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Lichtzauber aus den Bergen

Immer wieder haben Künstler versucht, Licht auf der Leinwand darzustellen. So auch Giovanni Giacometti (1868–1933), dem das Kunstmuseum Bern mit «Farbe im Licht» eine Retrospektive widmet. Die Ausstellung arbeitet die Vielfalt in Giacomettis Werk heraus – und lässt seine Gemälde leuchten.

Die Familie Giacometti war die erste, welche in der Bündner Ortschaft Stampa mit Gaslicht die heimische Stube beleuchtete. Am Tisch unter der Lichtquelle versammelte sich das halbe Dorf, die Kinder der Familie zeichneten oder lasen, und der Vater Giovanni hielt die Szenen auf seinen Ölbildern fest. Dass eines der vier Kinder, Alberto, später einer der bedeutendsten Schweizer Künstler werden würde, ahnte damals noch niemand – obwohl der Knabe schon in jungen Jahren seinem Vater nacheiferte. Experimente mit Farbe Licht prägte aber nicht nur das Familienleben in den Bündner Bergen, sondern auch das gesamte künstlerische Werk Giovanni Giacomettis (geboren 1868 in Stampa), wie die von Therese Bhattacharya-Stettler kuratierte Ausstellung «Farbe im Licht» im Kunstmuseum Bern zeigt. «Das Licht war von jeher der eigentliche Anreger meiner Kunst. Ich strebe nicht nach der dekorativen Wirkung der Farbe, sondern die Farbe ist für mich Mittel. Sie soll Trägerin des Lichtes werden», schrieb der Künstler 1920 in einem Brief. Um sein Ziel zu erreichen, experimentierte er bereits in den letzten Jahren des 19.Jahrhunderts mit Pinsel und Farbe, trug diese in Punkten und Strichen auf die Leinwand auf und bewegte sich in den folgenden Jahrzehnten zwischen Impressionismus, Fauvismus und Expressionismus hin und her. Dabei griff er Stilelemente von Vincent van Gogh, Ferdinand Hodler, Henri Matisse oder später von Ernst Ludwig Kirchner auf, nahm aber auch einiges vorweg. So schuf er sein frontales «Selbstbildnis im Schnee» im Jahr 1899, während Hodlers berühmtes Selbstporträt, auf dem sich der Künstler ebenfalls streng von vorne darstellte, erst ein Jahr später entstand. Dafür bezog sich Giacometti für sein Triptychon «Sonnenkinder» (1913), ein dreiteiliges Gemälde, auf Hodlers Komposition «Der Tag» (1899/1900) und stellte seine vier Kinder nackt auf einer gelben Wiese kniend dar. Weisse und goldene Rahmen Auch zwischen Giacometti und seinen Künstlerfreunden Cuno Amiet und Giovanni Segantini fand ein reger Ideenaustausch statt. Briefe und Bilder wurden hin- und hergeschickt, Änderungsvorschläge von den Freunden berücksichtigt. Diese konnten miterleben, wie Giovanni immer neue Formen für die Darstellung von Licht und Schatten fand. So setzt sich das Gesicht des Künstlers im Selbstbildnis von 1899 etwa aus feinsten grün-gelben und roten Linien zusammen, die aus der Distanz betrachtet leuchten, als hätte Giacometti zu modernen Neonfarben gegriffen. Für «Sonnenflecken» von 1912 trug er die Farbe dick und in grosszügigen Pinselstrichen auf. Einzelne helle und dunkle Farbflächen ergeben das Bild von zwei im Garten spielenden Mädchen, auf deren Körpern einzelne Sonnenstrahlen aufblitzen. Und in «Sommermorgen in Maloja» von 1927 lässt er die Sonne im Bergsee reflektieren, während sich die in Schatten getauchte Kuhherde im Vordergrund zu einem schwarzen Balken zusammenfügt. Das Ausstellungskonzept im Kunstmuseum unterstützt das Wirken dieser Lichteffekte zusätzlich, indem die Ölgemälde in weissen oder goldenen Rahmen präsentiert werden. Auch die weiss gehaltenen Wände treten angenehm in den Hintergrund und lassen die Farben strahlen. Weniger eigenständig Doch trotz Giacomettis Fähigkeit, das Licht auf der Leinwand einzufangen, vermochte es der Künstler nicht, einen eigenen, markanten Stil durchzusetzen. Entsprechend erstaunt es auch nicht, dass Giovannis Sohn Alberto und nicht er selber die Hunderternote ziert. Beim Gang durch die Ausstellung glaubt man sich in einer Gruppenausstellung der grossen Künstler um die Jahrhundertwende: Da ein Hodler, hier ein Cézanne, dort ein Monet. Im Gegensatz zu diesen Künstlern experimentierte Giovanni breiter mit unzähligen Stilrichtungen – von Jugendstil über Pointilismus bis zur Abstraktion. Dabei schuf er ein konsequent hochstehendes Œuvre. Und eines beherrschte er besser, als viele andere: das Licht.Stefanie ChristAusstellung: bis am 21.Februar 2010, Kunstmuseum Bern, Hodlerstrasse 8. Vernissage: heute, 18.30 Uhr. Rahmenprogramm: www.kunstmuseumbern.ch>

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