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Kleine Fluchtversuche

Von Brüchen in der Lebensgeschichte und von Ausbrüchen

Der gestandene Schreinermeister und Familienvater Roggenmoser ist abgehauen nach Brasilien. Nun sitzt er verloren an einer Bar und interessiert sich mehr für deren Mahagoniholz als für die unerreichbaren Schönen. Ob ihn seine Frau zurücknehmen wird? Ein Happy End gibt es wohl auch für den gut betuchten Jacques Gerber nicht, dessen Gattin ihn nach einem Streit im winterlich tristen Venedig verlässt. Anderntags ertappt sie ihn, als er sich aus Mitleid mit einer jungen Tramperin einlässt. Stimmige Knappheit Von scheiternden Versuchen, dem Schicksal eine bessere Wendung zu geben, von Hoffnung und Ernüchterung erzählen manche Kurzgeschichten im Erstling «Venedig im Dezember» von Annemarie Regez. Sie stellt ihre Figuren vor einen entscheidenden Moment ihres Lebens und gibt ihnen allmählich mit wenigen präzisen Strichen Kontur. Da ist kein Wort zu viel in den stimmigen Dialogen und Milieuskizzen. Doch birgt solche Knappheit auch die Gefahr einer Vereinfachung zum Klischee oder gar zur Karikatur. Zielstrebig steuert die Handlung auf ihre vorhersehbare oder überraschende Pointe zu. Dies erzeugt einen Sog. Allerdings möchte man eher wissen, welche Lösung der Autorin einfällt, als wie es den geschilderten Menschen ergeht. Und etwas mehr Herzblut statt Ironie wäre schön. Entstanden sind die neun Geschichten in kurzer Zeit auf Anregung des um Literaturförderung in der Zentralschweiz verdienten Luzerner Verlags Pro Libro. Dabei hat Regez in ihrer Schublade bereits zwei fertige Romane und einen Krimi – sie kennt die Schwierigkeit, einen Verleger zu finden. Doch es geht ihr vor allem ums Schreiben. «Ich wusste schon als Kind, beim Lesen eines Buches von Erich Kästner, dass ich Schriftstellerin werden wollte», erinnert sich die 1962 in Diemtigen geborene Autorin. Angeregt worden sei sie auch von der Erzählfreudigkeit ihres als Scherenschnittkünstler bekannten Vaters David Regez. Arbeiten und Schreiben An der Uni Bern studierte sie Philosophie und Volkskunde. So spürt man neben ihrem analytischen Denken auch ein Interesse am Kleinstadtleben, wie sie es an ihrem heutigen Wohnort Goldau beobachten kann. Seit fünfzehn Jahren wohnt sie mit ihrem Mann im Kanton Schwyz und arbeitet Teilzeit an der Kantonsbibliothek. Vor allem aber schreibt sie – demnächst vielleicht einen Politthriller. Marie-Louise ZimmermannAnnemarie Regez: «Venedig im Dezember». Pro Libro Verlag, 145 S. >

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