Wie die Berner SVP dem linken Ansturm aus der Stadt widersteht

In Vororts- und Landgemeinden, die stark wachsen, legt auch die SP zu. Die SVP aber verliert. Dieses Muster aus dem Grossraum Zürich spielt im Kanton Bern noch kaum.

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Die Gemeinde Kirchlindach ist ein Puzzle von Feldern, Wäldern und Dörfern, idyllisch ausgebreitet zwischen Frienisberg und Aare. Jahrzehntelang sagte hier die SVP, was gilt. Und ein durch und durch bürgerlicher Gemeinderat setzte es um. Dann begann Kirchlindach zu wachsen.

In den Neubausiedlungen an der Aare, die zur rot-grünen Stadt Bern hinüberblicken, kamen Neuzuzüger mit Kindern an. Die Gemeinde legte in zehn Jahren von 2600 auf fast 3000 Bewohnerinnen und Bewohner zu. Bei den Gemeindewahlen von 2010 spürte man davon noch nichts. Die Wahlen von 2014 aber brachten eine Revolution.

Umsturz in Kirchlindach

Die SP wurde mit einem Stimmenanteil von 27,4 Prozent stärkste Partei und holte gleich zwei der fünf Gemeinderatssitze. Für die SVP sitzt nur noch ein einziger Vertreter in der Exekutive.

Erst noch ein Parteiloser: Gemeindepräsident Werner Walther. «In Kirchlindach sind ein Rutsch und ein Generationenwechsel passiert», sagt Christoph Grosjean-Sommer (50), einer der beiden neuen SP-Gemeinderäte.

Lange sei die Gemeinde von ein paar starken Figuren, meist der SVP, dominiert worden, erinnert sich Grosjean, der im Dorf Kirchlindach aufgewachsen ist. «Die SVP ist immer noch stark, hat aber ihre Allmachtstellung verloren», analysiert er.

Bevölkerungsentwicklung im Kanton Bern

Die alten Seilschaften kritisieren nun bisweilen an der Gemeindeversammlung den Gemeinderat und die verjüngte Gemeindeverwaltung. Denn die neue Politgarde denkt modern in Strategien und Zielen. In Kirchlindach wird nun offen debattiert. «Wir sind im Mehrparteiensystem angekommen», kommentiert Grosjean.

Das Land wächst links

«Das Land wächst links». So beschrieb der Winterthurer «Landbote» kürzlich den Trend, dass selbst in Zürcher Landregionen wie dem Tösstal und dem Weinland das Wachstum durch Neuzuzüger aus dem Grossraum Zürich der SP zugutekommt. Wenn eine Gemeinde wachse, lege die SP zu und die SVP verliere Stimmen­anteile, konstatierte die Zeitung.

Das Phänomen zeigt sich auch im Kanton Aargau. Bei den Kantonswahlen 2016 legte die SP in der Wählergunst um 3,7 Prozent zu und wurde zweitstärkste Kraft. Die dominante SVP verlor allerdings kaum. Die SP verzeichnete sogar in ländlichen Bezirken Gewinne.

Im November 2017, bei den Wahlen in grösseren Orten mit Gemeindeparlament, bestätigte die SP den Trend. Sie eroberte dreizehn zusätzliche Sitze, während die SVP sechzehn einbüsste.

Diese Verschiebung spielt sich vor allem in den Kleinstädten Aarau, Brugg, Baden, Rheinfelden oder Zofingen ab. Denn dorthin ziehen – oft aus Kostengründen und wegen Wohnungsnot – Aussiedler aus den grossen rot-grünen Städten Zürich, Basel und Bern.

SP wächst auf tiefem Level

Zeigt der Fall Kirchlindach, dass die politische Umschichtung auch den Kanton Bern erreicht hat? Das untersuchte diese Zeitung mit einer ausgedehnten Datenanalyse.

In den rund 60 Berner Gemeinden, die in den letzten zehn Jahren am stärksten gewachsen sind (siehe Grafik), wurde ausgewertet, wie sich die lokalen Mitgliederzahlen von SVP und SP, die kommunalen Stimmenanteile der beiden Polparteien bei den Nationalratswahlen sowie die Erfolge bei Gemeindewahlen entwickelt haben.

