«Zwei Tage Vaterschaftsurlaub sind nicht zeitgemäss»

Kanton Bern

Adrian Wüthrich, Präsident beim Arbeitnehmerverband Travailsuisse und SP-Nationalrat, kritisiert die Anstellungsbedingungen in Muri.

«70 Tage Vaterschaftsurlaub kann man von einer Verwaltung nicht erwarten», sagt Adrian Wüthrich.<br><i>(Archivbild/Andreas Blatter)</i>

«70 Tage Vaterschaftsurlaub kann man von einer Verwaltung nicht erwarten», sagt Adrian Wüthrich.
(Archivbild/Andreas Blatter)

Christoph Albrecht

Herr Wüthrich, wie viel Ferien, Mutter- und Vaterschaftsurlaub sollten Gemeindeverwaltungen ihren Angestellten gewähren?
Die Arbeitsbedingungen, wie sie für Mitarbeitende des Kantons Bern gelten, sind solide. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Gemeinden mindestens an dieser Regelung orientierten.

Muri gibt zwanzig Tage Ferien und zwei Tage Vaterschaftsurlaub. Was sagen Sie dazu?
Nur zwei Tage Vaterschaftsurlaub sind nicht mehr zeitgemäss. Die Anzahl Ferientage ist ebenfalls sehr gering. Heute liegt der Durchschnitt bei fünf Wochen. Vielleicht macht es Muri mit höheren Löhnen wett.

Die beiden grossen Städte Bern und Biel gehen mit zwanzig Tagen Vaterschaftsurlaub als fortschrittliches Beispiel voran. Zufall?
Die beiden Städte sind grosse Arbeitgeber und stehen auf dem Arbeitsmarkt in Konkurrenz mit der Privatwirtschaft. Da sie nicht mit hohen Löhnen punkten können, muss das Gesamtpaket stimmen. Eine gute Regelung beim Vaterschaftsurlaub erwarten die heutigen Väter.

Was sind die augenfälligsten Unterschiede zwischen der öffentlichen Verwaltung und privaten Unternehmen in Sachen Mitarbeiterurlaub?
Die Verwaltungen bewegen sich diesbezüglich eher in der Mitte, es gibt in der Regel keine krassen Ausreisser. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass es eben öffentliche Institutionen sind und daher Transparenz erwartet wird. In der Privatwirtschaft hingegen ist das etwas anders, da sind die Anstellungsbedingungen weniger vergleichbar. Kein Wunder: Rund 50 Prozent der Arbeitnehmenden unterstehen keinem Gesamtarbeitsvertrag.

Wer ist grosszügiger punkto Ferien, Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub: die öffentliche Verwaltung oder Privatunternehmen?
Die öffentliche Verwaltung ist hier etwas über dem Durchschnitt. Es gibt aber einige Grossunternehmen wie Google oder demnächst Novartis, die etwa beim Vaterschaftsurlaub überdurchschnittlich grosszügig sind. Gleich 70 Tage Vaterschaftsurlaub kann man von einer Verwaltung aber nicht erwarten. Das würden die Steuerzahlenden nicht verstehen. Die Gemeinden werden mit dem demografischen Wandel noch mehr Mühe haben, qualifiziertes Personal zu finden. Mit sehr guten Arbeitsbedingungen können sie weiterhin attraktive Arbeitgeber sein.

Wie haben sich die Anstellungsbedingungen bei Unternehmen und Verwaltungen in den letzten Jahren grundsätzlich entwickelt?
In den letzten Jahren sind sie eher stagniert. Durch den gesellschaftlichen Wandel und die politische Debatte hat der Druck auf Unternehmen und Verwaltungen zugenommen, sie müssen für Arbeitnehmende attraktiv bleiben. Gerade der Vaterschaftsurlaub wurde deswegen vielerorts erhöht. Noch gibt es aber viel Luft nach oben, wenn ich an die Herausforderung der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie denke.

Berner Zeitung

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