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Konträre Didier-Geschichten

Favorisiert worden war

Es ist eine Frage der Perspektive. Grundsätzlich stellt Didier Défagos Goldmedaillengewinn in Whistler eine Überraschung dar. Vom zweiten Platz in Bormio abgesehen, hat der 32-Jährige keinen guten Abfahrtswinter hinter sich. Einzelne Abschnitte erwischte er perfekt, die für ihn typische, im Vergleich mit der ähnlich stark einzustufenden Konkurrenz hohe Fehlerquote verhinderte jedoch bessere Ergebnisse. Vor Jahresfrist war es gänzlich anders gewesen. Damals hatte der bescheidene Familienvater aus Morgins die Klassiker in Wengen und Kitzbühel für sich entschieden, ehe er an der Weltmeisterschaft in Val d’Isère strauchelte und sich mit einem achten Super-G-Platz als Bestergebnis auf den Heimweg machte. Défago wie Dénériaz Die konträre Geschichte findet sich bei Didier Cuche, welchem vor den Titelkämpfen in Savoyen wenig gelungen war. Anlässlich des Gipfeltreffens auf der Face de Bellevarde hingegen avancierte der Neuenburger mit Gold im Super-G und Silber in der Abfahrt zur grossen Figur. In diesem Winter befindet sich der 35-Jährige seit dem Weltcup-Prolog in Sölden in der Erfolgsspur. Rückschläge wie den Sturz im Dezember steckte er mit einem Lächeln weg, in Kitzbühel untermauerte er seine Ambitionen auf die Goldmedaille. Gestern indes verfehlte der Titelaspirant das Podest als Sechster um 27 Hundertstel – «weil ich in der letzten Kurve zu wenig gefühlvoll gefahren bin». Wer sich die Liste der letzten Abfahrtsolympiasieger zu Gemüte führt, wird Défagos Triumph auf der Dave-Murray-Strecke kaum als Überraschung werten. Sondern zur Einsicht gelangen, dass es überraschend gewesen wäre, wenn sich Cuche durchgesetzt hätte. Die gestrigen Geschehnisse erinnern an die Entscheidungen von 2002 (Salt Lake City) und 2006 (Turin), als mit Fritz Strobl und Antoine Dénériaz ebenfalls aussichtsreiche Aussenseiter reüssiert hatten. Pirmin Zurbriggen bleibt der letzte Topfavorit, welcher sich die Goldmedaille umhängen lassen durfte – das war vor 22 Jahren in Calgary. Als letzter Schweizer Olympiasieger hingegen ist der Saas Almageller gestern abgelöst worden. Er habe bereits bei der morgendlichen Besichtigung gespürt, dass ihm der Zustand der Strecke behage, liess Défago verlauten. «Die Piste war unruhig, voller Schläge. Ich wusste, dass ich von oben bis unten kämpfen musste.» An der Medienkonferenz unmittelbar nach dem Rennen sprach er von der «grossen Genugtuung, dass ich von meinen dritten Olympischen Spielen erstmals Edelmetall nach Hause bringen werde. Es war mein Ziel, hier zu gewinnen. Ich habe immer an mich geglaubt, obwohl es in dieser Saison selten aufgegangen ist.» Die Gewissheit, nie im Rampenlicht, aber auch nie weit davon entfernt gewesen zu sein, habe ihm viel Zuversicht verliehen. Bei der Frage, weshalb er im Zielraum nur von einem der schönsten Momente in seinem Leben und nicht vom schönsten gesprochen habe, fiel ihm Silbermedaillengewinner Aksel Svindal ins Wort. «Denk an deine Familie», meinte der Norweger schmunzelnd. Worauf Défago lachend bestätigte, die Geburt seiner Kinder stünden noch etwas weiter oben als der Olympiasieg. Österreich ohne Medaille Wie hoch die Leistungsdichte in der Abfahrt gegenwärtig ist, offenbart der Blick auf die Rangliste. Svindal verlor sieben Hundertstel, der drittplatzierte Bode Miller deren neun; die Differenz zwischen Défago und dem 15. Peter Fill betrug weniger als einer Sekunde. Svindals Darbietung erstaunt insofern wenig, als der Norweger die Gabe besitzt, am Tag X alles aus sich herauszuholen. Wer gedacht hatte, die Fussstapfen der Medaillenhamsterer Kjetil Andre Aamodt und Lasse Kjus seien für deren Landsmann zu gross, sieht sich eines Besseren belehrt. Gleiches gilt für jene, die Bode Miller bereits abgeschrieben hatten; der Amerikaner ist im Hinblick auf die heutige Super-Kombination zum Topfavoriten aufgerückt. Tristesse herrschte am Schweizer Freudentag im Lager der Österreicher. Mario Scheiber fuhr um zwölf Hundertstel am «Stockerl» vorbei, der vermeintlich stärkste ÖSV-Vertreter Michael Walchhofer hatte mit der Entscheidung nichts zu tun. Auch die hoch gehandelten Gastgeber vermochten die Erwartungen nicht zu erfüllen. Hausherr Manuel Osborne-Paradis (17.) und der zu Fall gekommene Robbie Dixon dürften in erster Linie über das eigene Nervenkostüm gestolpert sein. Micha Jegge, Whistler >

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