Ein erstes Fazit: Bern tickt anders. Die Berner SVP hält sich selbst in den Wachstumszonen gut oder legt dort gar zu. Die SP aber wuchs nur vereinzelt.

Bei den Parteimitgliedern scheint sich der linke Wachstumstrend auf den ersten Blick zu bestätigen. Laut SP-Kantonalpräsidentin Ursula Marti ist die Berner SP seit einer Trendwende im Jahr 2016 wieder leicht gewachsen, von 6300 auf 6500 Mitglieder. Obwohl die Mitgliederbeiträge bei der SP ans Einkommen gebunden und dadurch höher sind als bei der Berner SVP.

Letztere verliert leicht und kontinuierlich, bestätigt deren Geschäftsführerin Aliki Panayides. Allerdings befindet sich die Berner SVP mit derzeit 14 800 Mitgliedern auf einem deutlich höheren Niveau. Die SP durchlebte von 2011 bis 2016 überdies eine empfindliche Schrumpfung von 7200 auf 6300 Aktive.

In den Wachstumsgemeinden verzeichnen aber beide Polparteien von 2005 bis 2017 anhaltende Mitgliederverluste. SVP-Lokalsektionen gehen zum Beispiel von 150 auf 110, SP-Sektionen von 50 auf 30 Mitglieder zurück.

Das hat allerdings mehr mit dem generellen Mitgliederschwund örtlicher Vereine als mit einer politischen Tendenz zu tun. Beiden grossen Parteien setzen Überalterung und Todesfälle zu.

SVP legt breiter zu als SP

Aussagekräftiger ist, wie sich die kommunalen Stimmenanteile bei den Nationalratswahlen von 2007 bis 2015 verschoben haben. Die SVP musste in diesem Zeitraum in wachsenden Gemeinden tatsächlich Rückschläge hinnehmen. Etwa in den Städten Bern, Burgdorf und Köniz.

Ebenso in den Vororten Belp und Kirchlindach oder in Konolfingen. Allerdings erreichte die Volkspartei in Belp immer noch einen Stimmenanteil von 34 Prozent. Selbst im urban tickenden Köniz und Burgdorf liegt der SVP-Anteil über 20 Prozent.

In den regionalen Zentren Interlaken, Aarberg, Lyss und Thun aber legte die SVP deutlich zu. Ebenso in Vorortsgemeinden wie Heimberg, Hindelbank oder Pieterlen. Der SVP-Anteil in ländlichen Wachstumsgemeinden liegt bei konkurrenzlos hohen 30 bis 40 Prozent.

Die kommunalen Anteile der SP und des rot-grünen Lagers sanken bei den nationalen Wahlen flächendeckend – und weit stärker als bei der SVP. Nur in Köniz, Ostermundigen, Belp, Münsingen, Burgdorf, Konolfingen, Schwarzenburg, Aarberg und Biel blieb der linke Anteil stabil, aber jeweils auf einem Niveau von 20 bis maximal 30 Prozent.

Die ­Gesamtbilanz: Die SP hat nur in 3 wachsenden Berner Gemeinden wirklich zugelegt. Die SVP musste zwar in 27 dieser Gemeinden Verluste hinnehmen, in 15 Gemeinden aber steigerte sie sich.

Parteipräsidentin Ursula Marti hat eine Vermutung, wie die SP-Verluste entstanden: «In vielen Gemeinden war die SP lange die einzige Alternative zur SVP und erreichte dadurch einen überproportional hohen Stimmenanteil.» Mit der Gründung lokaler BDP- und GLP-Sektionen habe sich dieses Bild dann korrigiert.

Beharrungskraft der SVP

Wie die beiden Polparteien von 2008 bis 2016 bei Gemeindewahlen abschneiden, unterliegt lokalen Eigenheiten und lässt sich schlechter vergleichen als bei nationalen Wahlen. Eines aber zeigen Lokalwahlen in Wachstumsgemeinden klar: Die SVP hat ein grosses Beharrungsvermögen.

