Wie von Bern aus die Globalisierung von morgen mitgestaltet wird

12 Jahre Arbeit haben das «Zentrum für Entwicklung und Umwelt» und damit die Universität Bern zu führenden Know-how-Produzenten in Schlüsselfragen der Globalisierung gemacht.

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Jürg Steiner@Guegi

Aus seinem Büro im Berner Centre for Development and Environment (CDE), wie das interdisziplinäre Zentrum für nachhaltige Entwicklung und Umwelt weltläufig heisst, blickt Urs Wiesmann (61) auf die regennassen Dächer der ruhigen Länggasse. Und lässt nie den vibrierendsten Teil der Welt aus den Augen – die Südhalbkugel. Wiesmann ist Professor für Geografie – genauer: ein ausgewiesener Experte für globale Entwicklungsfragen – und Mitglied des Steuerungsausschusses des CDE, das wie das Oeschger Centre für Klimaforschung ein erklärter wissenschaftlicher Leuchtturm der Universität Bern ist und deshalb seit 2009 als eigenständiges Institut funktioniert. Wobei Institut für Laien fast zu akademisch tönt, nach turmhohen Theorien und abschliessenden Weisheiten. Das CDE ist anders.

Einzigartiger Berner Weg

Salopp gesagt: Es hat sich organisiert wie eine multinationale Firma, mit einem Headquarter in Bern, sechs wissenschaftlichen Partnern in der Schweiz und einem Netzwerk in insgesamt vierzig Ländern – an Brennpunkten der südlichen Welt, in Bangkok oder Kathmandu etwa, in Abidjan oder Nanyuki, in Bishkek oder La Paz. Und das CDE-Network liefert Forschungsergebnisse, die sich nur beschränkt zur Reputationssteigerung in akademischen Journals des Nordens verwerten lassen. Die sich aber in der staubigen Vulkanerde des äthiopischen Hochlands, in der windgepeitschten Steppe Kirgisiens oder in feuchtheissen, chaotischen laotischen Vorstädten bewähren müssen.

«Dieser konkrete Zugang», sagt Urs Wiesmann, «macht uns einzigartig. Wir suchen nicht nach der Weltformel für die Probleme des Südens, die es ohnehin nicht gibt.» Sondern man stelle sich, zusammen mit einheimischen Forschern, der kulturellen und sozialen Realität vor Ort – und «namentlich der Frage, ob unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Menschen, die sie im Alltag anwenden, wirklich brauchbar sind.» Man könnte das als bodennahen Berner Beitrag zum Allerweltsbegriff der nachhaltigen Entwicklung bezeichnen. Die Erfolge der letzten Jahre haben laut Wiesmann dazu geführt, dass die CDE-Forschung, vor allem im globalen Süden, heute höchste Wertschätzung geniesse. Obwohl sie durchaus kontroverse Themen anpacke.

An der Pinnwand in Urs Wiesmanns Büro hängen Prints mit farbigen thematischen Landkarten von Kenia, an denen er gerade arbeitet. Man erkennt punktgenau, wo in dem Riesenland sich beispielsweise Wasserversorgungen, Armut oder Mobilfunknetze konzentrieren. Nach den blutigen Konflikten, die bei den Wahlen 2008 ausgebrochen waren, reorganisiert sich das afrikanische Land, unter anderem mit einer modernen Verfassung, die Kenia in 47 Regionen aufteilt, vergleichbar mit den Schweizer Kantonen. Die hochaufgelösten Karten in Wiesmanns Büro – eine Kombination aus lokalem Wissen und kartografischem Hightech – dienen nun als Grundlage, den Finanzausgleich zwischen den kenianischen «Kantonen» zu organisieren. «Unsere Forschung», sagt Wiesmann, «beeinflusst so die Verteilung von Milliardenbeträgen.» Und unterstützt die soziale Stabilisierung der galoppierenden Wirtschaftsentwicklung Kenias.

