die Saison 2011 litt vor allem unter dem schlechten Juli. Im sonnigen April fuhren keine Schiffe, und im goldenen Herbst fahren weniger Schiffe als im Sommer. Gewinnt heute jener Anbieter, der im Frühling früher startet und im Herbst länger fährt? Diese Diskussion ist uralt. Auf dem Vierwaldstättersee hatten wir das Privileg, 365 Tage im Jahr fahren zu können. Das war einfacher als hier. Wo man aus übergeordneten Gründen nicht das ganze Jahr fahren kann, stellt sich immer die Frage, wann man anfängt und wann man aufhört. Eine lange Saison ist stets ein Risiko. Aber wenn man nicht fährt, hat man keine Passagiere. Da kann das Wetter noch so schön sein. Ich sage immer wieder: Ohne schlechte Tage, gibts keine guten Tage. So kann sich das Risiko lohnen – und man befördert plötzlich an einem schönen Sonntag im März mehr als 10000 Passagiere, wie heuer auf dem Vierwaldstättersee geschehen. Bedeutet das die Abkehr von der Doktrin, dass eine möglichst hohe Auslastung der einzelnen Schiffe das Mass aller Dinge ist? Es ist ein Anliegen, wieder höhere Frequenzen zu generieren. Dabei steht nicht die Auslastung des einzelnen Schiffes im Vordergrund, sondern ein möglichst optimales Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag während der ganzen Saison. Interview: Marco Zysset>

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