Wie rentabel ist das AKW Mühleberg wirklich?

Laut BKW-Chefin Suzanne Thoma bringt das Atomkraftwerk Mühleberg dem Konzern jährlich 120 Millionen Franken ein. AKW-Gegner bestreiten diese Zahl.

Das AKW Mühleberg sei rentabel und trage 120 Millionen Franken zum Konzernergebnis bei, sagt die BKW-Chefin Suzanne Thoma.

Das AKW Mühleberg sei rentabel und trage 120 Millionen Franken zum Konzernergebnis bei, sagt die BKW-Chefin Suzanne Thoma.

(Bild: Andreas Blatter)

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Was passiert, falls das Stimmvolk dem AKW Mühleberg in neun Tagen den Stecker zieht? Die Verantwortlichen des Energiekonzerns BKW rechnen mit Verlusten bis zu einer halben Milliarde Franken. Die Kantonsregierung befürchtet Schadenersatzklagen. Bezahlen, so betont der Regierungsrat, müsste am Ende wohl die öffentliche Hand.

AKW-Gegner ziehen diese Prognose in Zweifel. «Das ist Abstimmungspropaganda», betont Peter Stutz, Kampagnenleiter des Vereins «Mühleberg stilllegen». Stutz und seine Mitstreiter vertreten eine Gegenthese: «Mit jeder Kilowattstunde Strom, die in Mühleberg produziert wird, vernichtet die BKW Geld», sagt Markus Kühni, der Betreiber der AKW-kritischen Internetplattform energisch.ch.

Anderslautende Aussagen der BKW-Chefin Suzanne Thoma bezeichnen Kühni und weitere AKW-Kritiker als «unhaltbare Darstellung». Besonders die Aussage von BKW-Chefin Suzanne Thoma in einem Interview mit dieser Zeitung, wonach der jährliche Gewinn der BKW um 120 Millionen Franken tiefer ausfalle als ohne Abschaltung, ziehen sie in Zweifel.

«Die Aussagen der BKW-Chefin entbehren jeder Grundlage», betont Kühni. Kampagnenleiter Peter Stutz spricht von «Fantasiezahlen». Er vermisst eine transparente Bilanz des AKW Mühlenberg. Und auch der Basler Ökonom und ehemalige SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner bezeichnet an öffentlichen Vorträgen die Rechnung der BKW-Chefin als «faule Nummer» und «Griff in die Trickkiste».

So rechnen die AKW-Gegner

Die AKW-Kritiker vergleichen die Verkaufspreise des Mühleberg-Stroms mit den Kosten, die direkt bei dessen Produktion anfallen. Oder mit Fachbegriffen gesagt: Sie ermitteln, ob das AKW-Mühleberg noch einen Deckungsbeitrag zur Tilgung der so oder so anfallenden Fixkosten abwirft. Entscheidend für einen ökonomischen Weiterbetrieb sind die variablen Kosten, weil nur diese bei der Abschaltung des Atomkraftwerks wegfallen würden.

Bei den variablen Kosten rechnen die AKW-Gegner mit 5,5 Rappen pro Kilowattstunde (kWh). Der Ertrag (Stromverkaufspreise) liegt bei 5 Rappen, was von keiner Seite bestritten wird. Unter dem Strich, so die Rechnung der AKW-Gegner, lege die BKW mit jeder Kilowattstunde Mühleberg-Strom zusätzlich zu den ungedeckten Fixkosten nochmals circa 0,5 Rappen drauf. Im Jahr entspricht das 15 Millionen Franken.

Dokumente der AKW-Gegner

Nun zu den Dokumenten, die diese Zahlen belegen sollen: Das erste wurde vom schweizerischen Gesamtbundesrat 2008 verabschiedet und beziffert die variablen Produktionskosten der Schweizer Atomkraftwerke auf Kostenbasis 1985. In Mühleberg lagen diese damals bei knapp 4 Rappen pro Kilowattstunde.

Wegen der Teuerung schlagen die AKW Gegner nun einen Rappen drauf. Zudem entstehe mit jedem weiteren Betriebsjahr zusätzlicher Atommüll, der Transport- und Entsorgungskosten verursache. Deshalb rechnen die Kritiker weitere 0,5 Rappen dazu. Dabei stützen sie sich auf eine Kostenstudie von Swissnuclear aus dem Jahr 2011. Summa summarum erhalten sie so die oben erwähnten variablen Produktionskosten von 5,5 Rappen pro kWh.

BKW erklärt die Unterschiede

Die BKW selber rechnet fürs AKW Mühleberg mit viel tieferen variablen Produktionskosten von einem Rappen pro kWh. Das sind 4,5 Rappen weniger Aufwand, als die AKW-Gegner annehmen, und 3 Rappen weniger, als der Bundesrat im Jahr 1985 berechnet hatte.

Aufgrund der von der BKW benutzten Zahlen kam deren Chefin Suzanne Thoma im erwähnten Interview zum Schluss: «Das AKW Mühleberg ist rentabel. Es trägt 120 Millionen Franken zum Konzernergebnis bei.»

Die BKW hält auf Anfrage an diesen Aussagen fest. Deren Sprecher Antonio Sommavilla begründet die Unterschiede der verschiedenen Berechnungsarten: «Die im Bericht des Bundesrats aufgeführten Zahlen stellten langfristige und durchschnittliche Angaben dar», sagt er. Demgegenüber sei die Aussage von Suzanne Thoma auf den konkreten aktuellen Betriebszustand des Atomkraftwerks und die kurzfristig anfallenden Kosten bezogen. «In der kurzen Frist ist in unserem Fall nur ein kleiner Teil der Betriebskosten als variabel zu betrachten», so der BKW-Sprecher.

Bis zur Stilllegung des Kraftwerks müsse ein sicherer Zustand gewährleistet werden. «Dies bedeutet, dass die Kosten und Aufwendungen beispielsweise für Unterhaltsarbeiten, Personal und Weiteres unverändert anfallen.»

Anders gesagt betrachtet die BKW quasi nur die Preise für die Brennstäbe als variable Kosten. Für AKW-Kritiker Markus Kühni ist diese Rechnungsart unsauber. «Wenn die BKW in fünf Jahren das Werk abstellt, fallen die Kosten für den Nachbetrieb genauso an, aufgeschoben ist nicht aufgehoben», sagt er. Umgekehrt werde das Personal nicht einfach bis 2019 Däumchen drehen, wenn das Stimmvolk jetzt den Stecker ziehe. «Für eine Verweigerungshaltung gibt es keinen Schadenersatzanspruch», sagt er.

Die Debatte zeigt es einmal mehr: Kostenrechnung ist keine exakte Wissenschaft. Die Berner Stimmbürgerinnen und Stimmbürger werden am 18.Mai entscheiden, welcher Sichtweise sie mehr Glauben schenken.

Berner Zeitung

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