«Mutiges Parlament»

Die heute global gefragte Kompetenz in komplexen Entwicklungsfragen ist das Resultat jahrzehntelangen wissenschaftlichen Vorwärtsdrangs der Berner Geografie. Entscheidenden Schub erhielt er 2000, als das eidgenössische Parlament einen laut Wiesmann «aussergewöhnlich mutigen» Entscheid fällte. Es beschloss, einen Forschungsschwerpunkt «Nord-Süd» (NCCR North-South) zu finanzieren, die Leitung übernahm vorerst das Geografische Institut der Universität Bern, ab 2009 das CDE. Rund 100 Millionen Franken – bereitgestellt hauptsächlich vom Nationalfonds und der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) – flossen seit 2001 in das Monsterprogramm.

Unter der Regie der Berner Geografen erblühten Kooperationen zwischen Schweizer Wissenschaftlern und dem Forschungsnachwuchs des Südens, es wurden auch Projekte lanciert, die weltweit Aufsehen erregten – die wasserunabhängige Billigtoilette für die Slums tropischer Millionenstädte etwa, erdacht am ETH-Wasserforschungsinstitut Eawag.

Für die Universität Bern rechnet sich die Nord-Süd-Forschung. Bis jetzt. 1,5 Millionen Franken zahlt die Uni jährlich an das CDE, 15 Millionen Franken pro Jahr zieht das Forschungszentrum aus anderen Finanzquellen nach Bern. Doch das ändert sich nun. Ende dieses Monats läuft der Forschungsschwerpunkt NCCR North-South nach 12 Jahren aus. Ein Nachfolgeprogramm gibt es nicht, womit Bundesgelder von rund 7,5 Millionen Franken pro Jahr wegfallen. Der Fortbestand des CDE sei nicht gefährdet, versichern die Verantwortlichen. Aber wie es mit der erfolgreichen Idee weitergeht, in Forschungspartnerschaften mit dem Süden zu investieren, ist im Moment offen.

Highspeed in Afrika

Hans Hurni (62) stösst mit leichter Verspätung zur Diskussion ins Büro von Urs Wiesmann. Er ist ebenfalls Professor für Geografie und nachhaltige Entwicklung, hat gemeinsam mit Wiesmann das NCCR North-South geleitet und amtet als CDE-Präsident. Eben kehrt er von einem mehrwöchigen Äthiopien-Aufenthalt zurück, noch ein bisschen im Modus des afrikanischen Zeitmanagements. Argumentativ aber ist Hurni auf Vordermann. Seit 40 Jahren forsche er in Äthiopien, aber seit einigen Jahren müsse er sich in der Hauptstadt Addis Abeba jedes Mal völlig neu orientieren: «Das Veränderungstempo in Ländern wie Äthiopien ist unglaublich frenetisch, für uns kaum zu fassen.»

Nicht nur im problematischen Sinn: Die fast flächendeckende Verbreitung von Handys unter äthiopischen Bauern beispielsweise – selbst an Orten, wo man zwei Tage gehen muss, um es aufladen zu können – führt dazu, dass sich ihre Position gegenüber den Zwischenhändlern verbessert. Weil sie sich in Echtzeit ins Bild setzen können, welche Preise auf dem Markt tatsächlich verlangt werden. Auch mit solch praktischer Informationsbeschaffung setzen sich die Forscher des CDE-Netzwerks auseinander.

Wenn Probleme sich zuspitzen

Viele Staaten auf dem sogenannten Krisenkontinent Afrika wachsen heute mit Raten von sieben Prozent jährlich und mehr, was eine Verdoppelung der Wirtschaftsleistung in 10 Jahren bedeutet. Ein einziges Mal in den 60er-Jahren erlebte die Schweiz ein solches Wachstum. In Afrika ist es jahrelanger Dauerzustand – «eine enorme Herausforderung», sagt Hurni, zumal mit dem Wirtschaftswachstum auch der Ressourcenverbrauch zunimmt und sich die sozialen Spannungen verschärfen.

Wenn Länder beginnen, sich aus der Armutsfalle zu befreien, zieht sich die klassische Entwicklungshilfe normalerweise zurück – obschon sich die Probleme dann erst richtig zuspitzen. «Genau hier setzen wir an», sagt Hurni. Für die Steuerung von wirtschaftlicher Entwicklung, für den Aufbau politischer Institutionen, für die Entschärfung ökologischer Probleme sei nicht importierte, sondern vor Ort eingebettete Wissensproduktion die wichtigste Ressource – und da hätten die Länder des Südens noch enormen Aufholbedarf.

