Wie beim Kies gekämpft wird

Die Steine sind der wichtigste Rohstoff der Bauindustrie. Um sich die Ressource zu sichern, gehen Firmen oft rücksichtslos vor.

In der Schweiz tobt seit Jahrzehnten ein Kampf um Kies.

In der Schweiz tobt seit Jahrzehnten ein Kampf um Kies.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Benjamin Bitoun

Absprache bei den Listenpreisen, den Liefergebieten und den Mengenrabatten. Sonderzahlungen, wenn Kies und Beton ausschliesslich bei ihnen gekauft werden, und die Absicht, den Wettbewerb einzuschränken: Das Urteil der Wettbewerbskommission (Weko) zuungunsten der Kieshersteller Alluvia und Kästli liest sich wie eine einzige Definition des Wortes «Kartell». Es wirft Licht auf eine ansonsten sehr verschwiegene Branche.

Ohne Kies keine Strassen

Doch auch wenn sich die Behörden bisher kaum dafür interessiert haben: In der Schweiz tobt seit Jahrzehnten ein Kampf um Kies. Der Grund hat mit seiner Bedeutung zu tun: Kies ist nach Öl, Kohle und Erdgas weltweit der viertwichtigste Rohstoff.

«Wir müssen in diesem Umfeld eigene Ressourcen haben. Sonstdiktieren uns die wenigen Anbieter den Preis.»Einkaufschef einer Baufirma

Für die Bauindustrie ist er für die Herstellung von Beton und Asphalt und als Unterlage für Strassen zentral. «Kies ist das einzige Gold, das die Schweiz hat», soll Rudolf Marti, Patron der gleichnamigen Berner Bauunternehmung, dem Vernehmen nach den Wert der Steine auf den Punkt gebracht haben.

Der Einkaufschef einer anderen Baufirma formuliert es so: «Wir müssen in diesem Umfeld eigene Ressourcen haben. Sonst diktieren uns die wenigen Anbieter den Preis.»

Hohe Transportkosten

Wenn sich einige der wenigen Anbieter noch zu einem Kartell zusammenschliessen, verschärft sich die Lage zusätzlich. Ein weiteres Problem: Kies ist ein lokales Geschäft. Bereits nach 20 gefahrenen Kilometern überwiegen die Kosten für den Transport den Wert der Ladung. Das hat zur Folge, dass schweizweit tätige Bauunternehmen versuchen, sich den Zugang zu Kiesgruben im ganzen Land zu sichern. Dabei gehen sie oft rücksichtslos vor. Zufahrtsstrassen werden blockiert, Drohungen ausgesprochen oder auch einmal ein Auto in Brand gesteckt, wie vor einigen Jahren im Luzerner Hinterland.

Blockieren mit Einsprachen

Als einer der aggressivsten der Branche gilt die Marti-Gruppe. Gegen den Berner Bauriesen ermittelt die Weko in einem zweiten Verfahren. Vor knapp einem Jahr wurde durch ein Bundesgerichtsurteil deutlich, mit welchem System Marti versucht hatte, sich Zugriff auf die Kiesgrube eines Konkurrenten zu verschaffen und diesen zu verdrängen.

Das System, das Brancheninsidern zufolge auch von anderen angewandt wird, funktioniert so: Die Unternehmen verfolgen, bei welchen Gruben in der Schweiz Erweiterungen geplant sind. Über Tochterfirmen oder Strohmänner versuchen sie, sich an das neue Abbaugebiet grenzende Grundstücke zu sichern oder deren Besitzer mit finanziellen Zuwendungen für sich zu gewinnen.

Einmal im Besitz eines solchen Grundstücks wird der Alteingesessene vor die Wahl gestellt: Entweder er teilt den Kies mit dem Neuling, oder das Abbauprojekt wird durch Einsprachen über Jahre hinaus blockiert. Für kleinere Grubenbesitzer bedeutet das oftmals den Ruin.

Gleich dreifach lukrativ

Doch nicht nur der Wert als Rohstoff macht das Geschäft mit dem Kies so hart umkämpft und lukrativ. Abbauer verdienen gleich dreimal: zuerst durch die Förderung, dann beim Rekultivieren und zuletzt beim Bebauen der Fläche. Zudem bringe das Deponieren von Aushubmaterial in den leeren Gruben heute fast noch mehr Geld ein als der Kiesabbau, sagt ein Werkbetreiber.

Berner Zeitung

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