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Neue Hits aus alten Hymnen

Polo Hofer, Philipp Fankhauser, Gotthard, Sina, Patent Ochsner, Züri West: In der Schweizer Rockszene gibt es kaum Musiker, mit denen der Burgdorfer Trompeter und Produzent Stephan Geiser nicht zusammengearbeitet hat.

Er wirkt wie jemand, der in eine riesige Waschmaschine geraten ist und nach dem Schleudergang nun wieder festen Boden unter den Füssen hat. Mit einer halben Stunde Verspätung betritt Stephan «Gesa» Geiser im Schlepptau seines PR-Managers Rolf Schlup das «Stadthaus» in Burgdorf.

Am Morgen waren die beiden in Solothurn; dann gings nach Bern und Freiburg und zurück in die Emmestadt. In den letzten 14 Tagen waren Geiser und Schlup in der ganzen Schweiz unterwegs. Nächste Woche warten weitere Journalisten von Lokalfernsehstationen und Tageszeitungen. «Ungefähr 40 Interviews» habe er in kurzer Zeit gegeben, sagt Geiser. «Aber mit mir kann mans ja machen», sagt er und grinst.

Schlup, der ihm die Medientermine vermittelt, schmunzelt zurück. Als einer der erfahrensten Akteure im Schweizer Showbusiness – er wirkte schon bei der ersten Rumpelstilz-LP «Vogelfuetter» mit und geht bei den Grössen der Szene ein und aus wie andere Leute bei ihren Geschwistern – weiss er, wie der Promotionshase laufen muss, wenn er ans Ziel kommen will.

Unbekannte Bekannte

«Buebetröim Vol.2» heisst der Grund für die Tour de Suisse von Geiser und Schlup. Seit dem 9.Oktober ist die CD auf dem Markt. Die Idee dahinter gehört zu jener Sorte Ideen, bei denen man sich fragt, wieso sie nicht schon längst jemand gehabt hatte: Stars wie Sina, Ritschi, Adrian Stern, Freda Goodlett, Michael von der Heide, Heidi Happy, Marc Sway oder Gigi Moto singen ihre bekanntesten Songs neu arrangiert und begleitet von Musikern, mit denen sie sonst kaum zu tun haben: dem Swiss Jazz Orchestra (SJO) unter der Leitung von Stephan Geiser. Altbekannte Hymnen können neu entdeckt werden und erhalten so einen anderen Charme. Und sind musikalisch meist üppiger angerichtet als das Original.

«Einfach das Grösste»

Das Konzept hat sich – auch zu Geisers Überraschung, wie er sagt – schon vor zwei Jahren bewährt, als er mit Cracks wie Polo Hofer, Philipp Fankhauser, Kuno Lauener, Büne Huber und Sina die ersten «Buebetröim» produzierte. Das Konzept überzeugte nicht nur das Publikum – die CD verkaufte sich gegen 10 000 Mal –, sondern auch die Künstler: «Wenn eine Big Band so richtig loshupt, ist das das Grösste für mich», sagte Büne Huber von Patent Ochsner.

Die Zusammenarbeit mit den Stars fällt Stephan Geiser, der als Dozent an der Swiss Jazz School in Bern Trompete lehrt und an einem Tag pro Woche an der Musikschule Burgdorf Musikunterricht erteilt, leicht.

Gegenseitiger Respekt

«Es ist eine Frage des gegenseitigen Respekts», sagt er. Berührungsängste gebe es nicht. «Mit den meisten Musikerinnen und Musikern habe ich schon vor den ‹Buebetröim› zusammengearbeitet.» Für Gotthard, Sina, Adrian Stern oder Ritschi zum Beispiel stand er im Studio. Philipp Fankhauser begleitet er auf der «Love man riding»-Tournee, die ihm auch Auftritte im Vorprogramm von Legenden wie Elton John, Simply Red, Uriah Heep, Deep Purple verschaffte.

Wichtig sei, jeden Akteur und jede Künstlerin so zu nehmen, wie er oder sie ist. «Es hat immer spezielle Charaktere darunter», sagt Geiser. Auf die jeweiligen Befindlichkeiten nehme er als Bandleader «gerne und so gut wie möglich» Rücksicht.

Aber jede Extrawurst werde nicht gebraten: «Die Künstler erhalten alle gleich viel Gage. Und wenn wir am 25.November einen Monate lang auf Tournee gehen, gibts für die Sänger und Sängerinnen je eine Garderobe und eine für das Orchester.» Künstler, welche sich isolieren wollen oder vor dem Auftritt noch Hotelsuiten beziehen möchten, seien nicht berücksichtigt worden.

Vieles im Hintergrund

Einerseits, sagt er, sei es «fast schade», dass er im Moment auf die «Buebetröim» reduziert werde. Mit seiner Band Funky Brotherhood – «eigentlich sollten wir in diesem Jahr unser zehnjähriges Bestehen feiern, kommen irgendwie aber einfach nicht dazu» –, mit der Vertonung von Paul-Klee-Bildern oder der Bandoneon-Performance von Michael Zisman in «Close Encounter» hätte das Swiss Jazz Orchestra weitere Projekte am Laufen, die «ebenso spannend» seien wie die «Buebetröim».

Andrerseits: «Für das Swiss Jazz Orchestra ist die Zusammenarbeit mit all den Leuten aus dem Pop- und Rockbereich nicht nur musikalisch und menschlich inspirierend», sagt der Chef. Die zwei Dutzend Orchestermitglieder, an die er in jeder Hinsicht «sehr hohe Anforderungen» stelle, freuten sich auch darüber, jetzt einmal ohne eng angezogene Zügel Gas geben zu dürfen.

Auch im kleinen Rahmen

Wenn sich das Swiss Jazz Orchestra mit den zwei «Buebetröim» neue Zuhörerschichten erschliessen könne, sei das «sicher schön», sagt der 41-jährige Burgdorfer, der seit 35 Jahren Trompete spielt. «Aber mein Ziel ist es nicht, Millionen von Platten zu verkaufen.» Wichtiger sei ihm der Kontakt zu den Leuten, unabhängig davon, ob es sich um Musiker oder Zuhörer handelt. «Wenn ich mich im Moment sehr glücklich fühle, hat das damit zu tun, dass ich weiss, dass ich auch in einem kleineren Rahmen anspruchsvolle Musik machen kann.»

Dazu wird Geiser in absehbarer Zeit kaum kommen. Sobald die «Buebetröim»-Tournee abgeschlossen ist, stehen bis Ende Jahr Gigs mit den Funky Brotherhood an. 2010 geht es mit den «Buebetröim»-Konzerten weiter. Darüber hinaus will sich Geiser mit dem SJO und einem Chor an ein zeitgenössisches Requiem wagen.

Weitere «Buebetröim» hat er nicht. Oder noch? Der Gedanke, einmal mit Musikern aus dem Ausland etwas Derartiges auf die Beine zu stellen, «hat etwas für sich», sagt er. Sekunden später weiss er auch schon, wen er dafür anfragen könnte: «Herbert Grönemeyer und Nina Hagen.»

Johannes Hofstetter

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