«Was soll die Demokratie, wenn keiner sie nutzt?»

«Eine tiefe Beteiligung kann uns auf die Dauer nicht egal sein», sagt Politikkenner Claude Longchamp. Er analysiert die Wahlabstinenz.

Claude Longchamp machte im Wahlkampf eine «aussergewöhnliche Themenarmut» aus.

Claude Longchamp machte im Wahlkampf eine «aussergewöhnliche Themenarmut» aus.

(Bild: Keystone)

Der Ausgang der Kantonswahlen vom Wochenende war allzu absehbar, nur die Reihenfolge der Gewählten musste noch bestimmt werden. Und die Kantonspolitik ist halt für viele abstrakt, unsexy.

Eine Zwischenebene – zu wenig glamourös und zu weit weg von der Haustür. Es ist also nicht weiter erstaunlich, dass die Wahlbeteiligung bei tiefen 30,5 Prozent lag.

Politikforscher Claude Longchamp weiss, dass dies der zweittiefste Wert in der Berner Wahlgeschichte ist. Nur 2002 lag er mit 29,5 Prozent noch tiefer. Solche Marken hält er für beunruhigend. Denn sie bedeuten, dass es bei einigen sozialen Schichten und Altersgruppen «markante Repräsentationsdefizite» gebe.

Alte wählen lieber

Longchamp holt aus: Weltweit lässt sich beobachten, dass Angehörige höherer sozialer Schichten eifrigere Wähler sind. In der Schweiz ist die Wahlbeteiligung auch eine Altersfrage.

Während die ganz Jungen zuerst neugierig wählen gehen, erreicht die Wahllust bei den 22-Jährigen einen Tiefpunkt, hat Longchamp herausgefunden. «Sie sind frustriert, weil sie oft verlieren und wenig bewirken können.» Dann nehme die Wahlbegeisterung sukzessive zu, bis sie bei den 75-Jährigen den Höhepunkt er­reiche.

Je tiefer also die Beteiligung, desto höher der Anteil der Alten. Weil der Kanton Bern seine Wahlresultate nicht statistisch auswerten lässt, kann Longchamp nur schätzen, dass am Wochenende bloss 10 bis 15 Prozent der 22-Jährigen, aber über 45 Prozent der 75-Jährigen an die Wahlurne gingen. «Das ergibt ein krasses Missverhältnis von 1 zu 3», kommentiert er.

Wahlen brauchen Appetizer

«Was die Stimm- und Wahlbeteiligung fördert, ist ein Wettbewerb um Köpfe und Ideen», sagt Longchamp. Als sich 2011 Ursula Wyss (SP) und Adrian Amstutz (SVP) in der Ständeratsersatzwahl gegenüberstanden, wählten 46 Prozent.

Was sie laut Longchamp an die Urne trieb, war das Motto: «Der oder die sicher nicht». Nach diesem Muster gab es bei den Wahlen einen Anti-Schnegg-Effekt, allerdings bloss in den Städten.

«Was die Beteiligung fördert, ist ein Wettbewerb um Köpfe und Ideen.»Claude Longchamp

Longchamp macht im jüngsten Wahlkampf eine «aussergewöhnliche Themenarmut» aus. 2010 habe die Konkurrenz von SVP und BDP die Wahlen dominiert. Nun gab es bloss den leisen Anti-Schnegg-Effekt. Diskussionsstoff hätte noch der kühne Gemeindefusionsvorstoss des Regierungsrats geben können. Doch die Parteien scheuten davor zurück.

Sollte man die Berner Wahlen auf einen Termin mit kontroverser nationaler Vorlage legen– wie die epochale No-Billag-Frage, die im Kanton Bern über 50 Prozent an die Urne lockte? Longchamp winkt ab.

2002 habe die SVP bei den Aargauer Kantonswahlen von 25 auf 35 Prozent Wähleranteil zugelegt, weil auch über eine europafreundliche Initiative abgestimmt worden sei, erwähnt er ein abschreckendes Beispiel. Seither weiss man, dass eine hohe Beteiligung die extremen Lager, also die Polarisierung fördere.

Das aber widerspricht gerade der im Kanton Bern typischen Politkultur des Pragmatischen und Moderaten. Seit 2002 trennt man deshalb nationale Stimm- und kantonale Wahltermine – und nimmt so tiefe Wahlbeteiligungen in Kauf. Die Berner Maxime lautet: «Lieber unschön, aber dafür unverfälscht.»

Digitale Offensive

Was lässt sich gegen das politische Desinteresse tun? Vorfrankierte Antwortcouverts und E-Voting könnten 4 bis 5 zusätzliche Prozent Stimmbeteiligung bringen, sagt Longchamp. Mehr nicht. Muss man also zu Zwang greifen? «Das wäre undemokratisch, und es sind noch intelligentere Anreize denkbar», sagt Longchamp.

Für ihn ist klar, dass der Staat seine Bürger mit neuen Methoden zur politischen Partizipation animieren muss. Insbesondere die Jungen. Denn: «Die Untervertretung der Jungen ist heute dramatischer als die der Frauen.»

Der Kanton Bern müsse sich viel aktiver auf ­Social Media engagieren. Denn politische Debatten laufen heute vermehrt auf Twitter. Und gegen die Durchsetzungsinitiative hat die junge Operation ­Libero den ersten digitalen Abstimmungskampf der Schweiz geführt.

Longchamp ist überzeugt: «Es gibt eine untere Grenze der Beteiligung, die die Glaubwürdigkeit der Demokratie bedroht.» Er fürchtet, dass dann – wie bei No Billag – gefragt wird: «Was soll die Demokratie noch, wenn sie kaum mehr jemand nutzt?»

svb

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