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Mezzo-Star zeigte dramatische Seite

menuhin festivalSie war unwiderstehlich und sang Vivaldi und Händel auf höchstem Niveau: Star-Mezzosopranistin Magdalena Kožená zeigte ihr dramatisches Flair. In der Kirche Saanen gedieh aber auch ein Barock-Fest der ganz feinen Töne.

Es geht um Terror und Tortur. Die Hände haben sich ineinander verkrallt. Der Ernst des Lebens mit allen Gefahren und Gefühlen von Tod, Verlust und Angst scheint die Sängerin zu packen und zu rütteln. Ihr Blick stiert nach vorne, vielleicht ins Leere. Es sieht nach Rache und Vergeltung aus. Die Stimme vibriert, verhärtet sich, weitet sich zum Furioso. Ja, da bläst eine Furie – schwer getroffen von Enttäuschung, Ekel und Verzweiflung – zum wütenden Angriff. Es ist die Mezzosopranistin Magdalena Kožená, welche die Arie «Where shall I fly» von Georg Friedrich Händel aus seiner Oper «Hercules» darniederschmettert. Genau so, als ginge es um Leben und Tod. Die 38-jährige Starsängerin lotet die Dramatik und Tragik der Figur unerbittlich aus, schont das Publikum und sich selbst überhaupt nicht. Die Tschechin verkörpert das, was sie singt. Sie will – so scheint es – nicht schön sein. Jedenfalls nicht so, wie sie im Programmheft beschrieben wird. Sie hat sich die Haare hochgebunden. Das macht sie älter. Ihr hautfarbenes, mit Grünteilen überzogenes Kleid wirkt fast wie eine Art Schutzpanzer. Das macht sie strenger, sicher nicht eleganter. Mehr als nur schön singen Der optische Eindruck wird durch die gesanglichen Qualitäten gestützt. Nur schön singen, weil ein Arienabend ohne Szenenausstattung ansteht? Nein, das geht bei Kožená nicht. Es ist, als stehe und agiere sie auf der Bühne. Die Zuhörerin, der Zuhörer kann sich ihre und seine eigenen Bilder ausmalen. Dank der Suggestionskraft, welche die grossartige Sängerin liefert: Mit ihrer glasklaren, sauber strukturierten, charakterintensiven Stimme, die in den Höhen leicht, federnd und spannungsdicht wirkt, in der Mittellage trägt und subtile Klangfarben malt – und zu guter Letzt in der Tiefe auch Rauheiten zulässt. Sie trillert weniger spektakulär als eine Cecilia Bartoli und hält sich mit akrobatischen Koloratureinlagen zurück. Wenn sie möchte, kann sie aber auch das. Kožená geht aufs Ganze: Beim offensiveren Händel badet sie im Emotionenmeer und lotet die Extreme aus. Und zündet fast so nebenbei mit «Oh, had I Jubals’s lyre» einen Gassenhauer. Beim defensiveren Vivaldi setzt sie auf Schwingungen, baut diskret und gekonnt Spannungsgefüge auf – und hält sie aufrecht. Ach ja: Der Abend am Dienstag in der nahezu ausverkauften Kirche Saanen nennt sich «Vivaldi: Opera Arias», was natürlich nur der halbe Inhalt ist. Aber Kozena macht auch diese Arien – insgesamt sind es drei – zum Erlebnis am Menuhin Festival. Wunderbarer Barock-Sound Vor allem ist da auch noch der wunderbare Klangkörper des Venice Barock Orchestra, der unter der dezenten, souveränen Leitung von Andrea Marcon (am Cembalo) sowohl dramatisch mitzuformen als auch passende Atem-und Resonanz-Räume zu schaffen vermag. Sauber rhythmisiert, geraten sowohl die Sinfonia C-Dur RV 111a und das Konzert für Fagott F-Dur RV 488 mit der starken Solistin Giulia Genini zum Klangbild aus einem Guss. Antonio Vivaldis Konzert für Streicher d-Moll RV 127 bildet einen ebenso lieblichen Gegenpol zum teils aufwühlenden Operngeschehen wie die Trouvaille von Georg Philipp Telemann. Sein Konzert für Flautino (mit der anmutig-begeisternd aufspielenden Anna Fusek), Traversiere (mit dem stilsicher-sympathischen Michele Favaro), Streicher und Continuo e-Moll gedeiht zur bezaubernden, zart gepinselten Tonmalerei. Dieser filigrane Teil des Barockfestes passt trefflich zum schön ausgeleuchteten Freskenhintergrund in der Mauritiuskirche – und man fühlt sich für Momente weit weg von allem, was mit Terror und Tortur zu tun hat.Svend Peternell>

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