In Herzogenbuchsee, Jegenstorf, Konolfingen, Neuenegg oder Vechigen verlor die SVP zwar Stimmenanteile, aber kaum Gemeinderatssitze. In der Agglomerationsgemeinde Belp legte sie gar um einen Gemeinderatssitz zu. Auch in den Agglogemeinden Kehrsatz, Heimberg, Urtenen oder Matten bei Interlaken steigerte die SVP ihren Wähleranteil. Selbst in grossen Gemeinden mit einem Gemeindeparlament, wo die SP meist stark ist, konnte die SVP zulegen, nämlich in Lyss, Münsingen und Zollikofen.

Die SP konnte ihre angestammten ein bis zwei Gemeinderatssitze meist halten, zusätzliche Sitze eroberte sie in den Wachstumsorten Belp, Kirchlindach, Herzogenbuchsee, Niederbipp und Schüpfen. In Konolfingen, Moosseedorf und Oberbipp aber verlor sie je einen Gemeinderatssitz.

Auch in Gemeinden mit Parlament gab es für die SP zum Teil Verluste, so in Zollikofen und Lyss. SP-Präsidentin Ursula Marti führt die Verluste auch auf die zuweilen dünne Personaldecke lokaler SP-Sektionen zurück: «Wenn populäre und charismatische Personen abtreten und wir keinen vergleichbaren Ersatz haben, kann das zu einem Sitzverlust führen.»

SVP verdaute Verluste an BDP

Die Zahlen lassen noch einen weiteren, erstaunlichen Schluss zu: Der SVP hat der Auftritt der neuen Mitteparteien, der BDP und der Grünliberalen, weit weniger geschadet als dem linken Lager. Ihre anfänglichen Verluste an die BDP hat die SVP schon wettgemacht.

Der zweite Schluss: Das rot-grüne Lager ist im Kanton Bern nur auf einem Archipel einiger Zentrums- und Agglomerationsgemeinden dominant. Allen voran in der Stadt Bern und dann in Köniz, Ostermundigen, Münsingen, Biel sowie in Burgdorf.

Wenn im kommenden November in Kirchlindach Gemeindewahlen stattfinden, ist die Wiederwahl von SP-Gemeinderat Christoph Grosjean-Sommer nicht garantiert. «Die Bürgerlichen werden sich wohl etwas einfallen lassen», sagt er. Noch ist der Vormarsch der SP in den Berner Vororten nicht gefestigt.


Interaktive Karten zum Bevölkerungs- und Parteiwachstum in den Gemeinden des Kantons Bern unter www.bernerzeitung.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.03.2018, 09:49 Uhr

Wo Bern wächst

Von 2006 bis 2016 stieg die Bevölkerung des Kantons Bern laut Bundesamt für Statistik von 960 967 auf 1 017 662 Personen an.

Dieser Zuwachs entfällt auf die grösseren Zentren Bern, Köniz, Biel, Thun, Lyss, Burgdorf oder Interlaken sowie auf Agglomerationsgemeinden wie Heimberg bei Thun, Ostermundigen oder Bremgarten bei Bern und Lengnau oder Studen bei Biel.

Deutlich zugelegt haben auch grössere Orte auf der Hauptverkehrsachse Thun–Bern–Biel: Wichtrach, Münsingen, Belp oder Schüpfen.

Das Berner Wachstum ist aber nicht flächendeckend. Es gibt auch stagnierende zentrumsnahe Gemeinden mit fehlender Wohnbautätigkeit. Etwa Bolligen oder Wohlen. Die Wachstumsrekordhalter sind gut erschlossene Gemeinden auf dem Land, die neue Wohnquartiere hochgezogen haben: Ins, Aarberg, Herzogenbuchsee, Niederbipp, Grosshöchstetten, Konolfingen, Hindelbank oder Laupen und Neuenegg. Die meisten ­Gemeinden im Hügelland, im Oberland oder im Berner Jura haben kaum Zuwachs. (svb)

Analyse des Politgeografen

Dass die SP ausserhalb der Stadt Bern nicht zulegt wie im Aargau, liegt laut Polit­geograf Michael Hermann am schwachen Berner Wachstum. Der rot-grüne Exodus aus der Stadt ist erst zaghaft.