Forschungspartnerschaften seien deshalb weder ein Luxus für gebildete Eliten des Südens noch ein Almosen aus schlechtem Gewissen des Nordens. Sondern, wie Hurni ausführt, «eine strategische Notwendigkeit für Süd und Nord».

Das NCCR North-South habe Pionierarbeit geleistet. Von den 230 Forschern, die in dem Programm promovierten, waren 140 aus dem Süden, und von ihnen hat praktisch keiner für eine Wissenschaftskarriere in den Norden gewechselt. Sondern alle arbeiten in ihren Heimatländern, inzwischen meist in akademischen oder politischen Führungsfunktionen.

«Die Schweiz», sagt Hurni, «hinterlässt einen nachhaltig guten Eindruck.» Auch, weil man sich systematisch gewagt habe, die engen Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen zu überschreiten. Hurni erzählt nun, wo gerade wissenschaftliches Neuland betreten wird. Seit Jahren arbeite man mit der ländlichen Bevölkerung des Südens daran, die traditionelle Kulturtechnik des Terrassenbaus zu erhalten und weiterzuentwickeln. Man beugt so der Erosion vor, steigert die Humusbildung, die Bodenfruchtbarkeit und damit die Ernährungssicherheit. Erst jetzt, sagt Hurni, werde allen klar, dass mit dem Humus, der zu einem grossen Teil aus Kohlenstoff bestehe, viel CO2 aus der Luft in den Boden gebracht werden könne.

Anders gesagt: Die Förderung der Terrassenlandwirtschaft ist angesichts der riesigen Flächen ein bis jetzt noch nicht erkanntes Instrument gegen den Klimawandel. «Wir stehen damit kurz vor dem internationalen Durchbruch», sagt Hurni.

Das China der Zukunft

Als er vor ein paar Tagen zurück aus Afrika in die Schweiz flog, fielen Hurni die neuen täglichen Linienverbindungen der Ethiopian Airlines auf – nach China, nach Indien, nach Brasilien. «Das ist die Zukunft, wohl auch unsere Zukunft», sagt Thomas Breu (50), stellvertretender Direktor des CDE und Forschungskoordinator des NCCR North-South. «Die spektakulärsten Entwicklungen finden heute eindeutig im Süden statt.» Und zwar nicht mehr nur in China, Indien oder Brasilien. Von den zehn Ländern mit dem derzeit stärksten Wirtschaftswachstum der Welt befinden sich sieben in Afrika. Längst haben die Länder des Südens begonnen, sich zu vernetzen und aufeinander auszurichten. In Afrika befinden sich die grössten Reserven an natürlichen Ressourcen, aber es entsteht auch ein Konsummarkt mit rund einer Milliarde Menschen. Konkret: Das von Bern aus gemanagte Forschungsnetzwerk verbindet die Schweiz schon heute mit der Globalisierung der Zukunft.

«Wenn wir 20 Jahre in die Zukunft schauen, ist es für mich keine Frage, dass sich die Schweiz, die inmitten eines schrumpfenden Kontinents liegt, weiterhin wissenschaftlich im globalen Süden engagieren muss. Auch in ihrem ganz eigenen Interesse», glaubt Breu. Wissenschaftliche Kompetenz könnte ein wichtiger Türöffner in künftigen Boomregionen sein. Aus Breus Sicht wäre deshalb die Schaffung von Verbindungsbüros im Süden für die wissenschaftliche Zusammenarbeit «eine lohnende Investition». Ob aber das Staatssekretariat für Forschung, Bildung und Innovation, zusammen mit der Deza, einen solchen Schritt wagt, scheint Breu im Moment fraglich.

Die Schweiz, findet Breu, drohe so ins Abseits zu geraten, zumal etwa die angloamerikanische Wissenschaft massiv in die Nachhaltigkeitsforschung mit dem Süden investiere. In der Schweiz müssen das CDE und die Universität nun andere Wege finden, ihr Know-how zum Aufbau von Wissensgesellschaften im Süden weiterzuentwickeln.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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