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Nervenflattern am Klassentreffen

Ski alpinMaria Riesch gewinnt als dritte Deutsche den Gesamtweltcup. Zum grossen Showdown ist es der Witterung wegen nicht gekommen.

Man wähnte sich an einem Klassentreffen. Es wurde geplaudert und gelacht – im Zielraum, aber auch abends in der Pizzeria. Die Klassenbesten früherer Jahre erwiesen den Musterschülern dieser Tage die Ehre, auch ehemalige Trainer und Funktionäre waren zugegen. So verfolgte Gian Gilli, einst Leistungssportchef von Swiss-Ski, die Abfahrten – «als Fan», wie der heute in gleicher Funktion für Swiss Olympic tätige Engadiner lachend festhielt. Sonja Nef besuchte mit ihren beiden Töchtern ihren Mann Hans Flatscher, den Trainer der Schweizer Speedpiloten. Und die ebenfalls mit Familie angereiste Skischulbetreiberin Vreni Schneider diskutierte angeregt mit dem ARD-Experten Markus Wasmeier, einem Gefährten aus den Achtzigerjahren. Wer im Rahmen des Weltcupfinals auf der Lenzerheide unter Wert geschlagen wurde, steckte die Enttäuschung locker weg; wer infolge der witterungsbedingten Absagen vergebens ins Bündnerland gereist war, nahm es gelassen. Das galt freilich nur für jene Protagonisten, welche bei der Kristallvergabe kein Mitspracherecht mehr hatten. Andere wiederum offenbarten ungewohnte Anspannung, beispielsweise Österreichs Männercheftrainer Mathias Berthold, welcher Renndirektor Günter Hujara bei dessen Disput mit Didier Cuche den Rücken stärkte. Ziel der Aktion war, Cuche vor dem Kampf gegen Michael Walchhofer um den Abfahrtsweltcup aus der Balance zu bringen. Was gründlich misslang. Drei Punkte, zwei Hundertstel Blank gelegen waren die Nerven bei Maria Riesch, die sich erstmals als Gewinnerin der Gesamtwertung feiern liess. Bereits vor Beginn der Finaltage hatte die Deutsche reichlich Energie auf Nebenschauplätzen verbraucht, sich über Rivalin Lindsey Vonn geärgert, weil diese wohl nicht mit ihrem üblichen Rennschuh gefahren war. Was erstens regelkonform gewesen wäre und zweitens niemanden interessiert hätte – normalerweise. Von der Souveränität, welche die 26-Jährige zuvor ausgestrahlt hatte, war nichts mehr zu spüren, weder in der Abfahrt auf der Lenzerheide noch in den vielen Interviews, in denen sie die Zuschauer an ihren mit Bremswirkung verbundenen Emotionen teilhaben liess. Vor dem Slalom setzte das Nervenflattern auch bei der Amerikanerin ein. Deren Mann und Betreuer Thomas Vonn erschien im Startgelände, was sonst nie der Fall ist. Tags zuvor hatte sich Vonn nach der Absage der Su-per-G über fehlende Flexibilität seitens der Organisatoren beklagt, obwohl das Reglement bei Weltcupfinals keine Programmänderungen zulässt. Der Papierform gemäss bewältigte Riesch den Slalom besser als Vonn und übernahm den Lead. Drei Punkte trennten die beiden vor dem abschliessenden Riesenslalom, was die Bayerin zur Aussage verleiten liess, angesichts der geringen Differenz sei es egal, ob man die Nase vorne oder hinten habe. Sie irrte – und jubelte; an die Durchführung eines halbwegs fairen Rennens war am Samstag wegen Schneefalls und dichten Nebels nicht zu denken. Als dritte Deutsche nach Rosi Mittermaier (1976) und Katja Seizinger (1996 und 1998) durfte Maria Riesch die grosse Kristallkugel gen Himmel stemmen. Wäre sie im Slalom um zwei Hundertstel langsamer gewesen, hätte Vonn die begehrteste Trophäe im Skisport zum vierten Mal de suite gewonnen. Podestplätze in fünf Sparten Das Verdikt geht in Ordnung. Riesch ist die kompletteste Fahrerin, stand in dieser Saison als einzige in allen Sparten mindestens einmal auf dem Podest. Der Berner Thomas Stauffer durfte sich in seiner ersten Saison als Cheftrainer der deutschen Frauen nicht nur über Rieschs Erfolg, sondern auch über Viktoria Rebensburgs Triumph in der Riesenslalomwertung freuen. Tags darauf setzten die Deutschen das Tüpfelchen aufs i und reüssierten im Teamwettkampf, wobei Maria Riesch mit drei Siegen auf der langsameren der beiden Strecken den Löwenanteil beisteuerte. Der Doppelolympiasiegerin bot der Event die Gelegenheit, sich wieder von ihrer souveränen Seite zu zeigen. Für die andern war er primär das von Sonnenstrahlen umrahmte Dessert eines grösstenteils heiteren Klassentreffens.Micha Jegge >

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