Zwei Kantone buhlen um eine Stadt

Am 18. Juni stimmt Moutier darüber ab, ob es den Kanton wechseln will. Sowohl Bern als auch Jura weibeln um das bernjuras­sische Städtchen. Bern setzt dabei auf Altbewährtes, der Jura auf Versprechungen.

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Es gibt Momente im Leben, da steht alles auf der Kippe. Man steht am Scheideweg und muss wählen, in welche Richtung man weitergeht. Vor einem solchen Entscheid steht die bernjurassische Stadt Moutier: Am 18. Juni stimmt sie einmal mehr darüber ab, ob sie beim Kanton Bern bleiben oder zum Kanton Jura wechseln will.

Wenn man die letzte Abstimmung von 2013 betrachtet, dürften die Chancen für einen Wechsel dieses Mal gut stehen. Denn damals sagte eine Mehrheit der Stadtbewohner Ja zum Kanton Jura.

Moutier steckt seit Jahrzehnten in der Zwickmühle. Die Stadt steht zwischen den beiden Kantonen wie eine Frau zwischen zwei Männern. Und nun geben sie Gas, die beiden Männer.

Auf der einen Seite steht der Ehemann, mit dem Moutier seit Jahrzehnten verheiratet ist. «Bei mir hast dus doch gut», brummt der Kanton Bern. Und er führt auf, was er bisher alles für sie getan hat: Er pumpt jährlich mehr als 2,5 Millionen Franken aus dem innerkantonalen Finanzausgleich und 700 000 Franken an Kulturgeldern ins südjurassische Städtchen.

Er finanziert in Moutier 268 Vollzeitstellen, davon rund 100 im Bildungswesen. Mit den restlichen betreibt er unter anderem die Steuerverwaltung, das Zivil- und Strafgericht, das Regionalgefängnis, ein Konkursamt und den Posten der Kantonspolizei. 323 Vollzeitstellen im kantonseigenen Hôpital du Jura bernois kommen noch dazu.

Der Kanton Bern betreibt in Moutier 50 Volksschulklassen, kümmert sich um 8,7 Kilometer Kantonsstrassen und sieben Gebäude. Die Stadt hat nun auch einen Autobahnanschluss. «Bei mir», so ist der Ehemann überzeugt, «da weisst du, was du hast. Und ob dir der Jura all das auch bieten kann, ist unsicher. Überleg dir also gut, ob du dieses Risiko wirklich eingehen willst.»

Sogar bessere Velowege und sein Engagement bei der Reparatur des Weissensteintunnels wirft der Kanton Bern in die Waagschale, um der Madame im Norden zu zeigen, wie wichtig sie ihm ist.

Auf der anderen Seite steht der Geliebte, mit dem die Stadt seit Jahrzehnten heftig flirtet. Der Kanton Jura weiss, dass die Liaison zwischen Moutier und Bern von Anfang an mehr arrangierte Zweckehe denn leidenschaftliche Liebesheirat war.

Und in einer langen Beziehung verletzt man sich auch immer wieder gegenseitig, fühlt sich unverstanden oder im Stich gelassen, zu wenig beachtet und wertgeschätzt. Manchmal trägt man sogar richtige Rosenkriege aus, wie etwa in der heissen Phase des Jura-Konflikts in den 1970er-Jahren.

Moutier weiss, dass sie für Bern eine von vielen ist und dass andere Städte dem Kanton wichtiger sind. Auch, wenn dieser ihr nun den Schmus bringt und betont, wie wichtig ihre frankofone Kultur, ihr Esprit und ihre Wirtschaft für ihn sind. Dass sie gerade deshalb unvergleichlich ist und wegen dieses Sonderstatus’ tendenziell mehr Subventionen erhält als die anderen Städte. Und dass er ohne sie – jetzt wirds dramatisch – nicht mehr derselbe sein würde wie heute.

«Bei mir», lockt nun der Geliebte, «wirst du viel wichtiger sein.» Das beginnt bei der Vertretung Moutiers im Kantonsparlament: Während nur 3 von 160 Berner Grossräten aus Moutier stammen, sollen in einer Übergangsphase sieben Politiker aus dem Städtchen im 60-köpfigen jurassischen Kantonsparlament Einsitz nehmen.

Die Stadt wird – alleine oder gemeinsam mit den kleineren Gemeinden, die allenfalls zusammen mit Moutier den Kanton wechseln – einer von insgesamt vier Be­zirken.

Doch damit nicht genug. Wenn Moutier sich von Bern scheiden lässt und ihrem Geliebten das Jawort gibt, will dieser sie reich beschenken: Er verspricht ihr die kantonale Steuerverwaltung, Informatik und Finanzkontrolle, das kantonale Jugend­gericht und Sportamt und einen Posten der Kantonspolizei.

Vielleicht erhält sie sogar ein Kompetenzzentrum für Fahrzeuge. Das Regionalgefängnis würde bestehen bleiben. 170 Stellen will der Kanton Jura so in Moutier schaffen – also genau so viele, wie heute in der Berner Kantonsverwaltung dieser Stadt sind.

Und Moutier soll als städtisches Zentrum im Richtplan des Kantons Jura gelten, nicht bloss als regionalpolitisches Zentrum wie heute im Kanton Bern. Ein weiteres nettes Attribut, zumindest für die Vermarktung der Stadt: Moutier würde dann als Eingangspforte in die Metropolitanregion Basel gelten und wäre auch Teil dieses Wirtschaftsraums.

«Und», säuselt der Jura weiter, «bei mir wirst du auch nichts verlieren.» Jeder Einwohner Moutiers, der zuvor in der Kantonsverwaltung in Moutier ar­beitete, erhält eine Stelle in der jurassischen Verwaltung zugesichert – ohne Lohneinbussen. Die Schulklassen würden genau gleich weitergeführt.

Die Berufsschule für Handwerker soll bleiben, ebenso die Tagesschule und das Spital. Und apropos Finanzausgleich: Hier würde der Kanton Jura sogar 2,73 Millionen Franken nach Moutier schicken – mehr als Bern, obschon der Geliebte eigentlich ärmer ist als der Ehemann. Aber Moutier würde dem Kanton Jura mehr Geld aus dem nationalen Finanzausgleich einbringen.

Also, liebes Moutier, wer soll denn nun dein Herzblatt sein? Der gemütliche Kanton Bern, der mit Altbewährtem auftrumpft und dabei auf Schulklassen, Kulturgelder und gute Verkehrswege setzt? Oder der junge Kanton Jura, der dir die kantonale Steuerverwaltung und das Ju­gendgericht verspricht und Verlustängste charmant weglächelt? So, liebes Moutier, am 18. Juni musst du dich entscheiden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.04.2017, 09:57 Uhr

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