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Mühe mit dem Namen Federer

Das traditionsreiche Wimbledon-Turnier hat in diesem Jahr eine zusätzliche Attraktion – den Dichter Matt Harvey.

Es ist ein Himmelfahrtskommando. Matt Harvey stellt sich neben die lange Warteschlange. Die Zuschauer verkürzen sich die Zeit mit Tratschen, Lachen, Musikhören. Dieses Publikum will Harvey für sich gewinnen, und zwar ausgerechnet mit einem Gedicht. Ein auf den ersten Blick schwieriges Unterfangen. «Wenn ihr nicht schätzt, was ich hier tue», droht der Engländer, «verliert ihr euren Platz in der Warteschlange!» Matt Harvey ist der erste Hofdichter in der 133-jährigen Geschichte des Wimbledon-Turniers. Der 47-Jährige sollte das Geschehen auf dem altehrwürdigen Tennisgelände in lyrische Reime fassen und sich dabei vor allem auf Randgeschichten konzentrieren – auf die berühmten Erdbeeren, die Stuhlschiedsrichter, den Rasen oder die Warteschlangen. Nicht immer ist dies in den vergangenen zwei Wochen gelungen. Manchmal rückte auch das Sportliche in den Fokus, etwa als sich zwei Spieler eine über elfstündige Abnützungsschlacht lieferten. Als Kabarettist und Stand-up-Poet hat Harvey keine Berührungsängste mit dem Publikum. Die Menschen in der Warteschlange nimmt er bereits mit der ersten Silbe seines Gedichtes für sich ein, weil sich die flockig-leichten Reime und kunstvollen Wortspielereien so kurzweilig anhören, egal, ob man der englischen Sprache mächtig ist oder nicht: «Thwak, thwok, thwak, plok, thwakety plik, thwoketty plak, to-ity fro-ity fro-ity to-ity, slowity quickety quickety, slowity turnety headety, headety turnity.» Und so weiter und so fort. Die Zuhörer hängen an seinen Lippen. Ein Gedicht pro Tag muss Harvey abliefern. Dieses entsteht zumeist zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Tagsüber spaziert er auf dem riesigen Gelände umher, sammelt Eindrücke, Ideen und Wörter, aus denen er schliesslich seine Reime kreiert. Einen Schreibstau hat er bisher noch nie erlebt. «Es wird immer ein Gedicht daraus. Die Frage ist nur: Wird es ein gutes Gedicht?» Mühe bereitet ihm allerdings der Name Roger Federer. «Da reimt sich nichts drauf.» Harvey wartete zu – und jetzt ist der sechsfache Wimbledon-Champion ausgeschieden. Der Poet, der sich selbst als «wundervollen, aber leider verkannten Tennisspieler» bezeichnet, lässt es nun bleiben. Beeindruckt war Harvey vom Schweizer trotzdem, als er ihm bei seinen Auftritten auf dem Centre-Court zuschaute. Er versteht deshalb nicht, dass Federer von den englischen Medien harsch kritisiert wurde: «Er hat so viel Stil, was auf unsere Zeitungen eher nicht zutrifft.» Statt über Federer hat Harvey nun über Andy Murray ein Gedicht verfasst. «One of ours» (Einer von uns) beschreibt das ambivalente Verhalten der englischen Tennisfans gegenüber dem Schotten, die ihn je nach Turnierverlauf als ihren betrachten oder auch nicht: if ever he’s brattish or brutish or skittish he’s Scottish but if he looks fittish and his form is hottish he’s British Die Zuhörer applaudieren Harvey, dieser verabschiedet sich. «Nächstes Jahr», sagt er, «stehe ich selber in der Warteschlange.» Andreas Schmid, Wimbledon >

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