Wie die FDP eine einmalige Chance verschenkte

Kanton Bern

Die Berner FDP übt sich in Optimismus und kaschiert interne Spannungen. Wo diese liegen, offenbaren die Verlautbarungen von Mutterpartei und FDP Frauen zum Abschneiden von Claudine Esseiva.

Claudine Esseiva schaffte es bei den Ständeratswahlen nur auf Platz 5.

Claudine Esseiva schaffte es bei den Ständeratswahlen nur auf Platz 5.

(Bild: Beat Mathys)

Kurz nach Sonntag Mitternacht liess die Zentrale der Berner FDP verlauten: «Der 5. Platz von Claudine Esseiva bei den Ständeratswahlen ist ein respektables Ergebnis. Wir gratulieren Claudine Esseiva dazu und danken für ihre sehr engagierte Kampagne.» Frei übersetzt aus dem Verlautbarungsdeutsch: Ein schlechtes Ergebnis, vergessen wirs.

Zwölf Stunden später traf namens der FDP-Frauen eine etwas andere Darstellung auf den Redaktionen ein: «Claudine Esseiva hat als Ständeratskandidatin der FDP alle Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern mit Bravour gemeistert. In einem äusserst intensiven und engagierten Wahlkampf war sie präsent.

Trotz geringem Budget war sie sehr präsent, hat ihre eigene und die Position der FDP einbringen und vertreten können.» Das ist, mit gewissen orthografischen und sprachlichen Mängeln, das Dokument der trotzigen Verzweiflung, mit der der unterlegene linksliberale Flügel um Christa Markwalder und den Jungfreisinnigen Tom Berger nach dem blamablen Abschneiden in der Ständeratswahl das Gesicht zu wahren versucht.

Personalprobleme der FDP

Dabei wäre die Ausgangslage für die Freisinnigen an diesem Wahlwochenende so gut gewesen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Nachdem die Partei 2011 von 15,1 auf 8,7 Prozent fast halbiert worden war, hätte sie jetzt vom Schwächeln der BDP profitieren und wieder kräftig zulegen müssen. Statt dessen erreichte sie mit einem mageren Plus von 0,7 Prozent gerade mal die Hälfte des Zuwachses, den die FDP schweizweit mit plus 1,3 Prozent verzeichnete. Anstelle der FDP, deren Wähler 2011 zur neuen BDP abgewandert war, profitierte jetzt die SVP von jenen, die sich wieder abgewandt haben.

Ein Blick in die Resultate zeigt, dass die FDP ein Personal- und ein Positionierungsproblem hat: Nicht einmal ansatzweise kamen die Kandidaten auf der Hauptliste in die Nähe der beiden Bisherigen Christian Wasserfallen (81611 Stimmen) und Christa Markwalder (63'716 Stimmen). Die mit einer aufwendigen Ständeratskampagne als Spitzenkandidatin und urbane Nachwuchskraft inszenierte Claudine Esseiva erreichte gerade mal 35'449 Stimmen. Der anvisierte Sitzgewinn ist trotz bester Aussichten krachend gescheitert.

Während die Mutterpartei in der letzten Legislatur den Grundstein für das Wiedererstarken in einer Mitte-rechts-Positionierung gelegt hat, verharrt die Berner FDP in der Falle der Mitteparteien: Sie ist, zumindest in der Aussenwahrnehmung, weder klar bürgerlich noch linksliberal. Mit ihrer Ständeratskandidatur legte sie den Akzent ausgerechnet am vermeintlich ausgemusterten linken Flügel. Dazu kamen im Wahlkampf Spannungen mit der reichlich selbstbewussten, beratungsresistenten Kandidatin, die sich bald den Übernamen «Madame» eingehandelt hatte.

Keine Klärung in Sicht

Allerdings deutet wenig darauf hin, dass die Ernüchterung vom Wochenende zur parteiinternen Klärung führt. Zu verbreitet scheint in der Parteispitze die Furcht vor neuen Flügelkämpfen. Etliche vertreten auch die Meinung, das Problem regle sich von selbst, die Tendenz in Richtung einer klareren bürgerlichen Haltung sei stark, die Nomination Esseivas gewissermassen ein Betriebsunfall.

Ob diese Einschätzung stimmt, zeigt sich, wenn die FDP ihre Position für den zweiten Ständeratswahlgang bekannt gibt. Gibt der Vorstand nach dem Rückzug der FDP-Kandidatur die Parole für ein bürgerliches Ticket mit Albert Rösti und Werner Luginbühl durch, hat sich der rechte Flügel durchgesetzt. Es wäre auch eine Desavouierung Esseivas, die eine Unterstützung Röstis intern vehement bekämpft.

Dennoch bleibt der Spagat der Berner FDP womöglich auf Jahre hinaus zementiert Falls einer der Bisherigen zurücktritt, rückt Esseiva als erste Ersatzfrau nach. Damit wäre die Partei weiterhin mit einer Galionsfigur des linken Parteiflügels in der grossen Kammer vertreten. Dabei zeigt das Wahlresultat eines Christian Wasserfallen deutlich, welches freisinnige Profil zurzeit Anklang findet.

Berner Zeitung

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