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Kuschel- oder Bulimie-Pädagogik?

ThunIn der Hotelfachschule fand eine Weiterbildung für Lehrpersonen zum Thema «Unterwegs zum natürlichen Lernen» statt. Namhafte Referenten aus der Schweiz und Deutschland machten sich vor 180 Lehrpersonen für altersgemischtes Lernen stark.

Revolutionär sind die Forderungen der Verfechter des altersgemischten Lernens nicht mehr. Die Schüler lernen besser, wenn sie ihre Arbeiten selbst planen, sich austauschen und wenn jeder in seinem Lerntempo arbeitet. Paul Michael Meyer, Lehrer, Publizist und Mitorganisator der Tagung in der Hotelfachschule in Thun erklärt: «Lehrer sind oft die Einzigen, die sich im Lehrraum bewegen dürfen.» Die Bodenseeschule St.Martin in Friedrichshafen (D) sei eine 30-jährige Erfolgsgeschichte was Reformpädagogik angeht, lobt Meyer. Der langjährige Schulleiter Alfred Hinz provozierte, verblüffte und amüsierte die Lehrpersonen mit seinen fast schon philosophischen Gedanken zum Lernen, Lehren und zur «neuen Schule». «Ich bin kein Theoretiker, ich liebe die Kinder», sagt Hinz. Er glaubt, dass das altersgemischte Lernen einen Beitrag zur Entfaltung des Kindes leistet. Ulrike Kegler, Schulleiterin der Montessori-Schule in Potsdam, will mehr Bewegung auf dem Lernweg der Schüler: «Die Kinder sollen nicht eingestuhlt, sondern eingeschult werden.» Regula Enderle, die an der Mosaik-Sekundarschule unterrichtet, plädiert dafür, das Denken in Lektionen und Fächern zu verlernen: «Natürlich lernen findet statt, man kann nicht nicht lernen.» «Wir sind das Problem» Damit das natürliche Lernen gelingen kann, müssen sich die Lehrer selbst an der Nase nehmen: dies eine zentrale Aussage, die sich Lehrpersonen anhörten. «Wir sind diejenigen, welche die gute Schule machen können, wir sind das Problem, weil wir uns nicht trauen, zu neuen Ufern aufzubrechen», sagte Ulrike Kegler und machte den Pädagogen zugleich Mut: «Die Verschiedenheit innerhalb einer Schulkasse müssen wir als Chance sehen und nicht als Handicap. Es ist eine Illusion, dass alle zur gleichen Zeit dasselbe lernen sollen.» Erfüllen Kinder so den Lehrplan, nehmen sie die Schule noch ernst? Dies eine häufig gestellte Frage, welche Kegler zu hören bekommt: «In Wahrheit ist es so, dass die Kinder viel mehr leisten, wenn sie emotional beteiligt sind, nur leisten nicht alle dasselbe.» Auch Regula Enderle bestätigt dies: «Es hat nichts mit Kuschelpädagogik zu tun. Wir haben Regeln, setzen aber auf Eigenverantwortung der Schüler.» «Noten sagen nichts aus» Wie wird die Leistung der Schüler gemessen, wenn auf individuelles Lernen gesetzt wird? Alfred Hinz hätte am Liebsten keine Noten mehr: «Was sagt denn eine Sechs oder eine Drei über die Leistung des Schülers aus?» Lehrer könnten ein Kind auch so bewerten und bräuchten nicht ein so bequemes Mittel. Hinz nennt die klassische Schule und ihr Leistungsdenken «Bulimie-Pädagogik». – «Wer den Lernstoff am besten in sich hineinstopfen kann, diesen am Prüfungstag zu kotzen vermag, erhält die beste Note.» Das Institut für Weiterbildung der Pädagogischen Hochschule Bern und die Kommission für Mehrklassenanliegen vom Berufsverband Lehrer und Lehrer Bern organisierten die Tagung zum altersdurchmischten Lernen bereits zum vierten Mal in Thun. Etwa 160 Lehrpersonen aus der ganzen Schweiz trafen sich zum Gedankenaustausch über das altersdurchmischte Lernen. Viele der anwesenden Lehrer unterrichten bereits heute in dieser Form und fühlen sich bestätigt: «Ich merke, dass ich einen eher nützlicheren Job mache, seit ich altersgemischt unterrichte», sagt Urban Saier-Suppiger. Er unterrichtet an einer Gesamtschule. Auch Mirjam Ogi unterrichtet altersgemischt, sie konnte von der Tagung viel profitieren: «Das, was ich heute gehört habe, ist eigentlich das, wovon ich träume, so müsste Schule sein.» Elias Rüegsegger >

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