«Wir hoffen, dass sich die Stimmung nicht wendet»

Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, freut sich über die drei im Kanton Bern geplanten Durchgangsplätze für Jenische und Sinti. Allerdings sei das Bedürfnis nach Plätzen damit nicht befriedigt.

Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse.

Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse.

(Bild: Matthias Scharrer)

Herr Huber, im Kanton Bern sollen drei Halteplätze für Schweizer Fahrende entstehen. Sind Sie zufrieden?Daniel Huber: Erst muss das Kantonsparlament den Kredit dafür genehmigen. Falls es das tut, ja, dann sind wir froh darüber, dass es im Kanton Bern drei neue Durchgangsplätze gibt. Allerdings bräuchten wir hier auch einen Standplatz.

Was ist der Unterschied? Halte- respektive Durchgangsplätze nutzen wir ab Februar, März bis Oktober. Dort machen wir jeweils etwa einen Monat halt. Die Wintermonate hingegen verbringen wir auf den Standplätzen. In diesen Gemeinden schicken wir unsere Kinder zur Schule, dort haben wir unsere Schriften deponiert und zahlen Steuern. Und ganz wichtig: Unsere Alten, die nicht mehr auf Reise können, lassen sich auf den Standplätzen fest nieder. Im Kanton Bern gibt es mit dem Buech einen solchen Platz, aber der ist überlastet.

Wie viele zusätzliche Plätze sind nötig? Wir sind 35'000 bis 40'000 Schweizer Jenische und Sinti, davon sind etwa 3000 in den Sommermonaten auf der Reise. Generell bräuchten wir pro Kanton zwischen drei und fünf Durchgangsplätze und in grossen Kantonen zwei bis drei Standplätze. In kleineren Kantonen reicht einer.

Warum tun sich Ihrer Meinung nach die Kantone so schwer ­damit, genügend Plätze zu ­schaffen? Das ist nicht überall so. Der Kanton Aargau beispielsweise hat seine Hausaufgaben gemacht und bietet inzwischen genügend Plätze an. In anderen Kantonen wie etwa in Schwyz gibt es noch immer keinen Platz für uns. Der Grund dafür dürften Vorurteile gegen uns Fahrende sein. Und das, obwohl wir seit 1998 vom Bund als nationale Minderheit anerkannt sind und die Kantone mit dem Bundesgerichtsentscheid von 2003 dazu verpflichtet sind, Plätze für uns zu schaffen.

Warum kaufen sich Schweizer Fahrende nicht einfach Land und richten ihren eigenen Halte- oder Standplatz ein? Es gibt welche unter uns, die das tun. Aber nicht jeder kann sich das leisten. Das ist wie bei den Sesshaften. Da hat auch nicht jeder genug Geld, um sich Wohneigentum zu kaufen.

Der Kanton Bern plant auch einen Transitplatz für ausländische Fahrende in Meinisberg. Die Gemeinde will sich mit allen Mitteln dagegen wehren. Macht ­Ihnen das Sorge? Wir hoffen natürlich, dass sich die Stimmung nicht auch gegen uns wendet und das Parlament dann gleich beide Kredite ablehnt. Natürlich müssen die Kantone auch Plätze für ausländische Fahrende schaffen. Aber in erster Linie müssen sie die eigenen Leute unterbringen. Übrigens ist es von Vorteil, wenn man den ausländischen Fahrenden einen Platz anbietet: Wenn man ihnen etwas bietet, darf man auch etwas von ihnen verlangen.

Leiden Sie unter dem schlechten Ruf der Roma? Leider werfen viele Leute alle Fahrenden in einen Topf. Und leider sprechen sie nur über die negativen Aspekte, wenn ausländische Fahrende bei ihnen haltmachen. Dabei gibt es unter ihnen wie überall anständige, gute Leute und andere.

Warum gibt es stets so viele Probleme mit den ausländischen Fahrenden?Weil sie keine Plätze haben.

Was sind die Unterschiede zwischen Jenischen und Roma? Roma haben einen anderen historischen Hintergrund, sie haben ihre eigene Kultur und reisen in grösseren Verbänden. Bei uns sind die Frauen gleichberechtigt.

Wie ist das Verhältnis zwischen Jenischen und Roma? Man respektiert sich.

Das klingt aber nicht nach ­grosser Freundschaft.Wenn alle Sesshaften die Angehörigen anderer Nationen respektieren würden, wäre schon viel erreicht. Es braucht keine ­engen Freundschaften, sondern klar geregelte Verhältnisse.

Wovon leben Jenische und Sinti?Viele leben vom Hausierhandel. Wir schleifen Messer und Scheren und führen Reparatur- sowie Restaurierungsarbeiten aus.

Wegen der Konkurrenz sind Fahrende beim lokalen Gewerbe nicht gerade beliebt. Konkurrenz gibt es immer und überall, das ist das Leben. Wie das sesshafte Gewerbe, so müssen auch wir ein Patent haben, um unsere Dienste anbieten zu können. Der Staat behandelt uns also gleich.

Berner Zeitung

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