Wer im Netz gewinnen würde

Beim Wahlkampf im Internet sind die Regierungsratskandidaten sehr unterschiedlich unterwegs. Vom Virtuosen über den Durchschnitts-User bis hin zum Internetmuffel findet sich alles.

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Plakate, Standaktionen und Podiumsgespräche sind nur ein Teil des Wahlkampfs um die beiden frei werdenden Sitze in der Berner Regierung. Der andere findet in der digitalen Welt statt, auf Website und auf sozialen Medien. Hier sind zwar alle Kandidaten präsent, zeigen aber unterschiedliches Engagement.

Am professionellsten ist Pierre Alain Schnegg im Netz unterwegs. Seine Website aktualisiert der bernjurassische SVP-Mann schnell, sie ist klar gegliedert, mutet seriös an, aber nicht langweilig. Wer sie liest, kann lange verweilen und weiss danach vieles über Schnegg als Politiker und Person. Man kann sogar durch die Bilder schmökern, die der 53-Jährige von Landschaften und Insekten schiesst. Auf Twitter (3458 Tweets, 832 Follower) hat er als einziger Kandidat eine Wahlkampagne gestartet mit Porträts und Aussagen von Personen, die ihn unterstützen. Seine Facebook-Politiker-Seite (767 Likes) kann sich ebenfalls sehen lassen, auf dem privaten Profil dominieren Bilder von Wahlanlässen sowie Selfies diverser Leute mit Guggisberg-Schnegg-Mützen. Schnegg war Chef einer Softwarefirma. Die Affinität zur virtuellen Welt merkt man.

Lars Guggisberg (SVP), mit 38 Jahren der jüngste Kandidat, hat mit 1125 Likes die beliebteste Facebook-Seite. Auf dem privaten Profil sind die Wahlen sekundär, dort postet er vor allem Bilder von Ausflügen mit seiner Frau Chantal. Auf Twitter (51 Tweets, 113 Follower) hat Guggisberg keine 10 Tweets abgesetzt, seit er kandidiert. Die Website ist solide und versucht sich mit einer persönlichen Note: Unter Lars’ Top 6 zählt Guggisberg Orte auf, die er gerne mag – wie den Tennisclub Zollikofen oder die Elsigenalp. Leider wird dabei nicht so ganz klar, was das soll. Mit seinen Videos aus dem Grossratswahlkampf von 2010 können die Lieblingsorte jedenfalls nicht mithalten. In einem der Clips erzählt er zum Beispiel, dass er den öffentlichen und den Individualverkehr gleichermassen fördern will.

Das Beste an Christoph Ammanns Website ist das Titelbild. Im Vordergrund sieht man die Stadt Bern, dahinter Eiger, Mönch und Jungfrau. Darunter steht: «Der Brückenbauer zwischen Stadt und Land». Das spielt gut zusammen und prägt sich ein. Ansonsten ist die Seite etwas nüchtern, aber zweckmässig und übersichtlich: Man findet auf der Website des SP-Mannes, was man wissen sollte. Damit hat es sich dann aber auch schon. Dass man einen Twitteraccount aktiv nutzen kann, scheint der 46-Jährige (115 Follower) erst Mitte Januar entdeckt zu haben: Er hat zwar seit März 2012 ein Profil, setzt allerdings erst seit dem 21. Januar dieses Jahres regelmässig Tweets ab. Diese drehen sich ausschliesslich um die Wahlen. Auf Facebook hat er keine Politikerseite, sondern wird von einer Gemeinschaft portiert – seinem Unterstützungskomitee. Dieses postet vor allem Links zu Presse­artikeln über Ammann. 187 Personen gefällt das.

Am wenigsten Follower auf Twitter (65) hat Roberto Bernasconi.Der bernjurassische Kandidat der SP hatte bis vor wenigen Tagen ein einziges Mal etwas getwittert, im Mai 2014: Er begrüsste seinen Parteikollegen Michael Aebersold. Offenbar erhielt der 51-Jährige nun eine Twitter-Beratung. Der Begrüssungs-Tweet ist verschwunden, stattdessen retweetete er Beiträge der Berner SP sowie von Parteigenossen und setzte seit dem 26. Januar drei eigene Wahlkampf-Tweets ab. Auf Facebook ist er schon länger aktiv: Seine Politikerseite gefällt 384 Personen, und auch sein privates Profil (939 Freunde) ist geprägt von Bildern von Standaktionen und ­Auftritten. Enttäuschend mutet die Website an. Bernasconi erzählt kurz, wer er ist, weshalb er kandidiert und welche Themen ihm am Herzen liegen – die Wirtschaftsförderung und ein guter Service public etwa. Wer unter «Politik» mehr erfahren will, landet aber direkt auf der Homepage des Grossen Rates. Das ist ein bisschen gar einfach.

Bei Patrick Gsteiger sucht man vergeblich nach einer eigenen Homepage, sondern stösst lediglich auf die Berner EVP und den Grossen Rat. Es gibt einen Wikipedia-Beitrag, der auf Facebook unter einer «Interesse»-Seite das einzige ist, was über Gsteiger zu finden ist. Das gefällt einer Person. Auf seinem privaten Facebook-Profil erfuhr man erst vorgestern, dass Gsteiger für den Regierungsrat kandidiert: Weil er sein Profilbild aktualisierte und darauf sein Wahlplakat mit zu sehen ist. Immerhin hat der 48-Jährige einen Twitter-Account, der seit November auf die aktuellen Wahlen eingestellt ist. Gsteiger verweist zudem auf Artikel mit Themen, die ihn interessieren: Die Jobsuche für qualifizierte Flüchtlinge oder Reto Nauses Liebäugelei mit dem CVP-Präsidium zum Beispiel. Mit 35 Tweets und 85 Followern läuft aber auch Gsteigers Twitteraccount eher bescheiden.

Der parteilose Bruno Moser, der für jede erdenkliche Wahl antritt, hat hingegen eine Website. Sein Hauptanliegen wird darauf klar (er will mit einer Bodenwertsteuer das politische Steuersystem umkrempeln), allerdings auch, dass er vor allem gerne provoziert. Auf Twitter (1837 Tweets, 199 Follower) ist kein Wahlkampf zu erkennen, ebenfalls nicht auf Facebook (4488 Freunde, keine Politikerseite). Vielmehr twittert oder postet der 54-Jährige so unterschiedlichen Content wie Beiträge zum Nahost-Konflikt oder das Bild einer unter Wasser abgefeuerten Waffe.

Fazit:Im Netz würden wohl die beiden SVP-Männer gewählt werden. Schnegg profitiert dabei von seinem beruflichen Hintergrund, Guggisberg liegt diese Art der Kommunikation wegen seines verhältnismässig jungen Alters wohl näher als anderen. Christoph Ammanns Website ist in Ordnung, auf den sozialen Medien sollte er noch zulegen. Roberto Bernasconi hat sich immerhin kürzlich an seinen Twitter-Account erinnert, müsste aber unbedingt seine Website überdenken. Patrick Gsteiger hätte dringend ein Coaching nötig, und Bruno Moser meint es wohl doch nicht ganz so ernst.

Berner Zeitung

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