Der Zuwachs der SP wie auch der Schwund der SVP fällt in bernischen Wachstumszonen deutlich schwächer aus als im Kanton Zürich oder im Aargau. Der Zürcher Politgeograf Michael Hermann, der im bernischen Huttwil aufgewachsen ist, hat dafür eine Erklärung: das unterdurchschnittliche Berner Wachstum. «Im Grossraum Zürich ist die demografische und ökonomische Entwicklung dynamischer.» Aus dem boomenden und sich verteuernden Zürich mit seinem tiefen Leerwohnungsbestand werden Leute ins Umland abgedrängt. Im Kanton Bern aber seien der Urbanisierungsdruck und die Verdrängungskräfte schwächer, sagt Hermann.

Schwaches Wachstum

Seit dem Jahr 2000 hat die Schweizer Bevölkerung um 16 Prozent zugelegt, die bernische aber bloss um 8 Prozent. Andere Kantone wachsen viel schneller. «Das Berner Wachstum findet ja im Kanton Freiburg statt», frotzelt Hermann. Eine wachsende Zahl von Bernerinnen und Bernern ist in den steuerlich günstigeren Nachbarkanton gezogen. Weil auch viele Leute aus dem Ballungsraum am Genfersee in den billigeren Kanton Freiburg dislozieren, gehört dieser zu den Schweizer Wachstumschampions. In Freiburg verzeichnet auch die SP Zuwachsraten.


Michael Hermann

Für Hermann gibt es eine Korrelation von Urbanisierungsdruck und SP-Erfolg. Im Kanton Bern spiele dieser Effekt nicht flächendeckend wie in der Grossregion Zürich oder im Aargau, sondern erst in Einzelgemeinden wie Münsingen oder Kirchlindach. Die einzige Berner Kleinstadt, die wie Aarau oder Baden urbaner und linker wird, sei Burgdorf.

Hermann warnt noch vor einem Missverständnis: «Zuzüger sind nicht automatisch links.» Wer freiwillig aus der Stadt in die Vororte oder aufs Land ziehe, sei eher bürgerlich. Wer unfreiwillig – zum Beispiel aus Kostengründen – aus der Stadt abgedrängt werde, ticke eher links. Der Links-rechts-Gegensatz drücke sich heute so aus, dass Bürgerliche tendenziell Vertreter des Privatsektors, Linke jene des Staats seien. «Eine Stadt wie Bern mit drei staatlichen Verwaltungsebenen ist also für Linke ein Paradies», sagt Hermann.

Berner SP tickt noch ländlich

Er verweist noch auf eine weitere Berner Besonderheit: «Die SP des Kantons Bern unterscheidet sich von der sehr städtisch geprägten SP im Kanton Zürich.» Bis heute habe sich die Berner SP in Gewerbler- oder Eisenbahnerkreisen auf dem Land gehalten. «Es gibt typische Berner Land-SPler wie den früheren Langnauer Gemeindepräsidenten Bernhard Antener», sagt Hermann.

Das weite, Richtung Romandie offene Seeland sei lange durch eine politische Weltoffenheit geprägt gewesen, die dem Berner Grundkonservatismus eigentlich widerspreche. «Das korrigiert und normalisiert sich nun», verweist Hermann etwa auf Lyss. Die dortigen Zugewinne der SVP zeigten, wie Lyss zu seinen konservativen Wurzeln zurückkehre.

«Auch die Berner SP wird aber urbaner», sagt Hermann. Ihre jüngeren, national bekannten Exponenten sind Städter wie Ursula Wyss, Matthias Aebischer oder Evi Allemann. Bei den Zürcher SP-Bundesparlamentariern kommen acht von zehn aus der Stadt Zürich oder aus Winterthur. Wenn sich dieser Trend auch in der Berner SP durchsetze, werde sie in Landeregionen vermehrt Widerstand verspüren, prognostiziert der Politgeograf. svb

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