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Mann mit dem Gespür fürs Volk

Von «Gilberte de Courgenay» bis Gotthelf: Franz Schnyder, vor 100 Jahren in Burgdorf geboren, ist nicht nur der erfolgreichste Schweizer Regisseur

«C’est la petite Gilberte, Gilberte de Courgenay», schallte es 1941 im Chor durch ein Wirtshaus im Jura. Soldaten und Offiziere hoben die hübsche Wirtstochter – gespielt von Anne-Marie Blanc – auf den Tisch. Das Publikum war begeistert: So viel Hollywood hatte man noch nie in einem Schweizer Film gesehen. Über eine Million Zuschauer strömten in «Gilberte de Courgenay», Franz Schnyders Filmdebüt. Später sollte der am 5.März 1910 in Burgdorf geborene Regisseur mit seinen Gotthelf-Verfilmungen diese Marke noch mehrmals überbieten – zuletzt mit «Geld und Geist» (1964), der 2,5 Millionen Zuschauer erreichte – bis heute ungeschlagener Schweizer Rekord (zum Vergleich: James Camerons «Titanic» hatte «nur» 1,9 Millionen Zuschauer). Aber eben, Gotthelf: Wer Schnyder sagt, meint in der Regel den «biederen Heimatfilmer» und vergisst den risikofreudigen Pionier, der in dem Sohn eines wohlhabenden Bauingenieurs ebenfalls steckte. Schnyder war der erste Schweizer, der mit «Heidi und Peter» (1955) einen Farbfilm drehte. Er war der erste Regisseur, der seine eigene Produktionsfirma (Neue Film AG) gründete. Und er war der erste Autor, der sich kritisch mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte in «Wilder Urlaub» (1943) und «Der 10.Mai» (1957). Filmstudio in Burgdorf Auch wenn der Erfolg bei letzteren Filmen ausblieb: Der in Deutschland ausgebildete Regisseur, der auch an grossen Theatern in Berlin und München inszenierte, liess sich nicht beirren. Mit den Gotthelf-Verfilmungen «Ueli der Knecht» (1954) und «Ueli der Pächter» (1955) bewies FRS, wie er sich selbst nannte, sein Gespür für die Inszenierung volksnaher Stoffe. Und er schuf die Voraussetzungen dazu. Für «Die Käserei in der Vehfreude» (1958) richtete er die riesige Chicorée-Halle in Alchenflüh zum grössten Filmstudio der Schweiz ein. Und er inszenierte – von einem Eisenbahnwagen aus – ein spektakuläres Wagenrennen mit Peitschengeknall à la «Ben Hur». Laut dem damaligen NZZ-Filmkritiker Martin Schlappner besass Schnyder zwei herausragende Merkmale. Er verstand sich auf dramatische Zuspitzungen einer Szene und auf Schauspielführung, etwa wenn er den vom Kabarett kommenden Schauspieler Emil Hegetschweiler zur Charakterfigur formte. Die Jungen lehnten FRS ab Trotzdem: Schnyder fühlte sich oft unverstanden, eine nachfolgende Filmgeneration lehnte ihn ab, die neue Filmförderung des Bundes unterstützte seine Projekte nicht. Besonders bitter: Schnyders Herzensprojekt für einen Pestalozzi-Film kam nicht mehr zu Stande. Immerhin: Christoph Kühn liess ihn in seinem Dokumentarfilm «FRS – Das Kino der Nation» (1984) einige Pestalozzi-Szenen drehen. Schnyders letztes Werk sollte somit «Die sechs Kummerbuben» (1968) bleiben, gedreht in der Region Burgdorf. Der Film entpuppte sich zwar als Flop. Doch dank der Co-Produktion mit dem Schweizer Fernsehen wurden die «Kummerbuben» auch als 13-teilige TV-Serie ausgestrahlt – mit gewaltigem Erfolg. Ein letztes Mal wurde der Pioniergeist von Schnyder belohnt. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte er in der Klinik Münsingen, wo er am 8.Februar 1993 starb. Hans Jürg ZinsliFranz-Schnyder-Filme am TV: «Anne Bäbi Jowäger» (Director’s Cut), 7.März, 20 Uhr, SF1. «Zwischen uns die Berge», 12.März, 15 Uhr, 3sat. «Die sechs Kummerbuben», 21.März, 20 Uhr, SF1. «Die Käserei in der Vehfreude»: 23.März, 20 Uhr, HD suisse. «Geld und Geist»: 24. März, 20 Uhr, HD suisse. «Gilberte de Courgenay»: 31.März, 13.45 Uhr, SF1. «Ueli der Knecht»: 2.April, 20 Uhr, SF1. «Ueli der Pächter»: 4.April, 20 Uhr, SF1. «Der 10.Mai»: 12.Mai, 20 Uhr, HD suisse. •www.franzschnyder.sf.tv >

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